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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 06.02.2013

Die neue Heimat

Warum so viele junge Südeuropäer ihre Zukunft in Deutschlands Hauptstadt suchen

Von Thorsten Poppe

Spanier und Italiener beim Public Viewing in Berlin während der Fußball-EM 2012 (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)
Spanier und Italiener beim Public Viewing in Berlin während der Fußball-EM 2012 (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)

Deutschland erlebt derzeit eine Migrationswelle. Aus den Ländern, die am stärksten von der Euro-Krise betroffen sind, flüchten gut ausgebildete Akademiker vor allem nach Berlin - obwohl die Stadt weniger Jobs zu bieten hat als Stuttgart oder München.

Samstagabend im lebendigen Berliner Bezirk Friedrichshain. Knapp 50 Spanier, alle weit unter 30, bevölkern das Café Colectivo. Heute ist Konzert: Flamenco. Ein bisschen Heimatgefühl in der zurzeit kalten und grauen Hauptstadt. Organisiert hat den Auftritt Alex, der hier seit zwei Jahren als Stammgast hinkommt:

"Weil hier gute Leute gibt, gute Spanier auch. Leute, keine Ahnung. Gute Leute, gute Musik, wie heute. Und es gutes Essen auch gibt, weil schöne Atmosphäre. Für mich ist es eine ganz gute Sache, weil ich wohne hier in der Ecke, und wenn ich Lust, keine Ahnung, darauf habe, arbeiten oder spanisches Essen zu haben, kann ich herkommen. Und ein bisschen an meine Stadt, an meine Heimat denken. Genießen, ja."

Das Café Colectivo gilt als Anlaufstelle für alle Spanier, die nach Berlin kommen. Als Informationszentrale. Jeder, der eine Wohnung sucht, oder Fragen über das Alltagsleben in Deutschland hat, kommt zwangsläufig hierhin. Und das sind eine Menge Menschen, allein in den letzten Jahren hat sich der Zuzug mehr als verdoppelt. Von gut 700 auf 1.700. Denn in ihrem Heimatland ist fast die Hälfte der unter 25-jährigen Spanier arbeitslos. Auch Alex war dadurch bedroht, heute arbeitet er als Lehrer in Brandenburg:

"Also ich versuche so viel wie möglich mit den Spaniern zu sein, aber ich wohne hier, ich lebe hier, bin hier installiert. Und freue mich immer darauf, Spanier zu treffen. Aber gleichzeitig finde ich das schade, dass so viele Leute, hier sind, so viele Spanier, wegen dieser großen Krise, die dort jetzt haben. In Spanien ist jetzt alles kompliziert. Ich würde niemals jetzt zum Beispiel nach Spanien wieder gehen. Weil es gibt einfach nichts, ja. Schade."

Eröffnet hat das Café der 25-jährige Jordi Lopez mit ein paar Kumpels. Ihm drohte dasselbe Schicksal wie Alex, keine Perspektive in der Heimat trotz Ausbildung und hoher Qualifikation. Deshalb machte er aus der Not eine Tugend, und kam nach Berlin. Weil es keinen eigenen Treffpunkt für seine Landsleute gab, eröffnete er in einem schönen Altbau vor zwei Jahren das Colectivo. In einem Hinterzimmer des Cafés erklärt er uns, warum Berlin für junge Spanier erste Anlaufstelle ist:

"Deutschland ist nicht mehr Deutschland, Deutschland ist eben Europa. Und Europa ist nicht mehr ein Kontinent, Europa ist ein Land! Und die Länder sind die Städte. Und man kann überall hinfahren und arbeiten und Business machen. Berlin wird immer mehr von jungen Leuten empfohlen. Weil Berlin eine der großen Städte in Europa ist. Und gerade sich bekannt gemacht hat. Durch Kultur, durch Musik, durch viele andere Sachen."

Spanien hatte in der ersten Dekade des Jahrtausends eine Boomphase, die geprägt war von Euphorie, Überschwang und von Massenzuwanderung. Die Bevölkerungszahl ist in dieser Zeit von 42 auf 46 Millionen gestiegen. Die Neu-Spanier, die meist aus anderen europäischen Ländern in den Süden zog, spülten natürlich viel Geld ins Land. Die dadurch entstandenen übertriebenen Erwartungen, gerade im Immobiliensektor, führten in die heutige schwere Wirtschaftskrise des Landes. Denn jeder dachte damals, das Geld fließt in dem Maße immer so weiter.

Doch als das ausblieb, verlangsamte sich das enorme Wachstum extrem. Es konnten weder Kredite bedient noch alle Gehälter bezahlt werden. Das führt in der Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem schmerzhaften Anpassungsprozess, in dem die junge, aufstrebende Generation auf der Strecke bleibt, da es keine Arbeit mehr gibt. Auch wenn das in einer Wirtschaftsregion wie der EU nicht ungewöhnlich ist. Wie Heribert Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik verdeutlicht, der seit Jahren zu der Krise forscht:

""Es schadet Spanien nicht. Es ist ein ganz normaler Vorgang, dass innerhalb einer Währungsunion, dass es da temporäre Migrationsströme gibt. Man kennt das aus den Vereinigten Staaten. Wenn es an der amerikanischen Ostküste ein Problem mit hoher Arbeitslosigkeit gibt, dann gehen die jungen Menschen nach Texas. Das ist ein ganz normaler Vorgang, den in Amerika niemand als Krise des amerikanischen Modells bezeichnen würde. Wir müssen uns in Europa daran gewöhnen, dass innerhalb einer Gemeinschaft es eben Migrationsströme gibt. Und dass junge Leute aus Portugal, aus Spanien sich in Phasen, in denen es in Deutschland besser läuft als in ihren Ländern, auf den Weg nach Deutschland machen. Und umgekehrt werden wir allerdings auch in zehn Jahren sehen können, vielleicht, ich weiß das nicht genau, dass junge Menschen aus Deutschland sich in andere Regionen Europas aufmachen. Migration innerhalb einer Gemeinschaft ist kein Drama, sondern ist Teil des wirtschaftlichen Austausches."

Doch auch im El Dorado Berlin ist nicht alles Gold, was glänzt. Das merken die jungen Migranten aber erst, wenn sie nach Deutschland gekommen sind. Jordi Lopez aus dem Café Colectivo gibt zu, dass gerade in seiner Heimat die Perspektiven in Deutschland meist besser dargestellt werden, als es sich dann letztendlich vor Ort darstellt:

"Ja, ja, ja, ja. Es gibt viele Spanier, die ohne die Sprache nach Deutschland umziehen. Und sie denken, dass sie schnell einen Job bekommen können. Das ist was in Spanien als Information bekommt. Aber einmal sind sie in Deutschland, sie wissen Bescheid, dass es nicht so einfach wird, einen Job zu bekommen, bevor sie nicht die Sprache gut können."

Das unterscheidet Jordis Generation von den Gastarbeitern, die in den 50-ern und 60-ern nach Deutschland gekommen sind. Sie verdienten Geld mit einfachen Arbeiten in der Industrie, wollten damit die Familie in der armen Heimat unterstützen. Doch heute sind die jungen Leute nicht nur so gut wie Deutsche ausgebildet, sondern kommen auch schon lange nicht mehr aus armen Verhältnissen:

"Damals die Perspektiven von die Leute waren nach Spanien zurückzuziehen, die Perspektiven von den Leuten war den Familien in Spanien zu helfen. Unsere Perspektiven heutzutage sind leben zu können und nicht mehr zurückzuziehen."

Einer, der seit der ersten Einwanderungswelle geblieben ist, ist Athanasios Waleras. Er ist 78 Jahre und Grieche. Mittlerweile lebt er in Deutschland länger als früher in seiner eigentlichen Heimat. Im Gegensatz zu den Spaniern, haben die Griechen in Berlin seit Jahrzehnten eine funktionierende Gemeinde. In der griechisch-orthodoxen Kirche Christi Himmelfahrt, findet nach dem Gottesdienst eine Feier statt. Mehr als 300 Griechen wuseln wild durcheinander im Gemeindezentrum. Es geht laut und fröhlich zu. Bei Wein und gutem Essen. Auch viele junge Migranten aus Griechenland finden seit der Krise den Weg hierhin, und suchen Rat beim alteingesessenen "Deutschen" Athanasios Waleras:

"Die sollen kommen, aber ich würde auch freuen, in Griechenland die Möglichkeit besteht, dass diese Leute nicht unbedingt hier wohnen, dass sie dort bleiben. Denn junge Leute, Akademiker und so weiter, von Griechenland weggehen, Griechenland verliert die Fundament. Wissen Sie, der Mann der irgendwie ein Haus bauen will, und die Fundamente stabil sind, kann man Haus bauen, ist egal was für ein Haus."

Er kommt mit dem 24-jährigen Sotiris Mitralexis ins Gespräch, der seit kurzem in Berlin Philosophie studiert und Lehrer werden möchte. Sotiris hat den großen Vorteil, dass schon seine Eltern in Deutschland zurzeit der ersten Gastarbeiter-Generation gearbeitet und studiert haben. Seine Mutter ist mittlerweile sogar Professorin für Germanistik in Griechenland. Deshalb ist er mit der deutschen Sprache aufgewachsen und muss diese Hürde im Gegensatz zu seinen Landsleuten nicht mehr nehmen. Dafür gibt es viele andere Dinge, die er von den alteingesessenen Deutsch-Griechen wie Athanasios Waleras wissen möchte:

"Wenn man so viel Jahre lang in Deutschland lebt und in der Gesellschaft integriert ist, welche größere Erfahrung kann uns vermittelt werden. Wir sind ehrlich dankbar". – "Sotiris, wir können so viel wie möglich den jungen Leute helfen. Wenn einer irgendwie Hilfe braucht, ich stehe zur Verfügung. Mich kennen alle, ich bin wirklich jederzeit bereit, den jungen Leute zu helfen. Wenn sie was brauchen, ich stehe zur Verfügung. Wirklich." – "Die Gemeinde als Körper ist auch bereit, hilfsbereit. Nicht nur die Personen sich selbst. Aber auch der Hellenismus in Berlin, diese Zellen unserer Mit-Griechen sozusagen in andere Städte sind eine Voraussetzung, dass wir wirklich integrieren können."

Sotiris Mitralexis will uns mit nach Hause nehmen. Er teilt sich mit einer Mitbewohnerin eine Wohnung an der Bernauer Straße in Berlin-Mitte. Eine Unterkunft für sich alleine als Grieche in der Stadt zu bekommen, bezeichnet er zurzeit als unmöglich. Zu viele Vorbehalte wegen der Krise. Deshalb hat er sich für eine WG-Lösung entschieden. Er sieht sich zudem in der Tradition der griechischen Auswanderer, die die Welt entdecken wollen. Wie seine Eltern und so viele andere vor ihm.

"Die Leute hatten wirklich gar kein Geld. Zum Beispiel es gab Schiffe mit zukünftigen Ehefrauen, die nach Amerika gingen, um einen bestimmten Griechen dort zu heiraten, den sie nur von einem Foto kannten, weil so war das Überleben möglich. Und weil diese problematische Situation gelöst wurde, und Griechenland viel besser wirtschaftlich in den nächsten Jahrzehnten ging, ist es ein Schock für die neue Generation, weil wir haben nichts Ähnliches erlebt. Nichts Ähnliches erfahren. Unsere Eltern hatten die Erfahrung unglaublicher Armut."

Langsam löst sich in Griechenland diese Schockstarre, die jungen Leute suchen sich woanders eine Perspektive. Es zieht sie vor allem nach Deutschland. Allein im ersten Halbjahr 2011 hat sich laut dem Statistischen Bundesamt die Einwanderzahl aus Griechenland fast verdoppelt. 2012 sollen nach ersten Auskünften noch einmal mehr Griechen nach Deutschland gekommen sein als im Jahr zuvor. Der Grund ist einfach, es gibt immer weniger bis gar keine Arbeitsplätze. Selbst einfache Jobs wie Kellner sind bei den Hellenen nicht mehr vorhanden. Auch als Lehrer gibt es kaum Aussicht auf eine Anstellung im Staatsdienst, wie der künftige Pauker Sotiris Mitralexis weiß:

"Die Frage ist nicht nur, wie die Situation jetzt ist, aber auch wie die Situation morgen oder übermorgen in Griechenland sein wird. Zum Beispiel jetzt ein Lehrer im öffentlichen Dienst kriegt 650 Euro netto. Auch wenn er vom Staat zum Beispiel irgendeine Insel sehr weit von einer Heimatstadt entfernt ist. So ist es fast unmöglich, auch für die geringe Zahl derjenigen, die diese Staatsprüfungen bestehen können. Weil die Plätze sind sehr wenige. Ist es sehr schwer einfach zu überleben."

Fast alle jungen auswanderungswilligen Griechen strömen deshalb nach Berlin. Denn mehr als die Hälfte der Bevölkerung wohnt in oder um die griechische Hauptstadt. So war es keine Überraschung, dass die Hellenen Hauptstadt gegen Hauptstadt getauscht haben. Da interessiert es auch erst einmal nicht, dass es in Deutschland eigentlich viel geeignetere Städte für die Auswanderer gibt. Die mit viel mehr griechischer Präsenz wie Stuttgart, Köln oder München. Leider, so erzählt Sotiris Mitralexis, spielt das nicht so eine große Rolle, wie es eigentlich sollte:

"Was auch ein bisschen problematisch ist, weil es gibt verschiedene Städte, die andere … zum Beispiel eine Stadt braucht Ärzte, eine andere Stadt braucht Mechaniker, eine andere Stadt braucht Ingenieure. Aber viele Griechen studieren das nicht, welche Stadt was braucht. Um im richtigen Land und im richtigen Stadt zu migrieren. Berlin ist hype, eine sehr erfolgreiche kulturelle Diplomatie wurde entwickelt, um Berlin sehr trendy, wenn Sie wollen, zu machen. Das hat auch Nachteile, wie dieses."

Dazu kommt, dass die jungen Auswanderer in anderen deutschen Städten bessere Berufschancen hätten. Für Ingenieure, Informatiker oder Ärzte ist zurzeit vor allem Süddeutschland interessant. Und nicht Berlin, wo die Wirtschaftsleistung unter dem europäischen Mittel liegt. Gerade die Nichtbeschäftigung stellt für Migranten in der Gastgesellschaft das größte Risiko dar, nicht anzukommen. Insofern ist es erst einmal erstaunlich, dass es so viele junge Menschen aus Südeuropa nach Berlin zieht, wo die Arbeitsplatzperspektiven deutlich schlechter sind als eben in München oder in Stuttgart.

Daneben zeichnet sich eine zeitnahe Rückkehr für die Griechen in die Heimat im Gegensatz zu den Spaniern überhaupt nicht ab. Dafür ist deren Krise zu groß, zu mächtig, um die Wirtschaft mit entsprechend notwendigen Reformen schnell wieder fit machen zu können. Griechenland ist und bleibt auch noch länger der kränkste Mann Europas, was auch Heribert Dieter von der Stiftung "Wissenschaft und Politik" noch einmal klar macht:

"Versuchen Sie sich einmal vorzustellen, welche fünf griechischen Produkte sie kaufen wollen. Und dann denken Sie an fünf italienische Produkte, und dann denken Sie an fünf Produkte aus Spanien. Das fällt Ihnen bei den letztgenannten sehr viel leichter. Die griechische Ökonomie ist nicht integriert in die Weltwirtschaft. Es gibt einige wenige Sektoren, Logistik beispielsweise, die ganz gut funktionieren. Aber was das Anbieten von Dienstleistungen angeht, dort hängt Griechenland doch weit hinterher. Hinkt weit natürlich hinter Italien und Spanien hinterher. Insofern ist die Aufgabe, die vor Griechenland steht, sehr viel größer, als die Aufgabe, die vor Italien und Spanien steht."

"Lamberti, ein gesundes neues Jahr. Alles gut bei Ihnen? Und zwar, ich wollte einen Termin für eine Patientin vereinbaren. Für die algologischen Interventionen. So früh wie möglich eigentlich, die Patientin leidet sehr. Der erstmögliche Termin wäre Ende Januar. Okay, dann nehmen wir den."

Dr. Alessandro Lamberti ist Arzt an der Charité. Der 32-Jährige ist 2011 aus Italien nach Berlin gekommen. Denn wie die Spanier und Griechen zieht es auch immer mehr Italiener hierhin. Und er bringt im Gegensatz zu den meist sehr jungen neuen Einwanderern sogar schon zehn Jahre Berufserfahrung mit. Er hat in Berlin promoviert, und kann neben seiner Tätigkeit als Arzt gleichzeitig innovative Forschung betreiben. So ist er mit einem Kollegen dafür ausgezeichnet worden, neue Diagnosemöglichkeiten in der Gefäßmedizin ermittelt zu haben:

"Die Perspektive, die man haben kann, obwohl man vielleicht auch keine Sprache spricht, oder weniges Deutsch spricht, sind auch da. Sind auch vorhanden. Man hat die Möglichkeit auch am Anfang. Du kannst sozusagen dieses Niveau erreichen, wenn Du zeigst, dass Du ein ausgebildeter Arzt bist. Ich bringe hier was, aber ich nehme hier auch was. Ich bringe hier meine italienische, wirklich wunderbare Ausbildung, aber ich habe etwas zu teilen mit anderen Kollegen."

Im Gespräch spürt man die Leidenschaft für seinen Beruf. Spürt, wie viel es ihm bedeutet, endlich voranzukommen im Leben. Denn in Italien konnte er sich immer nur von einem kurzfristigen Vertrag zum nächsten hangeln. Deshalb war es auch nie für ihn möglich, seine Studien langfristig zu betreiben, und zum Abschluss zu bringen. Das hat er erst in Deutschland, in Berlin schaffen können:

"Ich denke, der wichtigste Unterschied ist, dass in Italien ist die Situation schlimmer. Dass es keine langfristige Perspektive, sogar für einen Arzt, sogar für einen Lehrer, sogar für Anwälte gibt. Und das macht es sogar für meine Generation, 30, Mitte 30, wirklich unmöglich zu leben. Unmöglich ein Leben aufzubauen, und eine Perspektive zu haben. Also wir Ärzte haben keine langfristigen Verträge, langfristiger als sechs Monate. Davon kann man keine Leben aufbauen."

Die Flucht der Gehirne hat eingesetzt. Durch die Krise gewinnt Berlin hochqualifizierte Köpfe, die die deutsche Hauptstadt bereichern. In Ländern wie Italien, Spanien, oder Griechenland kommt diese Flucht aber einem Offenbarungseid nahe. Schließlich sind es die gut Ausgebildeten, die gehen, und die als Basis für eine funktionierende Gesellschaft und Wirtschaft gelten. Wenn diese jungen Menschen in ihrer Heimat keine Perspektive finden, wird dieser Trend weiter anhalten. Gerade in Italien und Spanien, meint Heribert Dieter:

"Spanien und Italien leiden darunter, dass ihre Arbeitsmärkte sehr rigide sind. Sie sind praktisch zweigeteilt. Sehr geschützt für einen wesentlichen Teil der Beschäftigten, die praktisch unkündbar sind. Und für die anderen bleibt nur der traurige Rest. Diese Länder müssen einen Weg finden, den Deutschland gefunden hat. Zwischen dem amerikanischen "hire and fire" und einer sehr rigiden Arbeitsmarktpolitik einen Weg zu finden, der flexibel ist. Der den Unternehmen erlaubt, wenn es schwierige Situationen gibt, Leute zu entlassen. Allerdings trotzdem stabile Beschäftigungsverhältnisse zu entwickeln."

Bis diese dann endlich einmal wirken, bleibt Berlin Anziehungspunkt Nummer eins für die jungen Südeuropäer. Dabei gilt doch gerade Deutschland als Feindesland schlechthin für Spanien, Italien, und vor allem Griechenland. Verständnis für das Handeln der Bundesregierung, die auf Einhaltung getroffener Vereinbarungen pocht, ist dort wenig bis gar nicht vorhanden. So der Eindruck hierzulande. Doch überraschenderweise kommt aus dem heimatlichen Umfeld des Italieners Alessandro Lamberti, des Spaniers Jordi Lopez, und des Griechen Sotiris Mitralexis kaum Kritik daran, dass die drei ausgerechnet ihre Zukunft in Deutschland suchen. Im Gegenteil. Eigentlich seien die Proteste ja auch nur dem Frust über die Situation zu Hause geschuldet, der sich irgendwie auch einmal entladen muss. Und auch die kritische Sichtweise der Deutschen auf ihre Heimat können die Neu-Berliner gut verstehen. Für Alessandro Lamberti ist überhaupt die deutsche Disziplin der Schlüssel zum Erfolg, um in Europa die Krise zu überstehen:

"Das Geheimnis ist eigentlich die Kombination der Länder wie in diesem Moment Deutschland, die eigentlich so gut die Regeln respektieren, und in den Parametern bleiben. Das im Moment ist die beste Lösung, dass Länder wie Italien, Spanien und Griechenland, die momentan schwächer sind, können geholfen werden. Ich sehe, dass wir nicht alleine retten können, ohne die Unterstützung anderer Länder wie in diesem Fall Deutschland, oder die Europäische Community."

Jordi: "Sie sehen das, dass wir etwas gut getan haben. Weil wir unsere Chance woanders gesucht haben. Sie sind natürlich nicht zufrieden, was Angela Merkel sagt. Aber gleichzeitig sind die auch nicht zufrieden mit der Regierung in Spanien. Also es ist allgemein. Sie sind nicht zufrieden mit Spanien, sie sind nicht zufrieden mit Deutschland, sie sind nicht zufrieden mit Europa."

Sotiris Mitralexis: "Das habe ich nie erfahren, nicht nach Deutschland zu gehen, wegen der Politik. Und Griechen haben die Erfahrung, dass Teile Griechenlands nach Deutschland oder zwischen anderen Ländern auswandern. So war es nichts Neues, Stress darüber zu haben, oder dass es eine Überraschung, oder Enttäuschung war. Und mit Deutschland gibt es eine Freundschaft zwischen zwei Völkern, das hat nichts mit der Krise zu tun. Das ist von der Krise nicht geschädigt."

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