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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.09.2011

"Die Photovoltaik ist kein Milliardengrab"

Wissenschaftler Klaus Vajen lobt Deutschlands Rolle beim Export von Solarenergie

Klaus Vajen im Gespräch mit Gabi Wutke

Großes internationales Interesse an der Solar-Entwicklung in Deutschland (AP - Sebastian Widmann)
Großes internationales Interesse an der Solar-Entwicklung in Deutschland (AP - Sebastian Widmann)

Der "Solar World Congress 2011"-Leiter Klaus Vajen hat die Rolle Deutschlands beim Export von Solarenergie und anderen erneuerbaren Energien hervorgehoben. Die Marktdurchdringung sei in der Bundesrepublik bereits sehr hoch.

Gabi Wuttke: Die Kraft der Sonne und wie sie zu nutzen ist – darüber tauschen sich gerade über 800 Wissenschaftler aus aller Welt in Kassel aus, auf dem Solarkongress, den es seit 1955 gibt und der sich zum größten seiner Art gemausert hat. Klaus Vajen ist Professor für Solartechnik an der Uni Kassel und wissenschaftlicher Leiter der Tagung. Ich wollte am Konferenzort von ihm wissen, ob die in Deutschland entwickelte wegweisende Technik sich auch angesichts dieses Sommers vor allem für den Rest der Welt empfiehlt.

Klaus Vajen: Ja, also es gibt hohes Interesse vom Rest der Welt an der Entwicklung in Deutschland, vor allen Dingen, was den Fortschritt im Bereich der Nutzung von Solarenergie und auch von regenerativen Energien insgesamt angeht. Also die Marktdurchdringung in Deutschland ist relativ hoch. Man kommt da jetzt inzwischen an technische Grenzen, von denen andere Länder noch sehr, sehr weit entfernt sind, und insofern gibt es großes internationales Interesse, wie Deutschland mit diesen Problemen umgeht oder wie es die löst, besser gesagt.

Wuttke: Aus welchen Ländern kommt denn wofür das größte Interesse?

Vajen: Ja, das kann man so schwer sagen, also insgesamt waren Teilnehmer hier aus 66 Ländern dieser Erde, also praktisch jedes dritte Land der Welt hat einen Delegierten geschickt, um an der Konferenz teilzunehmen und die Ergebnisse mit an sein Heimatland zu transferieren. Selbstverständlich waren Deutsche die größte Teilnehmergruppe, aber interessanterweise war die zweitgrößte gleich Japan und Spanien und Brasilien, also Japan vielleicht motiviert durch Fukushima, und Brasilien als sehr interessante aufkommende New Economy, die gleich den wichtigen Weg der Energieversorgung einschlagen möchte.

Wuttke: Also hat das deutsche Know-how zur Nutzung erneuerbarer Energien das Zeug, zum deutschen Exportschlager zu taugen?

Vajen: Ja, das ist es schon. Also ich meine, das war jetzt ja keine Schau, um hier zu zeigen, wie toll wir in Deutschland sind, sondern untereinander tauschen sich weltweit die Spitzenwissenschaftler aus über ihre neuen Ideen, und wir lernen im Prinzip genauso viel von den globalen Wissenschaftlern wie die von uns. Aber Deutschland steht im Exportbereich sowohl bei Windenergie als auch bei PV-Komponenten als auch bei Maschinen, die solche Photovoltaik-Elemente produzieren können ganz hervorragend da.

Wuttke: Haben Sie denn was dazugelernt, um das Problem der Speicherung von Solarenergie bei uns zu lösen?

Vajen: Ja, da gibt es durchaus viele Ansätze zur Netzintegration, um das Netz besser zu regeln. Ein interessanter Beitrag war das sogenannte Power to Gas, also wo man Strom in Wasserstoff und den weiter zu Erdgas umwandelt. Das Erdgasnetz ist riesig, da kann sehr, sehr viel gespeichert werden, und das kann gegebenenfalls später sogar noch wieder zurückverstromt werden, sodass praktisch sämtlicher Überschussstrom sinnvoll genutzt werden kann. Das ist meines Erachtens nach ein sehr interessanter Ansatz, der uns deutlich weiterhelfen kann.

Wuttke: Unter welchen Bedingungen wäre das denn in Deutschland praktikabel, was müssten wir dazu tun?

Vajen: Wir müssen es anwenden.

Wuttke: Müssen wir dafür vielleicht auch noch ein bisschen Geld in die Hand nehmen?

Vajen: Ja, also klar, umsonst gibt es das nicht. Aber da gibt es schon Testinstallationen, also im zweistelligen Millionenbereich, also wo Firmen schon investieren in diese Technik, und da wird man sicherlich noch einiges davon hören. Es ist natürlich jetzt noch nicht auf einer nationalen Skala, aber das wird eine der Techniken sein, die dazu beiträgt, dass wir das Speicherproblem oder die fluktuierenden erneuerbaren Energien insbesondere im Strombereich in den Griff kriegen. Ein anderer Trend ist sicherlich der, dass thermische und elektrische Nutzung immer mehr zusammenwachsen, also dass man auch thermische Speicher benutzt, um gegebenenfalls elektrischen Überschussstrom zu speichern und dann thermisch wieder zu nutzen.

Wuttke: Vor 3,5 Jahren, Herr Vajen, haben Sie den Vorstoß des grünen Bürgermeisters von Marburg unterstützt, Solaranlagen zur Pflicht für alle Bürger zu machen. Damals sagten Sie, spätestens 2018 könne sich keine Stadt mehr leisten, die Dächer ungenutzt zu lassen. Sehen Sie das heute immer noch so?

Vajen: Wo haben Sie das denn ausgegraben?

Wuttke: Oh, wir haben ein sehr, sehr hübsches Archiv.

Vajen: Also es ist ja gar nicht mehr fürchterlich viel ungenutzt, wenn man guckt. Also wenn Sie durch bestimmte Gegenden fahren, ist inzwischen fast jedes Dach genutzt und das ist auch gut so, das wird auch noch weiter zunehmen, da habe ich keinen Zweifel dran.

Wuttke: Aber um auf den Punkt zu kommen: Auch für Sie ist die finanzielle Förderung der Photovoltaik ein Milliardengrab. Warum setzt die Politik weiter so massiv auf die Sonne? Wir sehen es ja in diesem Sommer, wir haben überhaupt nicht genug. Weiß sie es nicht besser, oder hat die Solarbranche inzwischen Superlobbyisten?

Vajen: Nein, also die Photovoltaikförderung ist kein Milliardengrab, um Himmels willen, das ist eine notwendige Anfinanzierung, um einer Technologie zum Durchbruch zu verhelfen. Und die Kostensenkungen, die die Photovoltaik geschafft hat in den letzten zehn Jahren, also mehr als eine Halbierung der Kosten, das ist ja schon mal absolut bemerkenswert. Da gibt es ja nicht viele Energien, die das schaffen. Bei Windenergie musste am Anfang auch relativ viel Geld investiert werden, On-Shore-Wind, also an Land aufgebaute Windkraft, ist praktisch wirtschaftlich inzwischen, und bei Photovoltaik wird es in Größenordnung fünf Jahre, na ja, sagen, wir mal acht Jahre, auch der Fall sein, dass das in bestimmten Bereichen uneingeschränkt wirtschaftlich ist. In Nischenmärkten gilt das schon heute, also sowohl für die Photovoltaik als auch für die Wärmenutzung, Solarthermie.

Wuttke: Wind haben wir mehr als genug, aber noch mal die Frage: Warum glauben Sie setzt die Politik weiter so massiv auf die Sonne?

Vajen: Tja, da kann man jetzt drüber spekulieren.

Wuttke: Tun Sie es.

Vajen: Sagen wir mal, ein Punkt ist: Photovoltaik ist quasi beliebig umweltfreundlich, es stört praktisch niemanden, insbesondere, wenn es auf Dächern installiert ist. Also Windmühlen werden von manchen als optische Beeinträchtigung empfunden, von manchen auch als Naturschutzbeeinträchtigung. Das passiert bei Solarenergie überhaupt gar nicht, egal ob jetzt photovoltaisch oder thermisch genutzt. Wenn das auf dem Dach ist, ist es völlig unproblematisch. Das heißt, es gibt quasi keinen Widerstand der Bürger. Das andere ist, es kann auch in vielen kleinen Anlagen gebaut werden, also die Bürger können sich aktiv daran beteiligen. Sie sehen sofort: Das ist meine Anlage. Das macht es sehr attraktiv für die Bürger und das wird dann halt von der Politik auch entsprechend unterstützt. Die Frage ist, ob die deutsche Politik sich insgesamt einen zu starken Schwerpunkt auf der Förderung erneuerbarer Energien zu Stromproduktion setzt. Also der Wärmesektor ist ungefähr drei Mal so groß in Deutschland wie der Stromsektor, aber die Unterstützung, die jetzt der Wärmebereich erfährt, … oder insbesondere auch der große Sektor der Energieeffizienz, der ist deutlich kleiner, also unter zehn Prozent der Gesamtförderung, und da könnte man womöglich drüber nachdenken, das etwas zu erhöhen und da diese Potenziale aufzuheben.

Wuttke: Solarenergie in Deutschland, dazu im Interview der Ortszeit von Deutschlandradio Kultur Professor Klaus Vajen von der Uni Kassel. Ich danke Ihnen sehr, schönen Tag noch, Herr Vajen!

Vajen: Ja, schönen Dank auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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