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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.11.2011

"Die Pharmaindustrie ist ja schlau genug"

Arzneimittelexperte zu Krankheiten, die passend zu Medikamenten erfunden werden

Gerd Glaeske im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Hänger in der Hose, Haarausfall, Antriebslosigkeit: Die Pharmaindustrie findet für jedes Wehwehchen eine Pille. (Stock.XCHNG / Carlos Paes)
Hänger in der Hose, Haarausfall, Antriebslosigkeit: Die Pharmaindustrie findet für jedes Wehwehchen eine Pille. (Stock.XCHNG / Carlos Paes)

Es gibt nicht nur Krankheiten, die man behandeln kann, sondern auch Lifestyle-Probleme, die wir über Pillen meinen behandeln zu müssen, meint Gerd Glaeske, Arzneimittelexperte von der Uni Bremen. Wir Menschen seien verführbar für dieses so genannte "Disease Mongering", also das Erfinden von Krankheiten.

Liane von Billerbeck: Was früher als normale Wechselfälle des Lebens galten, das ist inzwischen längst krankhaft. Wenn ein Mann nicht 24 Stunden am Tag kann, wenn ein Mensch nach einem Trauerfall antriebsschwach oder gar traurig ist, wenn die Cholesterinwerte angeblich zu hoch sind oder aus dem üppigen Haarschopf eine Glatze wird, und, und, und.

Dass derlei als Krankheiten gilt, geschieht nicht von ungefähr. Die Pharmaindustrie hat mit ausgeklügelten Methoden dafür gesorgt, dass die passenden Krankheiten für ihre Arzneimittel erfunden wurden. Heute läuft bei Arte ein Themenabend darüber, und wir sind jetzt telefonisch verabredet mit Professor Gerd Glaeske. Der Arzneimittelexperte leitet an der Universität Bremen den Arbeitsbereich Arzneimittel-Versorgungsforschung. Professor Glaeske, ich grüße Sie!

Gerd Glaeske: Hallo, guten Tag, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Krankheiten erfinden, wie genau geht das?

Glaeske: Ja, es ist nicht so einfach, es hat auch noch keine sehr lange Geschichte, sondern die Geschichte ist vielleicht 20, 25 Jahre alt, im amerikanischen oder englischen Jargon als Disease Mongering bekannt. Man hat eigentlich aufgenommen, was auch zu vermuten war, dass es nicht nur Krankheiten gibt, die man behandeln kann, die man behandeln muss, die man diagnostizieren kann, sondern dass es auch mehr und mehr sogenannte Lifestyle-Probleme gibt, das heißt, Dinge, die Sie auch schon angesprochen haben, also unsere Alltagsbeschwerden, die eigentlich weniger krank sind als das, das sie uns belasten im Alltag, dass wir meinen, über Pillen uns schöner schlucken zu können, über Pillen Potenz, über Pillen eben auch die Hänger im Leben zu behandeln.

All das hat natürlich dazu geführt, dass die Pharmaindustrie auch aufmerksam geworden ist. Es ist natürlich immer schwierig, hier zu fragen: Wo ist die Henne, wo das Ei? Waren vielleicht erst die Angebote da und dann die Nachfrage? Aber darauf hat sich die Pharmaindustrie in der Zwischenzeit eingestellt, nicht nur bei Krankheiten Arzneimittel einsetzen zu lassen, sondern auch dort, wo es den Graubereich gibt zwischen Gesundheit eigentlich und Belastungen, die wir im Alltag erfahren. Und das ist offensichtlich ein Markt geworden.

von Billerbeck: Um diese Strategien mal klarer zu machen, bleiben wir doch mal bei dem Beispiel, das Sie eben auch erwähnt haben, das vermutlich sofort alle Männer elektrisieren wird, nämlich Potenzprobleme. Viagra ist ja in aller Munde, und es nehmen viele. Wie kam es dazu?

Glaeske: Ja, das ist tatsächlich in aller Munde, im wahrsten Sinne des Wortes. Also man hat ein Mittel zunächst einmal erfinden wollen - das war ja von der Firma Pfizer -, was gar nichts mit Potenz zu tun hatte. Sondern die Geschichte um das Viagra ist eigentlich eine typische: Man hat ein Arzneimittel schaffen wollen, was im Bereich der Herz-Kreislauf-Krankheiten wirkt, man hat gemerkt, dass es dort nicht so wirkt, wie man sich das vorgestellt hat. Und die Geschichte, die sich um Viagra rankt, ist folgende, dass man in den klinischen Studien, in denen man ja Männer und Frauen behandelt, gemerkt hat, dass Frauen diese Präparate wieder zurückgaben, die nicht aufgebraucht waren, aber von Männern diese Pillen nicht mehr zurückkamen.

Man hat dann so etwas geforscht, was könnte damit zusammenhängen, und hat dann gefunden, dass es offensichtlich eben ein Präparat ist, was die Potenzfähigkeit von Männern erhöht und hat dann sozusagen umgeschwenkt in der Firma und hat gesagt: Na ja, wenn das so der Fall ist, dann wissen wir doch aus vielen Berichten, dass offensichtlich Potenzprobleme Männer sehr stark beschäftigen, dass die Gesundheit von Männern - so wird auch vielfach gesagt - auch an ihrer Potenz hängt.

Wenn Männer nicht mehr können, dann fühlen sie sich auch nicht mehr standhaft, man muss seinen Mann stehen, wie es so schön heißt, und hat eben diese Pillen dann als erstes wirkliches funktionierendes Potenzpräparat in den Markt gebracht. Man muss sagen, das war in dem Bereich eine Innovation, alles, was vorher genutzt worden ist, war entweder schlimm oder eben nicht so besonders wirksam, und das hat dann den Markt erobert und man hat gemerkt, dass die Nachfrage dann riesig wurde.

von Billerbeck: Hören wir mal einen kurzen Ausschnitt aus der Dokumentation "In den Fängen der Pharma-Lobby", die läuft heute Abend während des Themenabends auf Arte.

((O-Ton Doku))

von Billerbeck: Soweit ein Ausschnitt aus der Dokumentation heute Abend auf Arte zu sehen. Viagra und Potenzprobleme oder vermeintliche Potenzprobleme sind ja nur ein Teil. Es gibt ganz viele Themen, wo sofort jeder sagen kann: Ja, habe ich schon mal gehört, habe ich vielleicht auch, das Problem. Ich meine erhöhten Cholesterinspiegel, Sodbrennen, Haarausfall, ja, sogar Antidepressiva - wieso hat diese Industrie so stark zugenommen?

Glaeske: Lassen Sie mich zunächst auch zu Viagra ergänzen. Es geht nicht mehr nur um Männer und um junge Männer, sondern in der Zwischenzeit auch um Frauen. Es wird massiv daran geforscht, ob man nicht auch solche Präparate für Frauen entdecken und entwickeln kann, wohl wissend - und das sollte man auch in der Pharmaindustrie in der Zwischenzeit wissen, dass das nun wirklich ein Irrweg ist, weil sich das ganze nicht sozusagen an der Klitoris abspielt, sondern nun wirklich im Kopf und im Gefühl.

Also insofern sind es natürlich immer diese mechanistischen Bilder, die die Pharmaindustrie uns auch vorgaukelt bei solchen Produkten, dass man sagt, man kann eigentlich mechanistisch, auch im Alltag, bestimmte Phänomene erkennen und dann abstellen, man muss nur die Pille nehmen. Und ich glaube, das ist sozusagen der Punkt: Wir sind so daran gewöhnt, dass das einfache und schnelle Glück über die Pillendose geht. Es geht sozusagen los: Wir alle kennen noch den Slogan "Die Schönheit, die von innen kommt".

Auch das ist ein Slogan gewesen, der da schon deutlich gemacht hat: Ich muss nicht mehr Kosmetika oder wie auch immer anwenden, sondern ich kann einfach Pillen schlucken, und das hat sich fortgesetzt über Prosec, über Antidepressiva, die gesagt haben, Psychotherapien, alles Unsinn, dauert viel zu lange, ich nehme die Pille, das nutzt, oder eben auch andere Produkte wie Haarausfall, wo man gesagt hat, ja, wir haben ja ein Mittel, üblicherweise bei Prostatabeschwerden eingesetzt, aber wir sehen als Nebenwirkung, dass die Haare besser wachsen, also nutzen wir doch diesen Bereich, diese Nebenwirkung aus, um es den Männern, die ja mehr und mehr vielleicht unter Haarausfall leiden, doch schmackhaft zu machen und dort einen völlig neuen Markt zu generieren, das heißt, der Erfindungsreichtum ist enorm hoch, ne?

von Billerbeck: Herr Glaeske, wir reden ja darüber, dass die Pharmaindustrie die Krankheiten zu ihren Medikamenten erfindet. Trotzdem ist es ja leicht, auf die Pharmakonzerne zu schimpfen. Sie haben schon erwähnt, auch der Verbraucher hat seinen Teil "Schuld", trägt er daran. Wo liegt der?

Glaeske: Völlig richtig. Also ich glaube, die Industrie würde völlig daneben produzieren, wenn wir nicht alle verführbar wären oder alle auch bei uns Begehrlichkeiten wecken würden, wenn solche Arzneimittel auf den Markt kommen. Wer will denn nicht tolles Haar haben oder immer potent sein? Es wäre doch gelogen, wenn man sagt: Davon bin ich überhaupt nicht beeindruckt.

Insofern trifft es ja auch bei uns ganz bestimmte Dinge, die wir uns eigentlich wünschen, das ist ja ein Wunschkatalog, der damit verbunden ist. Ob der realistisch ist oder nicht, ist ja zweitrangig, aber es ist ein Wunschkatalog, der bedient wird. Und ich glaube, das ist die Kunst der pharmazeutischen Hersteller, Produkte abzubilden und Produkte zu propagieren, die ja nicht an unseren Wünschen vorbeilaufen, sondern im Gegenteil unsere Wünsche ernst nehmen und sagen, wir haben da etwas.

Und das ist etwas, was natürlich da nicht unbedingt mit Krankheit zu tun hat - das wollen wir alle nicht haben, da lassen wir uns auch behandeln -, sondern wo wir sagen: Ein besseres Leben läuft auch über die Pillendose. Es ist einfacher, mit Psychostimulanzien zu denken und mit Psychostimulanzien Hirndoping zu machen und dann möglicherweise auch besser zu sein im Konkurrenzkampf gegen die anderen am Arbeitsplatz, in der Schule, im Studium. Und das ist etwas, was die Pharmaindustrie offensichtlich aufgreift.

von Billerbeck: Ja, aber bloß sie greift es ja nicht auf, sie veröffentlicht ja auch Studien, die uns allen suggerieren, wenn du nicht so bist, dann bist du krank, oder ganz viele Menschen sind krank, weil sie einen bestimmten Wert überschreiten, der aber willkürlich gesetzt ist. Meine Frage an Sie, Herr Glaeske, welche psychischen Folgen hat das dann für uns Konsumenten, wenn uns ständig neue Krankheiten eingeredet werden?

Glaeske: Na, die psychischen Folgen sind natürlich gravierend. Wir alle haben das Gefühl, dass wir ja irgendwo dann alle krank sind. Das ist ja dieser alte Spruch, wenn man sagt, Ich bin nicht krank, ich bin knapp gesund, dass man dann sagt ...

von Billerbeck: Ich weiß es nur noch nicht.

Glaeske: ... du weißt nicht, du warst noch nicht genug beim Arzt, lass dich mal diagnostizieren. Also das ist sozusagen immer diese Fragestellung: Sind wir nicht tatsächlich auch anfällig für diese Versprechen, gibt es sozusagen ein Kilo Gesundheit mehr, wenn wir eben diese Präparate dann nutzen? Und das ist, glaube ich, die Verführbarkeit, die mit diesen Produkten zusammenhängt und die dann tatsächlich uns auch so anfällig macht, diese schnellen Lösungen zu finden.

Und diese schnellen Lösungen sind ja wirklich nicht schlecht. Wenn wir sagen, wir haben Lampenfieber oder wir sind zurückhaltend Frauen gegenüber, kommen nicht so richtig an, dann gibt es eben diese Pille gegen die Schüchternheit, wie es dargestellt worden ist, ein Antidepressivum, wo wir dann denken: Na ja, damit müsste es doch eigentlich funktionieren. Ob das dann Placebowirkung ist, weil wir meinen, wir haben hier etwas geschluckt, was uns helfen kann, oder ob es die Pille dann ist, das halten wir nicht mehr auseinander. Uns geht es auf alle Fälle besser, weil wir meinen, den Anforderungen im Alltag besser ausgesetzt sein zu können und besser eben auch mit den Anforderungen umgehen zu können, ...

von Billerbeck: Aber ...

Glaeske: ... und das ist offensichtlich schon genug, was wir erreichen wollen mit diesen Pillen.

von Billerbeck: Aber das ist doch ganz gefährlich, Herr Glaeske, denn man muss doch unterscheiden zwischen harmlosen Medikamenten und gefährlichen, und es gibt ja auch tatsächliche Krankheiten. Wie unterscheide ich denn, wann ich tatsächlich ein Medikament brauche, weil ich tatsächlich krank bin?

Glaeske: Na, es ist ja noch viel schlimmer. Im Prinzip muss ich ja darüber entscheiden, dass ich Arzneimittel nehme, die ja unerwünschte Wirkung machen. Es gibt kein Arzneimittel, das wirkt, was nicht gleichzeitig auch Nebenwirkungen hat. Insofern nehme ich als Gesunder Arzneimittel ein, die mich möglicherweise krank machen. Das heißt, wir haben auf der einen Seite natürlich den Hinweis darauf, dass Krankheiten vernünftig diagnostizierbar sein müssen - Sie haben den Cholesterinwert angesprochen, der tatsächlich dann auch definiert wird, der da plötzlich über Nacht niedriger wird, sodass eben zwei Drittel der Menschheit behandlungsbedürftig wird -, auch ein Weg, der natürlich von der Pharmaindustrie mit unterstützt ist. Aber wir haben eben auch ...

von Billerbeck: Initiiert muss man in dem Fall sogar sagen.

Glaeske: ... ja, initiiert auch, muss man sagen, ja, das sind aber immer Experten dabei, das darf man nicht vergessen. Die Pharmaindustrie alleine könnte das nicht tun, wenn nicht gleichzeitig auch willfährige Mediziner dabei wären, wir sagen manchmal auch Mietmäuler zu diesen, dass man eben sagt, wir haben sogar Experten dahinter, die das auch absichern. Die Pharmaindustrie ist ja schlau genug, um ...

von Billerbeck: ... und die dafür bezahlt werden?

Glaeske: Ja, richtig ... die Pharmaindustrie ist ja schlau genug. Die stellt sich nicht in den Vordergrund, sondern die sagt, wir geben den Medizinern und auch den Menschen Möglichkeiten an die Hand, um ihre Situation zu verbessern, und sie müssen ja dann noch erst mal von Medizinern auch genutzt werden und verordnet werden, das ist ja oftmals der Fall, dass man sagt, Mediziner sind auch oft Komplizen sozusagen der pharmazeutischen Hersteller bei der Vermarktung von solchen Arzneimitteln. Und das ist eigentlich der Hintergrund. Das heißt, wir fühlen uns ja gar nicht so unsicher, es sind ja Experten, die uns das empfehlen, Apotheker, Ärzte, warum sollten wir da in Zweifel kommen. Das ist, glaube ich, das große Problem, warum wir auch selber so wenig Kritikfähigkeit oftmals äußern gegenüber dem, was uns dort angeboten wird.

von Billerbeck: Die Pharmaindustrie erfindet die Krankheiten zu ihren Medikamenten. Professor Gerd Glaeske war das, Arzneimittelexperte von der Universität Bremen. Ich danke Ihnen!

Glaeske: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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