Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.09.2013

Die Philosophin und der Putzeimer

Nicole C. Karafyllis: "Putzen als Passion. Ein philosophischer Universalreiniger für klare Verhältnisse", Kulturverlag Kadmos; Berlin 2013, 214 Seiten

Das Putzen als philosophisches Problem: Nicole C. Karafyllis versucht sich mit einer Abhandlung zum Thema. (AP)
Das Putzen als philosophisches Problem: Nicole C. Karafyllis versucht sich mit einer Abhandlung zum Thema. (AP)

Über Schmutz wird viel zu wenig nachgedacht, findet die Philosophin Nicole C. Karafyllis und nimmt sich selbst des Dauerproblems Dreck an. Mit Verve schreibt sie über unterschiedliche Arten des Schmutzes, Putztechniken und menschliche Putztypen.

Es gilt als lästig und zeitraubend, kaum jemand tut es gerne, am liebsten wird es an billige Arbeitskräfte delegiert – und doch kann dieser Aufgabe keiner entrinnen: das Putzen. Schmutz und Dreck entstehen immer und überall, ihre Beseitigung ist eine ewige Sisyphos-Arbeit.

Die Philosophin Nicole Karafyllis setzt dieser verbreiteten Wahrnehmung des Putzens als niederer Tätigkeit in ihrem Buch mit dem programmatischen Titel "Putzen als Passion" eine Würdigung des Putzens als Kulturtechnik entgegen, die gründliche Kenntnisse von Materialien und Oberflächen ebenso wie der verschiedenen Arten von Schmutz und der spezifischen Mittel zu seiner Beseitigung erfordert. Und die als eine erfüllende, Kontemplation ermöglichende Tätigkeit gesehen werden kann.

Deshalb beginnt sie ihren Text mit dem emphatischen Bekenntnis:
"Ja, ich putze selber. Und ich putze gerne."

Die Autorin beklagt, dass über Schmutz heutzutage kaum nachgedacht werde, über das scheinbar profane Putzen noch weniger – dabei wird es in der Konsumgesellschaft mit ihrem wachsenden Berg an Dingen immer dringlicher. Doch gesellschaftlich, so Karafyllis, wird Putzen verdrängt: Putzkolonnen kommen in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden. Und die Reinigungsmittelindustrie suggeriert, dass Sauberkeit auch ohne die schwere Handarbeit des Putzens zu haben sei.

Mit Verve stürzt sich Karafyllis in die Aufklärung über unterschiedliche Arten des Schmutzes, die Details verschiedener Putztechniken und teilt die Menschheit in vier unterschiedliche Putztypen ein: den Hygieniker, der sich am unerreichbaren Ziel absoluter, keimfreier Reinheit abarbeitet, dem auf den schönen Schein sauberer Oberflächen fixierten Ästheten, dem pragmatischen Funktionalisten und dem den Schmutz durchdringenden Psychoanalytiker.

Man erfährt auch viel über unterschiedliche Putzmittel, von der Schmierseife über Essigessenz bis zum antibakteriellen Reiniger, der zwar für Hygiene sorgt, aber keinen Schmutz entfernt. Der eine für alle Schmutzarten und Oberflächen gleichermaßen geeignete Universalreiniger ist eine von der Industrie genährte Illusion.

Karafyllis versucht in ihrem Kompendium zweierlei: Zum einen mit dem Putzen philosophische Fragestellungen zu erhellen, vom Universalismusproblem bis zum infiniten Regress. Zum anderen eine (Alltags-)Philosophie des Putzens zu entwerfen. Ersteres überzeugt nur stellenweise, hier wird zumeist nur an der begrifflichen Oberfläche poliert. Letzteres gelingt ihr weitaus besser, insbesondere wenn es um die gesellschaftlichen Dimensionen des Themas geht. Der Umgang mit dem Schmutz erzählt immer auch etwas über die jeweilige soziale Ordnung.

Die Autorin geht mit Ironie und Süffisanz an ihre Arbeit des philosophischen Durchfeudelns, gelegentlich gerät ihr dabei der Tonfall ein wenig zu schnippisch, doch wird jeder nach der durchweg unterhaltsamen Lektüre den verschmutzten Küchenboden mit anderen Augen betrachten und vielleicht nicht mehr nur mit einem schweren Seufzer zu Eimer und Lappen greifen.

Besprochen von Philipp Albers

Nicole C. Karafyllis: Putzen als Passion - Ein philosophischer Universalreiniger für klare Verhältnisse
Kulturverlag Kadmos, Berlin, 2013
214 Seiten, 14,90 Euro

Buchkritik

Wannsee-Konferenz 1942Protokoll eines Mordplans
Das Haus der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 ist heute eine Gedenkstätte. (imago/McPHOTO )

Am 20. Januar 1942 trafen sich führende Verwaltungsmänner der Nationalsozialisten in einer Villa am Berliner Wannsee. Der Historiker Peter Longerich untersucht aufschlussreich, wie an diesem Tag der massenhafte Mord an den Juden Europas vorbereitet wurde.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur