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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 30.07.2012

Die Metropole am Tigris

Kalif Al-Mansur gründete vor 1250 Jahren Bagdad als neue Hauptstadt des islamischen Reiches

Von Tobias Mayer

Straßenszene im heutigen Bagdad (AP)
Straßenszene im heutigen Bagdad (AP)

Bagdad, die Hauptstadt des Iraks, ist heute eine laute, heiße und vor allem sehr gefährliche Stadt. Fast täglich erschüttern Anschläge auf öffentliche Einrichtungen oder Menschenansammlungen die Metropole am Tigris. "Wer nach Bagdad zu reisen beabsichtigt, sollte daher unbedingt professionelle Schutzmaßnahmen ergreifen und seinen Aufenthalt auf als gesichert geltende Bereiche beschränken", schreibt das Auswärtige Amt in seiner "Reisewarnung Irak". Im Mittelalter war Bagdad eine reiche, weltoffene und vor allem friedliche Stadt, ein Schmelztiegel der Kulturen. Am 30. Juli 762 wurde Bagdad gegründet.

"Der Kalif ließ Ingenieure, Baumeister und Experten in Vermessung und Landaufteilung kommen. Er rief Maurer, Arbeiter, Zimmerleute, Schmiede und Steinmetze herbei. Er hatte in jedes Land geschrieben, man solle alle Personen schicken, die etwas vom Bauen verstünden, worauf 100.000 Vertreter verschiedener Berufe und Handwerke kamen."

Der arabische Geschichtsschreiber al-Ya'qubi berichtet über die Gründung Bagdads.

"Der Kalif entwarf die Stadt als Rundstadt, die einzige Rundstadt in der ganzen Welt. Die Grundsteinlegung vollzog er zu einem Zeitpunkt, den die Astronomen festgelegt hatten."

Für den dritten Tag des Monats Jumada al-awwal im Jahr 145 der islamischen Zeitrechnung - das war der 30. Juli 762 - hatten die Wissenschaftler am Hofe des Kalifen al-Mansur eine günstige Planetenkonstellation errechnet. Der Glaube an den Einfluss der Gestirne war groß. Die noch junge Dynastie der Abbasiden hatte ihre Hausmacht im Irak. Ein neues Zentrum am Tigris sollte Damaskus als Hauptstadt des islamischen Weltreiches ablösen.

"Jedes Stadttor bestand aus zwei gewaltigen Eisenflügeln, die so hoch waren, dass ein Reiter mit einer Standarte und ein Lanzenträger mit einer Lanze hindurchkamen, ohne die Standarte zu neigen oder die Lanze zu senken. Um die Stadtmauer herum zog sich ein gewaltiger dicker Außenwall. Dieser besaß kräftige Türme und runde Zinnen. Jenseits des Vorwalls folgte ein Graben, in welchen Wasser geführt wurde."

Der Palast des Kalifen befand sich in der Mitte der Anlage, die etwa zwei Kilometer Durchmesser hatte. Sie lag westlich des Tigris. Al-Mansur nannte die neue Stadt Madinat as-Salam, "Stadt des Friedens". So stand es auf Münzen und offiziellen Dokumenten. Doch die Bewohner sagten weiter "Baghdad", das ist mittelpersisch und bedeutet "gottgegeben", so hatte vermutlich eine alte Siedlung dort geheißen. Madinat as-Salam war eine Fehlplanung, eine abstrakte Machtdemonstration, aber keine Stadt zum Leben. Es fehlten Basare, zum Einkaufen musste man umständlich die Stadt verlassen. Schließlich genehmigte der Kalif Märkte, aber dann wurde es ihm selbst zu eng, er baute einen neuen Palast vor den Toren der Stadt. Das Volk zog hinterher. Der Großteil der alten Rundstadt verfiel. Doch das Bagdad der Vororte florierte fortan als Kreuzungspunkt der Handelsstraßen zwischen Mittelmeer und Asien.

"Kein Land gibt es, dessen Bewohner nicht in Bagdad ein eigenes Viertel, eigenen Handel und eigene Geldwirtschaft hätten. Man findet jede Art von Waren aus Ost und West, aus der islamischen und aus der nichtislamischen Welt, aus Indien und China, aus dem Lande der Türken und der Äthiopier. Ja, in Bagdad gibt es mehr Waren der verschiedenen Länder als in den Herkunftsländern selbst."

Im 9. Jahrhundert, als der Chronist al-Ya'qubi seine Aufzeichnungen verfasste, erlebte Bagdad seine goldene Zeit. Hier wohnten Araber und Perser, Juden, Christen und Sabäer, Händler aus allen Teilen der islamischen Welt einträchtig nebeneinander. Unter der Dynastie der Abbasiden blühten islamische Wissenschaften, Kunst und arabische Literatur. Im "Haus der Weisheit" ließ der Kalif al-Ma'mun die Klassiker der griechischen Antike ins Arabische übersetzen - Euklid und Galen, Platon und Aristoteles. Im 10. Jahrhundert war Bagdad eine Millionenstadt.

Mit dem Zerfall des Abbasidenreiches begann der stetige Niedergang Bagdads. Im Jahr 1258 verwüsteten die Mongolen die Stadt und zerschlugen das Kalifat. Der arabische Historiker Ibn Kathir berichtet:

"Sie machten sich über die Stadt her und töteten wahllos. Viele Bewohner stiegen in Brunnen, Latrinen, Abwasserkanäle und versteckten sich dort viele Tage. Andere verbarrikadierten sich in den Häusern. Doch die Mongolen drangen ein und töteten sie auch auf den Dächern, bis das Blut aus den Abflussrohren auf die Straße lief. Und Bagdad wurde zur Ruinenstadt mit wenigen Einwohnern, die in Furcht, Hunger, Elend und Bedeutungslosigkeit dahinlebten."

Von diesen Verheerungen erholte sich Bagdad nie mehr. Nach einer Pestepidemie im 19. Jahrhundert hatte die Stadt nur noch einige Zehntausend Einwohner. Erst im 20. Jahrhundert wuchs Bagdad wieder als Hauptstadt des unabhängigen Irak. Doch Diktatur, Kriege und Terrorismus hinterließen immer wieder schlimme Spuren der Zerstörung. Heute leben in Bagdad etwa sieben Millionen Menschen. Es ist einer der gefährlichsten Orte der Welt. Historische Sehenswürdigkeiten gibt es nur noch wenige, die alte Rundstadt des 8. Jahrhunderts existiert nicht mehr.

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