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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.05.2010

Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters

Brigitte Roßbeck: "Marianne von Werefkin", Siedler Verlag, München 2010, 336 Seiten

Nach einem Kunststudium in Moskau und Sankt Petersburg wird Marianne von Werefkin die einzige Schülerin des Malers Ilja Repin. (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)
Nach einem Kunststudium in Moskau und Sankt Petersburg wird Marianne von Werefkin die einzige Schülerin des Malers Ilja Repin. (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)

Sie wurde der "Rembrandt Rußlands" genannt und brillierte als Vordenkerin, Mitstreiterin und Wegbereiterin des Blauen Reiters. Dennoch ist ihr Name nur Wenigen geläufig. Marianne von Werefkin ist die vielleicht bekannteste Unbekannte einer weltberühmten Künstler-Gemeinde. Die große Malerin und wortmächtige Theoretikerin hat in der Öffentlichkeit nie die Bedeutung erlangt wie ihr Partner Alexej Jawlensky oder Künstlerkollege Wassily Kandinsky. Warum das so ist – und durchaus zu Unrecht – beschreibt Brigitte Roßbeck zum 150. Geburtstag der Malerin in einer lesenswerten Biografie.

Marianne von Werefkin wird am 29. August 1860 im zentralrussischen Tula geboren und wächst in den privilegierten Verhältnissen des Hochadels auf, mit allem, was dazugehört. Stadtpalast, Landsitz, Bedienstete, Gouvernanten, Privatunterricht. Nach einem Kunststudium in Moskau und Sankt Petersburg wird sie die einzige Schülerin des damals hochberühmten Malers Ilja Repin und feiert frühe Erfolge. "Rembrandt Rußlands" wird sie schließlich voller Bewunderung genannt. Damals ist sie 26 Jahre alt und auf dem besten Wege selbst eine Berühmtheit zu werden.

Aber es kommt anders: Alexej Jawlensky tritt in ihr Leben. Repin stellt die beiden einander vor, mit nicht zu ahnenden Folgen. Über Jahrzehnte werden Werefkin und Jawlensky aneinander gebunden sein und eine verwickelte, psychisch beladene Beziehung führen, mit viel Verzicht und Leid aufseiten der Werefkin. Aber das größte Drama und Rätsel bis heute ist: Sie verliert jegliches Zutrauen in ihr eigenes Können. Unglaubliche zehn Jahre lang wird sie kein einziges Bild mehr malen. Stattdessen setzt sie alles daran, Jawlenskys künstlerische Entwicklung voranzutreiben.

Erst 1906 – Jawlensky und sie leben längst in München, übrigens von ihrer stattlichen Pension, die sie nach dem Tod der Eltern erhält – beginnt sie wieder zu malen. Sie ist mittlerweile Zentrum einer Künstlergemeinde. In ihrem Salon treffen sich unter anderen Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Franz Marc und August Macke. Gemeinsam schreiben sie Geschichte, 1909 mit der Gründung der Neuen Künstler-Vereinigung München, 1911 mit der des Blauen Reiters.

Der Erste Weltkrieg zwingt die Russen Werefkin und Jawlensky zur Flucht in die Schweiz. Ascona wird die Heimat der Werefkin, als ihr immer berühmter werdender Partner sie nach Jahren schließlich doch verlässt. Völlig verarmt – nach der Russischen Revolution 1917 hat es mit ihrer Pension ein Ende – arbeitet Marianne von Werefkin weiter an ihrem Werk, doch der ihr gebührende Ruhm bleibt aus.

Zu Unrecht, wie Brigitte Roßbeck in ihrer lesenswerten Biografie feststellt. Als Trumpf erweisen sich dabei in Teilen bislang unveröffentlichte Quellen wie einzelne Tagebucheintragungen oder Briefwechsel; etwa die Korrespondenz mit Repin, Jawlensky oder der Freundin Lisa Della Voss, die die Biografin souverän und collageartig einzusetzen weiß. Am Ende wird deutlich, wie radikal Werefkin über Farbe und Form dachte, noch bevor andere dies taten. Ihre Lebensfreude, ihr scharfer Verstand, ihre malerische Experimentierlust, ihre Großzügigkeit und nicht zuletzt ihre Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen, wurden selten zuvor so lebendig dargestellt.

Besprochen von Eva Hepper

Brigitte Roßbeck: Marianne von Werefkin. Die Russin aus dem Kreis des Blauen Reiters
Siedler Verlag, München 2010
336 Seiten, 22,95 Euro

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