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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.04.2005

"Die Macht der Karten"

Ute Schneiders Geschichte der Kartografie

Vorgestellt von Susanne Billig

"Es gehört zu den menschlichen Universalien, dass wir den Raum, in dem wir leben und uns bewegen, nach bestimmten Kriterien strukturieren und diese Strukturen mental und materiell festhalten. Die Formen materieller Darstellung können sehr verschieden sein, sie entsprechen den Bedürfnissen und dem Wissen über die Welt. "

Karten präsentieren die Welt - aber was zeigen sie und was bleibt ungesagt? Wer stellt Karten her und wer konsumiert sie? Von solchen Fragen aus entfaltet Ute Schneider ihre Geschichte der Kartografie. Keine nüchterne historische Abhandlung hat die Autorin geschrieben, sondern ein Buch voller Überraschungen, kluger Gedanken und nicht zuletzt voller Geschichten.

Eine der ältesten Weltkarten ist auf eine Tonscherbe geritzt. Die Erde erscheint als Kreis und Babylon liegt im Zentrum. Als hätten die Babylonier die Nöte ihrer späteren Erforscher geahnt, gehört ein Text dazu, der die religiöse Bedeutung der Karte erläutert. Das ist ganz im Sinne von Ute Schneider:

"Das Wissen einer Karte erschließt sich uns nur, wenn wir den kulturellen Kontext ihrer Entstehung berücksichtigen. "

Täglich haben wir mit Karten zu tun - Stadtplänen, politischen Skizzen, der Weltkarte hinter der Tagesschau-Moderatorin. Karten strahlen Präzision aus, scheinen wertfrei und objektiv. Diese Vorstellung ist naiv, wie Ute Schneider an vielen Beispielen zeigt. Im Mittelalter etwa steht die Erdscheibe auf Christi Füßen, trägt seinen Kopf und ist nichts anders als der Leib des Heilands.

"Für die mittelalterlichen Weltkarten standen Kenntnisse der Geografie weniger im Vordergrund als historische Ereignisse und biblische Geschichten. "

Jerusalem thront in der Mitte - und manchmal auch das Örtchen, in dem das Kloster des Kartografen stand. Wie heute ein Stadtplan diente die Karte auch damals der Orientierung - im heilsgeschichtlichen Raum. Karten, und darin liegt ihre Macht, bilden die Welt nicht nur ab - sie schaffen sie neu.

"Nach der ersten Verwendung der Bezeichnung "Amerika" auf einer Karte prägte der Name sich ein, obgleich die dort lebenden Nationen ihre Territorien anders bezeichneten. Benennungen sind ein Ausdruck von Herrschaftsbeziehungen, und Kartographen betätigen sich nicht selten als "Sprachenfresser" oder "Glottophagen"."

Alte römische Karten bilden das riesige Imperium ab. Länderumrisse gibt nicht, sondern viele rote Striche. Es sind die mehr als einhunderttausend Kilometer Straßennetz des Römischen Reiches. Und wohin führen die Straßen der Welt? Natürlich nach Rom. Das alles ist schön anzusehen in Ute Schneiders Buch, denn das große Format - einem Atlas entsprechend - lässt für die Gestaltung viel Platz. In Randspalten nimmt die Autorin uns mit auf Exkursionen, stellt berühmte Kartografen vor, erzählt von spannenden Entdeckungen oder erläutert Fachbegriffe. Hier und da hätte man sich die Formulierungen etwas unverschraubter gewünscht - eine einfache Sprache muss ja der Tiefe des Gedankens keinen Abbruch tun. Dafür umfließt der Haupttext auf beinahe jeder Seite hervorragende Reproduktionen alter Karten, so detailgetreu, dass es Freude macht, sich in die Darstellungen zu vertiefen.

"Die moderne Kartografie ist keineswegs frei von ideologischen Verzerrungen, das macht Ute Schneider an vielen Beispielen klar. Noch in heutigen Kinderbüchern verwandelt sich Afrika zum Naturpark voller Löwen und Giraffen, Industrie und Städte gibt es da nicht. So öffnet die "Die Macht der Karten" auf kluge Weise den Blick auf die Welt - und vielen Bilder, die wir uns davon machen. "


Ute Schneider: Die Macht der Karten
Primus Verlag
39,90 Euro

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