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Religionen / Archiv | Beitrag vom 01.12.2012

"Die meisten Zuhälter heißen John"

Selbst ihren Betreuerinnen in Diakonie- und Kircheneinrichtungen vertrauen sich Zwangsprostituierte selten an

Philipp Gessler im Gespräch mit Dagmar Plum

Nur selten vertrauen sich die Opfer von Zwangsprostitution den Behörden an.  (picture alliance / dpa / Maxppp / Franck Valentin)
Nur selten vertrauen sich die Opfer von Zwangsprostitution den Behörden an. (picture alliance / dpa / Maxppp / Franck Valentin)

Für Dagmar Plum gehörte Verschwiegenheit zu ihren Einstellungsvoraussetzungen bei ihrer Vorstellung im Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Die Schwester betreut dort Frauen, die in ihren Heimatländern, auf der Flucht und nun auch in Deutschland zur Prostitution gezwungen werden. Ihre Scham, darüber zu reden, ist oft so groß, dass sie oft kaum helfen können, ihre Peiniger strafrechtlich zu verfolgen.

Ralf Bei der Kellen: Am Sonntag der vergangenen Woche fand der "Internationale Aktionstag gegen Gewalt an Frauen" statt. Am selben Tag wurde in der katholischen Kirche St. Ansgar in Berlin-Tiergarten ein seit 1997 alljährlich stattfindender Ökumenischer Frauengottesdienst abgehalten. In dessen Mittelpunkt stand das Thema: Aufenthaltsrecht für Opfer von Zwangsprostitution. Organisiert wurde er unter anderem von Schwester Dagmar Plum. Die Mitarbeiterin des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes hat sich viele Jahre in der Organisation SOLWODI - Solidarity with Women in Distress, zu deutsch: Solidarität mit Frauen in Not - engagiert. Mein Kollege Philipp Gessler hat vor der Sendung mit Schwester Dagmar gesprochen und wollte zunächst von ihr wissen, wie sie zu ihrer jetzigen Arbeit in der Abschiebehaft Eisenhüttenstadt kam.

Dagmar Plum: Als ich 67 Jahre alt war, habe ich bei SOLWODI aufgehört und bin nach Berlin gekommen, weil es hier auch zwei Kommunitäten von Mitschwestern gibt, und habe mich hier nach Arbeit umgesehen, mich beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst erkundigt, ob die mich gebrauchen könnten, und dann hieß es: "Oh, ja, wir suchen dringend eine Frau."

Philipp Gessler: Warum?

Plum: Ja, das habe ich mich auch gefragt. Ja, meinte der damalige Direktor, Frauen reden nicht so schnell mit Männern über bestimmte Dinge, auch nicht mit Priestern.

Gessler: Und was sind das für Dinge, über die sie nicht reden?

Plum: Na ja, also aufgrund meiner Erfahrung konnte ich mir schon denken, was gemeint war, denn in den Abschiebungseinrichtungen befinden sich unter den Frauen immer Menschenhandelsopfer, in der Regel zwecks sexueller Ausbeutung oder aber zur Arbeitsausbeutung. Und in Eisenhüttenstadt habe ich festgestellt, dass mindestens 50 Prozent der Frauen Opfer von Menschenhandel sind und in der Regel Zwangsprostitution.

Gessler: Aber sie reden nicht darüber, weil es mit Scham behaftet ist?

Plum: Ja, das ist das große Problem. Diesen Frauen kann eigentlich nur geholfen werden, wenn sie als Zeuginnen gewillt sind, auszusagen, also vor der Polizei, vor Gericht, je nachdem dann noch vor anderen Instanzen, Ärzte werden mit eingeschaltet, wenn es nötig ist et cetera, et cetera.

Gessler: Also Zeuginnen in eigener Sache, heißt das, oder?

Plum: In eigener Sache. Das ist überhaupt das wichtigste Element in einem Verfahren, also dass die Zeugin auch glaubwürdig rüberkommt. Und: Warum haben die Frauen Angst? Zum einen werden sie schwer unter Druck gesetzt durch die Leute, die sie bewachen, sprich: Zuhälter, Bordellbetreiber, Aufpasser aller Art, Schleuser, die alle an ihr verdienen, und ihr, wenn sie Familie hat, natürlich drohen können: Wenn du irgendwas verlauten lässt über deine Tätigkeit oder wie du behandelt wirst, dann passiert deinem Kind was in deinem Heimatland oder deiner Familie. Denn es ist auch wichtig zu wissen, dass die meisten Prostituierten und vor allem dann die Zwangsprostituierten Migrantinnen sind, also zu über 80 Prozent.

Gessler: Das heißt, eigentlich haben die Zuhälter in gewisser Weise immer noch Kontrolle über die Frauen, auch wenn sie im Gefängnis sind?

Plum: Ja, das habe ich schon ein paar Mal miterlebt.

Gessler: Wie läuft da die Kontrolle?

Plum: Ja, Anruf, hier ist John - die meisten Zuhälter heißen John. Wo bist du, was tust du - obwohl die in Haft sich befinden -, mit wem redest du? Und dann müssen sie also Auskunft geben, und manchmal ist meine Stimme im Hintergrund gehört worden, ja, wer ist denn da bei dir? Ja, dann heißt es, Schwester Dagmar, die ist von der katholischen Kirche. Und die Frauen bitten mich dann in der Regel, mit John, mit dem Zuhälter zu sprechen, das, was ich also grundsätzlich verweigere, weil ich sage: Ich spreche nur mit dir und mit sonst niemandem.

Gessler: Wie finden Sie denn das Vertrauen dieser Frauen, die in der Regel ja schwer traumatisiert sind?

Plum: Also es ist ganz unterschiedlich. Bei schwer traumatisierten Frauen dauert es auch sehr lang, bis die sich öffnen, weil ihnen die Wiederholung dessen, was sie erlebt haben, einfach zu schwerfällt. Es gibt eine große Abneigung dagegen, diese Geschichte nun schon wieder jemandem zu erzählen, wenn es denn schon mal passiert ist. Also eine Nordafrikanerin ist mir in der Abschiebungshaft begegnet, mit der ich auch kein vernünftiges Wort, in Anführungszeichen, sprechen konnte. Na ja, ich bin dann also regelmäßig zu ihr hingegangen, und eines Tages hat sie dann angefangen zu reden. Also sie ist als Kind von ihren Eltern an ein Kinderbordell in ihrem Heimatland verkauft worden, und mir waren tiefe Narben an beiden Handgelenken aufgefallen, also wie so eine Hundekette, die sich in ihre Arme gebohrt hatte, und dann hat sie erzählt, dass sie mit vielen anderen Kindern in diesem Bordell angekettet war an einer Wand, und die Kunden brauchten nur entlangzulaufen und sich bedienen an den Kindern, also Tag und Nacht, fünf Jahre lang.

Gessler: Da wurden also Kinder vor anderen Kindern vergewaltigt.

Plum: Ja. Und wenig zu essen, schlecht behandelt und immer, immer, immer, immer angekettet, also sie konnten sich gar nicht von dieser Wand fortbewegen. Als sie 17 war, war sie für dieses Bordell zu alt, also ein Kinderbordell ist ja schließlich für diesen Extrakick gedacht, Sex mit unschuldigen Wesen.

Gessler: Das heißt, die Schwierigkeit ist oft, dass die Frauen, wenn sie wirklich sagen würden, ich war Zwangsprostituierte, dann würden sie rechtlich ganz gut dastehen hier in Deutschland, vielleicht nicht abgeschoben werden, aber sie tun es nicht, aus Scham?

Plum: Die Scham als soziokultureller Grund, sehr schwerwiegend, gerade für muslimische Frauen, dann aber auch die Angst vor den Tätern, also die sie ins Bordell gebracht haben, in diesem Fall waren das ja zunächst mal ihre Eltern, dann weiterhin Schlepper, Schleuser, Zuhälter, die ja oft lockere Netzwerke bilden, kleine Gangs, große Gangs, die sehr anpassungsfähig sind und sich nach jeder neuen Gesetzeslage ausrichten können, sich gegenseitig informieren, was die Polizei jetzt wieder vorhat et cetera, und die also gut davonkommen, auch bei Gerichtsurteilen. Also ich war manchmal entsetzt über die milden Urteile.

Gessler: Wie schaffen Sie das denn, obwohl Sie Ordensschwester sind und ja wegen Ihres Keuschheitsgelübtes eigentlich mit Sex ja nichts zu tun haben dürfen, wie schaffen Sie es, dann trotzdem gerade Zwangsprostituierte zu überzeugen, dass Sie die richtige Ansprechpartnerin sind?

Plum: Na ja, als Ordensleute sind wir ja nun nicht wie früher nicht mehr von dieser Welt, sondern mittendrin und kennen uns in diesen fürchterlichen Zuständen gut aus. Also es ist ja ein Dienst, den Frauen für Frauen tun können in erster Linie, also Männer kommen da eher nicht als Gesprächspartner infrage. Und ich bin auch dagegen, dass man sozusagen die Heilige gegen die Hure ausspielt, wenn sie an die Bibel denken, hatte Jesus sehr freundschaftlichen Umgang mit Prostituierten und hat sie keineswegs verdammt. Im Grunde sind diese Frauen ja schwer beschädigte Menschen, die oft schon von frühester Kindheit an sexuell verwahrlost sind, dadurch, dass sie früh missbraucht, vergewaltigt, weitergereicht wurden, die als Menschen sich nur über ihren Körper definieren können und immer noch meinen, sie hätten nichts anderes zu bieten als ihren Körper, und je älter der wird, desto weiter sinkt ihr Wert.

Gessler: Eine neue Entwicklung ist ja, dass jetzt es in Großbritannien sogar ein Männerhaus gibt, das heißt von zwangsprostituierten Männern.

Plum: Ja.

Gessler: Ist so was auch in Deutschland zu erwarten?

Plum: Ich weiß nicht, ob schon laut drüber nachgedacht wird, aber das Problem wird zumindest wahrgenommen. Ich meine, die ganzen Missbrauchsskandale haben ja auch gezeigt, dass sehr viele Jungen betroffen sind von sexuellem Missbrauch. Natürlich sind es zu 80 Prozent immer noch Mädchen und Frauen. Aber an die Eröffnung eines Männerhauses ist, soweit ich weiß, in Deutschland noch nicht gedacht. Großbritannien, das war ein besonders krasser Fall, da wurden zwei Männer 20 Jahre lang in einem Pferdetransportwagen gehalten, und denen wurden Prostitutionskunden zugeführt.

Gessler: Vielen Dank, Schwester Dagmar, für das Gespräch!

Plum: Ja, ich bedanke mich für die Einladung!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Links auf dradio.de:

Weltatlas der sexuellen Ausbeutung - Lydia Cacho: "Sklaverei. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel"
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