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Die Martinsgans

Zwischen kulinarischem Brauch und christlicher Tierliebe

Von Peter Kaiser

Der Gedanke der christlichen Tierliebe erstreckt sich nicht nur auf die Gänsehaltung. Auch das Schlachten gehört dazu.
Der Gedanke der christlichen Tierliebe erstreckt sich nicht nur auf die Gänsehaltung. Auch das Schlachten gehört dazu. (picture alliance / dpa / Holger Hollemann)

Zum Martinstag am 11. November kommt in vielen Haushalten die Martinsgans auf den Tisch. Dabei hat der Verbraucher nicht nur die Wahl zwischen gemästeter Stopf- und freilebender Bio-Gans: Auf Gut Kerkow in der Uckermark werden Gänse in einem christlich geführten Zuchtbetrieb gehalten.

"Komm hier, komm, komm... so ist gut, komm hier, brauchst nicht weglaufen ..."

Martin von Tours, Sohn eines römischen Soldaten, hatte im Jahr des Herrn 361 seinen Dienst in der Armee aufgegeben und war ein christlicher Mönch geworden.

"Komm hier, komm, komm..."

Der Mönch Martin lebte in Ligugé in Frankreich. Im Jahr des Herrn 371 sollte er die Nachfolge des alten Bischofs von Tours antreten. Doch Martin wollte nicht im Bischofspalast und im Prunk leben. Er floh vor den bittenden Bürgern in einen Gänsestall. Weil die schnatternden Gänse ihn verrieten, befahl er, sie zu braten.

"Momentan haben wir 58 Gänse."

Sonntagnachmittag auf dem Gut Kerkow, nahe Ackermünde in der Uckermark. Behutsam geht Johannes Niedeggen auf die Gänseschar zu, die sich vor ihm schnatternd ans Teichufer zurückzieht.

"Komm hier, komm, komm... tut euch keiner was, zumindest heut noch nicht ..."

Johannes Niedeggen, der aus dem Kölner Raum hierher in die Uckermark zog und das jahrhundertealte Gut Kerkow übernahm, kennt die Martinsgans als gläubiger Christ und Katholik gut. Zwar ist die Gans zum 11. November, dem St. Martinstag, für ihn kein Geschäft, aber mit den Tieren anständig, genauer: christlich, umzugehen, sieht er allezeit als eine Aufgabe.

"Ich denke, das Christliche ist, dass man versucht, anderen Geschöpfen, die mit einem leben, ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Jetzt sagt die Gans mir natürlich nicht in Deutsch oder in Englisch oder Französisch, was ihr gefällt, was ihr nicht gefällt, wir müssen versuchen zu erkennen was sie möchte, so wie wir es bei anderen Tieren auch machen, also bei Rindern und Schweinen."

Unanständig im Sinne eines christlichen Umgangs mit Tieren wäre, sagt der noch recht junge Landwirt, wenn man den Gänsen nicht die Lebensbedingungen schafft, die sie zum Gedeihen brauchen.

"Das sind jetzt nicht kilometerweite Märsche, also die Gans läuft bis ans Ende der Koppel, also soweit sie guckt, geht auch wieder zurück, also das heißt, dass sie nicht riesig weit laufen will, sie ist nicht ein Einzeltier, sie grasen richtig die Weiden ab, (...) ja, und das man ihr möglichst Wasser zur Verfügung stellt, dass sie auch darin baden kann … gebt ihr mir recht was?"

Anfang November ist die Arbeit auf den Feldern beendet. Verließen früher Mägde und Knechte den Hof, erhielten sie eine Gans. Doch am 11.11. beginnen auch die 40 Fasttage vor Weihnachten.

Die Einstellung der christlichen Achtsamkeit gegenüber seinen Tieren, sagt Johannes Niedeggen, wirkt nicht nur auf die Tiere selbst. Die Leute in der Umgebung sind nachdenklich geworden.

"Es hieß ganz lange, wir sind zu teuer, das ist ja öko, also freilaufend gehalten, das ist zu teuer. Und wenn die Leute mal feststellen: vielleicht ist das einzelne Kilo teurer, das will ich gar nicht in Frage stellen, nicht immer, aber manchmal, weil es einfach deutlich mehr Aufwand macht, sie so herzustellen, wie wir das machen, also den Bedürfnissen der Tiere zu entsprechen, aber es schmeckt anders. Und was ich denke, was wichtig ist: Man hat selber ein ganz anderes Gefühl dabei."

Der Gedanke der christlichen Tierliebe erstreckt sich nicht nur auf die Gänsehaltung. Auch das Schlachten gehört dazu.

"Ja, das ist überhaupt der Ansatz der Landwirtschaft. Das kann man auch als christlich sehen, es geht ja darum, Nahrungsmittel herzustellen, und eine Ernährung zu sichern. Für mich ist es ne Belastung, und es ist auch für die Fleischer eine Belastung, die es regelmäßig machen. Also es ist nicht so, dass es nichts ist."

Im "Kreuzberger Himmel", einer Gastwirtschaft, die von der Berlin-Kreuzberger St. Bonifatius–Gemeinde seit Kurzem betrieben wird, achtet man darauf, dass die Martinsgans, die in der Speisekarte steht, gut aufgezogen wurde. Norbert Knop, der Küchenchef ...

"Wir versuchen auch da solche Hintergründe zu beachten, und auch mehr in den Mittelpunkt zu rücken."

Wie weit der Gedanke der christlichen Gänseaufzucht gehen kann, kann man hier direkt erfahren. Denn anders als in manchen Restaurants ist die Martinsgans hier auch für weniger wohlhabende Familien erschwinglich.

"Grade die Familie. Dazu gehört natürlich auch die Mutter, die wir entlasten wollen. Durch die Situation, die wir hier im "Kreuzberger Himmel" haben, können wir Angebote machen, die auch für solche Leute erschwinglich sind."

Wahrscheinlicher als die Martinslegenden ist wohl, dass in Zeiten des Lehnswesens am Martinstag der "Martinsschoss", eine Abgabe in Form einer Gans, fällig war. Da der Martinstag vielfach mit einer Kirmes verbunden wurde, wurde aus der Abgabe ein Festessen.

Die Barmherzigkeit und Fürsorge des Heiligen Martin ist legendär und sprichwörtlich. Diese Fürsorge auch den Gänsen angedeihen zu lassen, heißt achtsam zu sein auf das, was das Leben dieses Heiligen als Botschaft vermittelt.

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