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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.12.2009

Die neue Religion

oder: Beim Klima-Gipfel geht es nicht um Wahrheit

Von Cora Stephan

Schmelzender Gletscher in den Alpen (AP Archiv)
Schmelzender Gletscher in den Alpen (AP Archiv)

Wir sind Zeuge der Entstehung einer neuen Weltreligion. Sie verspricht uns das Jüngste Gericht schon heute – es sei denn, wir unternehmen eine letzte große, dramatische Anstrengung zur Rettung der Menschheit vor ihrem wohlverdienten Untergang. Am besten, wie das bei Religionen üblicherweise empfohlen wird, durch tätige Buße wie Ein- und Umkehr, Demut und Selbstbeschränkung, und vor allem durch Ablaßzahlungen ohne Ende.

Die neue Religion gewinnt ihre Anhänger im Handumdrehen, sie stößt in eine Lücke vor, die der Niedergang der großen Kirchen und Ideologien hinterlassen hat. Probaterweise bedient sie sich einer im wohlstandsverwöhnten Westen weitverbreiteten Grundstimmung: des schlechten Gewissens. Irgendwann, fürchten wir, präsentiert uns irgendeine Instanz die Rechnung für unser Wohlleben, sei's Gott oder die Natur – mit biblischen Plagen wie Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Feuer speienden Vulkanen, kurz: Tod und Teufel.
Die neuen Priester, die solches verkünden und mit ihrer Vorhersage des Weltuntergangs ein Milliardenpublikum Gläubiger versammeln, nennen sich Klimaforscher. Wie alle Propheten dulden sie keinen Zweifel an ihren Vorhersagen. Wer sie dennoch äußert, ist ein egoistischer Wicht, ein Beschwichtiger und Verharmloser, ein starrköpfiger Lügner oder Schlimmeres, mindestens aber ein bezahlter Agent des Bösen.

Deshalb soll hier nur ganz am Rande Erwähnung finden, dass in der Tat in Klimadingen kaum präzise Auskünfte möglich sind. Kein Modell kann alle Faktoren berücksichtigen, die in diesem hochkomplexen Geschehen eine Rolle spielen, weshalb kein seriöser Forscher sich festzulegen wagt, ob es wirklich eine Klimaerwärmung gibt oder ob sich das Wetter gar, wie noch vor Jahren behauptet wurde, abkühlt. Für die vergangenen zehn Jahre kann übrigens keine Erwärmung nachgewiesen werden.

Was indes ebensowenig irgendetwas beweist: Es ist gleichwohl möglich, dass sich das Klima erwärmt, verglichen mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts etwa. Ob dies allerdings zur Katastrophe führt, ist wiederum zweifelhaft: Nicht die Wärmegrade des mittelalterlichen Klimaoptimums bewirkten Schreckliches, sondern die darauffolgende Kleine Eiszeit. Auch, dass menschlicher Einfluss eine Rolle spielt, ist durchaus fraglich, vor allem aber, in welchem Ausmaß. Jene magischen zwei Grad, über die die globalen Temperaturen nicht steigen dürften, sind, wie wir heute wissen, eine Pi-Mal-Daumen-Schätzung eines Wissenschaftlers, die nie hinterfragt oder gar untermauert wurde.

Aber lassen wir das: Um die Wahrheit geht es ja gar nicht. Es geht um Glaubenssätze, nicht um Argumente. Und Glaubenssätze verbreiten sich wie die Spinne in der Yuccapalme, also mit der Dynamik eines Gerüchts: Irgendwann glaubt jeder, einem Eisbären beim Ertrinken zugesehen zu haben. Den sachlichen Aussagen von Wissenschaftlern und den nachprüfbaren Zahlen und Statistiken hält schon heute jeder seine eigenen Evidenzen entgegen. Wer erinnert sich nicht an all die vielen weißen Weihnachten seiner Jugendzeit, die es heute nicht mehr gibt?

Nun, vielleicht könnte man den Klima-Alarmismus für eine legitime Übertreibung halten, solange etwas Gutes dabei herauskommt. Schließlich haben wir auch aus dem Waldsterben gelernt, das nicht stattgefunden hat. Wenn da nicht die beunruhigende Leichtfertigkeit wäre, mit der aus der Größe der behaupteten Katastrophe auf die Dimension der Gegenmaßnahmen geschlossen wird. Bei einer Katastrophe greift der übergesetzliche Notstand. Logisch also, dass manch einer die liberale Demokratie für ein Hindernis bei der Rettung des Globus hält und ein autoritäres Regime der Experten empfiehlt.

Auch verschwinden unter all den Untergangsszenarien jene pragmatischen Lösungen, die auf Dauer wichtiger sein dürften als der globale Ablasshandel, der in Kopenhagen stattfindet. Dringender als die Debatte um CO2 brauchen wir technische Lösungen, um fossile Brennstoffe zu sparen oder ganz zu ersetzen. Gerade Deutschland kann da Vorreiter sein. Die Sache hat nur einen Haken. Mit technischer Intelligenz und vernunftgesteuertem Pragmatismus kann man zwar viel erreichen – doch damit lässt sich keine Weltreligion gründen.

Unser Jahrhundert, sagt Peter Sloterdijk, wird womöglich als "ein Jahrmarkt der Erlösereitelkeiten in die Geschichte eingehen, an dessen Ende sich die Menschen nach Erlösung von der Erlösung und Rettung von den Rettern sehnen werden."


Die Frankfurter Publizistin und Buchautorin Cora Stephan, Jahrgang 1951, ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 1976 bis 1984 war sie Lehrbeauftragte an der Johann Wolfgang von Goethe Universität und Kulturredakteurin beim Hessischen Rundfunk. Von 1985 bis 1987 arbeitete sie im Bonner Büro des "Spiegel". Zuletzt veröffentlichte sie "Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte", "Die neue Etikette" und "Das Handwerk des Krieges".

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