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Rang I | Beitrag vom 12.12.2015

"Die Physiker" am Jungen Schauspiel HannoverUmsatzsteigerung mit der Weltformel

Von Michael Laages

Friedrich Dürrenmatt, aufgenommen in Locarno im August 1990 (picture alliance / dpa / Christoph Ruckstuhl)
Friedrich Dürrenmatt, aufgenommen in Locarno im August 1990 (picture alliance / dpa / Christoph Ruckstuhl)

Wenn sich zwei Staaten um die Weltformel und um die Macht streiten - gewinnt am Ende die Privatwirtschaft. Am Jungen Schauspiel Hannover ist Dürrenmatts "Die Physiker" gewitzt und klug im Hier und Heute angekommen.

Noch immer stürmen gerade die organisierten Schüler-Gruppen eine "Physiker"-Inszenierung. Da war auch Florian Fiedler verblüfft, der Leiter vom Jungen Schauspiel in Hannover. Das muss wohl an der aktuellen Nachrichtenlage liegen ...

"Die Amerikaner haben sich vor ein paar Tagen zu alleinigen Besitzern des Weltalls erklärt, wo man denkt: Wer gehört eigentlich ins Irrenhaus? Und das ist ja eine Frage, die Dürrenmatt sehr zu Recht stellt – was ist eigentlich verrückt, und was ist eigentlich Wahnsinn, und wer ist eigentlich wahnsinnig? Diese Fragen, aber auch die nach der Verantwortung von Wissenschaft, auch der Verantwortung von uns selber, wie wir damit umgehen – all diese Themen sind natürlich da."

Gut: Der Text hat beim ersten Hinlesen auch leicht angestaubte Seiten. Aber voll verschiedenster Wirkungen steckt das Durcheinander aus Krimi, Tragödie und Groteske, wie Dürrenmatt es pfiffig konstruiert hat, um die als wahnsinnige Physiker getarnten Geheimdienstler, die für ihre jeweilige Weltmacht ein echtes Universal-Genie kapern sollen, das sich im Wissen um die Sprengkraft der eigenen Erkenntnis ins Irrenhaus geflüchtet hat. So bekennt der freiwillig Verrückte das Motiv des eigenen Rückzugs:

Möbius: "Es gibt Risiken, die man nie eingehen darf – der Untergang der Menschheit ist ein solches. Was die Welt mit den Waffen anrichtet, die sie schon besitzt, wissen wir ... was sie mit jenen anrichten würde, die ich ermögliche, können wir uns denken."

Und natürlich war es die Atombombe, die Dürrenmatt in noch weit schlimmere Alpträume trieb ... Einer der physikalischen Groß-Geister (der als erster die eigene Krankenschwester erdrosselte, die ihm aus Liebe hinter die Maske geschaut hatte) spielt dem ermittelnden Kommissar den schwarzen Peter bei Nutzung und Missbrauch der Technik zu – Maschinen seien ja erst richtig gut, wenn sie unabhängig von aller Theorie für jedermann nutzbar sind, sagt er:

Newton: "... deswegen kann doch heute jeder Volltrottel eine Glühbirne zum Leuchten bringen – oder eine Atombombe zur Detonation! Warum weigern Sie sich nicht, einen Lichtschalter zu betätigen, wo Sie doch von Elektrizität so überhaupt nichts verstehen? Sie sind hier der Verbrecher, nicht ich. – Sie sollten sich selber verhaften, Richard!"

Psychiaterin als einzig wirklich Verwirrte

Das ist wohl wahr – Schuld wird die Menschheit selber sein am eigenen Untergang. Die oberste Psychiaterin im Stück, die einzig wirklich Verwirrte in der eigenen Klinik, hat ja dem weise schweigenden Meister-Physiker Möbius genau diese schrecklichste Wahrheit entgegen gehalten – dass die Flucht ganz nutzlos war und Verschweigen dem Denker nichts nützt:

Psychiaterin: "... er versuchte zu verschweigen, was nicht verschwiegen werden konnte. Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurück genommen werden!"

... und die "Weltformel", die Möbius fand, wird nun nur Umsatz und Gewinn des Wirtschafts-Multis der Frau Doktor mehren:

Psychiaterin: "Mein Trust wird herrschen, die Länder und Kontinente erobern – zuallererst werde ich die Weltformel für den absoluten Weltfrieden ausbeuten und ein gigantisches soziales Netzwerk gründen, das alle Menschen zu Freunden und damit kontrollierbar macht."

Newton und Einstein: "Das, das gibt’s glaub‘ ich schon ... ja, ich bin da angemeldet ..."

Vom "Facebook" des Mister Zuckerberg hat natürlich Dürrenmatt noch nichts geahnt ... aber Florian Fiedler war sehr dafür, des Autors Logik weiter zu schrauben:

"... dass sich zwei Staaten streiten um die Weltformel und um die Macht, und die Privatwirtschaft am Ende gewinnt – das ist ein Pointe, die hat der damals in dieser Dimension wahrscheinlich gar nicht geahnt. Und da sind wir heute, wenn man sich TTIP ansieht, wer da wem was diktiert und was abgeht auf der Welt, dann sind wir genau an dem Punkt."

Dürrenmatt, ins Heute verlängert – auch Florian Fiedlers Inszenierung kommt voll von frecher Fantasie und skurrilen Einfällen daher. Auf Marie-Alice Bahras Bühne aus lauter Räumen mit weißen Krankenhaus-Vorhängen sind die tatsächlichen Patienten zunächst gar nicht recht auszumachen – gibt’s die wirklich? Oder palavern sie nur in ulkigen Videos miteinander? Da ist nicht nur der Kommissar verwirrt, der die Fälle der toten Schwestern erkundet. Einer der poetischen Momente im Stück (das hohe Lied des weisen Salomo beim Flug in den Weltraum) wird zur geschrammelten Pop-Poesie; und gelegentlich spielt das werte Publikum die unsichtbaren Kinder des großen Physikers Möbius mit:

Publikum: "Ich heiße Wilfried-Kaspar, Papi!" Möbius: "Fünfzehn ..." Frau Möbius: "Nein, fünfzehn – ich möchte Philosophie studieren!" Publikum: "Nein, fünfzehn – ich möchte Philosophie studieren!"

Zum Glück ist nicht nur ein junger Schüler-Witz geworden aus dem schon leicht betagten Stück. Florian Fiedlers hannoverscher Blick auf Dürrenmatt mag einer unter vielen sein - aber die "Physiker" sind gewitzt und klug im Hier und Heute angekommen. 

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