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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.08.2011

Die Mauer aus einer anderen Sicht

Jochen Maurer: "Dienst an der Mauer. Der Alltag der Grenztruppen rund um Berlin", Ch. Links, Berlin 2011

In der DDR hieß die Berliner Mauer nicht Mauer, sondern "antifaschistischer Schutzwall“. (AP)
In der DDR hieß die Berliner Mauer nicht Mauer, sondern "antifaschistischer Schutzwall“. (AP)

Die Grenzsoldaten waren eine besondere Spezies im Gefüge der Nationalen Volksarmee der DDR. Sie und ihre Aufgaben nimmt Jochen Maurer in seinem Buch "Dienst an der Mauer" unter die Lupe. Ein zweites Buch, "Aus anderer Sicht: die frühe Berliner Mauer" von Annett Gröscher und Arved Messmer ist dagegen fast ein Bilderbuch.

"Rot" war gut und "Schwarz" war schlecht – jedenfalls, wenn ein Grenzposten am Mauerstreifen "rüber machen" wollte nach Westberlin. In der Alltagssprache der Grenzsoldaten hieß "rot": Er war in Bereichen eingesetzt, direkt an der Mauer, aus denen er hätte fliehen können. "Schwarz" bedeutete: Er war an Punkten eingesetzt, die von anderen Postenpärchen eingesehen werden konnten. Und selbst im roten Bereich hatte er ja immer noch seinen Kameraden neben sich, den er erst einmal hätte überwältigen müssen.

Immerhin gelang in den letzten Jahren der DDR jedes Jahr im Durchschnitt elf Grenzsoldaten die Flucht in die Bundesrepublik oder nach Westberlin. Die Postenpärchen wurden nach einem hochkomplexen System zusammengesetzt. Bei der streng geheimen Postenplanung durch die Vorgesetzten wurde stets darauf geachtet, dass einer der beiden über jeden Zweifel erhaben war. Nach dem Mauerbau wurden die Grenzposten erst einmal in drei Stufen der Staatstreue eingeteilt, wie Jochen Maurer schreibt: "Kern (positiver Teil des Kollektivs), Reserve (schwankend und unklar), und Rest (hemmend und negativ)". Die Truppe sprach schnell von verschiedenen "Blutgruppen".

Wer angenommen hatte, die potenziellen Todesschützen an der Mauer und am innerdeutschen Todesstreifen seien alles hundertfünfzigprozentige SED-Anhänger gewesen, der wird in Jochen Maurers Fleißarbeit eines besseren belehrt. Zwar waren mehr als neunzig Prozent der Offiziere Parteimitglieder (und jeder Fünfte IM der Stasi) – doch die Posten direkt an Mauer und Stacheldraht waren zum großen Teil Wehrpflichtige. Und die bekamen recht schnell mit, dass ihr Dienst sich nicht, wie zuvor in der Schule und bei der FDJ gelernt, gegen etwaige Angreifer aus dem Westen richtete, sondern die eigene Bevölkerung an der Flucht hindern sollte. Und "ein großer Teil" der Wehrpflichtigen war nicht bereit, die Waffe gegen Flüchtlinge einzusetzen. Der Frust war groß, die Neigung zur Fahnenflucht beträchtlich: "Kameradschaft wurde durch ein Herrschaftssystem ersetzt, das sich auf Überwachung und Misstrauen stützte".

Maurers Fazit: "Die Verhinderung von Fahnenfluchten aus den ‚eigenen Reihen‘ erhielt somit absurderweise eine höhere Priorität als die eigentliche Kernaufgabe der Grenztruppen, der Einschluss der breiten Bevölkerung."

Maurer beschreibt das nach akribischem Aktenstudium im Freiburger Militärarchiv und nach Interviews mit ehemaligen Angehörigen der Grenztruppen – am Beispiel des Berliner "Grenzregiments 33", das für 23,7 Kilometer Mauer nördlich des Brandenburger Tores zuständig war. Seine Sprache ist mehr als trocken; hier schreibt ein Offizier, der beim Leser ein grundsätzliches Verständnis militärischer Strukturen voraussetzt – der sich aber auch mit großer Sachkunde der oft übersehenen Rolle der Grenztruppen im Kriegsfalle widmet: die Eroberung Westberlins mit schwersten Waffen. Das Buch ist keine leichte Kost. Informativ ist es für Leser, die sich sehr speziell für dieses Thema interessieren. Wer sich indes auf militärisch karge Sprache und militärisches Denken einzulassen vermag, wird den Band mit Gewinn – und sogar mit Spannung lesen.


"Aus anderer Sicht: Die frühe Berliner Mauer"

Auf jeden Fall empfiehlt es sich, zwischendurch zu einem gänzlich andersgearteten Buch zu greifen, das die Mauer aus der Perspektive der Grenzer thematisiert und sichtbar macht. Die Schriftstellerin und Lokalhistorikerin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer sind vor Jahren durch Zufall im Militärarchiv auf einen wahren Schatz gestoßen: 1.200 Einzelnegative von Bildern, die Soldaten der Grenztruppen Mitte der Sechzigerjahre von der Mauer gemacht haben.

Sie zeigen in beeindruckenden Schwarz-Weiß-Fotos von Straßenabschnitten und Plätzen, von Häuserfronten und Hinterhöfen, wie aus fast harmlos wirkenden Stacheldrahtverhauen das nahezu unüberwindbare Monster wurde; wie die Wachtürme, die anfangs noch wie Hochsitze für Jäger aussahen, Stück für Stück zu den betonierten kleinen Zwingburgen mutierten. Und es zeigt Passanten, die von der westlichen Seite der Mauer die Grenzposten filmen und fotografieren; zeigt West-Berliner Polizisten und alliierte Soldaten: aus anderer Sicht eben.

Die Fotos haben spezielle Aufklärungstrupps der Grenzregimenter gemacht – dazu wiederum ist Interessantes bei Jochen Maurer nachzulesen. Annett Gröschner und Arwed Messmer haben aus dem Fotomaterial eine Ausstellung entwickelt. Das voluminöse Buch dazu enthält auch Tatortskizzen von "Grenzdurchbrüchen" und die dazu passenden Fotos: die Leitern, auf denen in den Westen geklettert wurde; die Waffen, die geflohene Grenzer zurückgelassen haben; Jacken, Aktentaschen, ein Perlonstrumpf, der sich im Stacheldraht verfangen hat …

Dazu Belobigungen "Aus dem Ehrenbuch der Grenzregimenter 31 und 7": "Er war immer bestrebt, seinen Kampfauftrag gewissenhaft zu erfüllen"; "Er konnte mit seinem Diensthund Cella einen schweren Grenzdurchbruch verhindern".

Und auch Tadel: "Er wurde im Postenturm schlafend angetroffen"; "Durch seinen Verrat und die Unbrauchbarmachung der Maschinenpistole war der Grenzabschnitt eine zeitlang nicht gesichert"; "In einem seiner Strümpfe war ein Fotoapparat versteckt". Nicht zu vergessen, die Sprüche, die Westberliner zu den Grenzposten riefen: "Willst du Cola, du Iwan?" Oder: "Kommt doch rüber, wir haben schöne Frauen für euch. Einen Wagen bekommt ihr auch".

Die Mauer kennen wir heute in ihrem Endstadium als Betonbollwerk – wie anders die Realität der frühen Jahre war, führt das beeindruckende Buch von Annett Gröschner und Arwed Messmer vor Augen.

Besprochen von Klaus Pokatzky

Jochen Maurer: Dienst an der Mauer - Der Alltag der Grenztruppen rund um Berlin
Ch. Links Verlag, Berlin 2011
267 Seiten, 29,90 Euro

Annett Gröschner und Arwed Messmer (Hrsg.): Aus anderer Sicht: Die frühe Berliner Mauer
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 211
752 Seiten, 49,80 Euro

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