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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.09.2011

Die Macht der Farbe

Das Jubiläum 20 Jahre Weserburg in Bremen wird mit "Farbe im Fluss" gefeiert

Von Günter Beyer

Der argentinische Künstler Nicolàs Uriburu kippt neongrüne Farbe in die Weser vor dem Museum Weserburg (dpa / picture alliance / Ingo Wagner)
Der argentinische Künstler Nicolàs Uriburu kippt neongrüne Farbe in die Weser vor dem Museum Weserburg (dpa / picture alliance / Ingo Wagner)

Das anfangs wenig geliebte Museum für Moderne Kunst, das mitten auf der Weser liegt, begeht seinen 20. Geburtstag. Nach einem finanziellen Befreiungsschlag durch den Verkauf von Bildern setzt das Bremer Haus vor allem auf thematische Ausstellungen mit den Werken anderer Sammlungen.

Nicolàs Uriburu steht in einem Rettungsboot und wirft Farbgranulat in den Fluss. Der argentinische Künstler, inzwischen 73 Jahre alt, hatte bereits 1968 zur Biennale in Venedig den Canal Grande grün eingefärbt. Nun fließt durch Bremen mit Hilfe des unweltverträglichen Farbstoffs Uramin eine stellenweise grüne Weser, überzeugende Demonstration der Macht der Farbe und Auftakt des 20. Geburtstages der "Weserburg".

Für Carsten Ahrens, der die "Weserburg" seit sechs Jahren leitet, hat sich diese Form von "Public Private Partnership" bewährt:

"Dieses Modell ist für Bremen, gerade, was die Finanzen angeht, die allerbeste Lösung, die hätte gefunden werden können."

Natürlich ist die Weserburg von heute nicht mehr dieselbe wie 1991:

"Sie kennen ja unser Motto, dass wir ein Museum im Fluss sind, ein Museum, das sich ständig verwandelt."

Anfangs wurden die Dauerleihgaben über lange Zeiträume unverändert als Sammlerprofile präsentiert. Später ging man dazu über, eher thematisch zu arbeiten.

"Wir können aus den gigantischen Beständen wirklich bedeutender Sammlungen auswählen, und wir holen uns damit auch immer einen anderen Blick ins Haus."

Allerdings litt die Weserburg von Anfang an unter mangelnder Akzeptanz in der Stadt. Nur rund 25.000 Besucher jährlich verliefen sich auf den 6000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, das Museum häufte Schulden an. Als Carsten Ahrens die Leitung übernahm, versprach er eine Verdopplung der Besucherzahlen. Er vervielfachte die Zahl der Ausstellungen und holte - beispielsweise mit dem Werk des Fotografen Helmut Newton - Besuchergruppen ins Haus, die sonst white cubes eher meiden. Die 1,7 Millionen Euro, die sich die Stadt ihr Museum kosten ließ, reichten trotzdem nicht.

Im vergangenen Jahr sanierte sich die Weserburg mit einem umstrittenen Befreiungsschlag: Zwar hatte man - abgesehen vom "Archiv für Künstlerpublikationen" - keine eigene Sammlung aufbauen können. Aber die Stadt hatte der Weserburg die Sammlung des Kaffeeindustriellen Roselius übertragen. Dazu gehörten das Gerhard-Richter-Gemälde "Matrosen" und ein Werk des Schweizer Fotorealisten Franz Gertsch. Diese Bilder wurden für zusammen 10 Millionen Euro versteigert. Damit war der Grundstein gelegt für die dringend gebotene Sanierung des Hauses.

Einige Sammler haben die Weserburg inzwischen verlassen, andere wie Thomas Olbricht sind hinzugekommen. Olbricht, der vor allem provokative Kunst zu den Themen Liebe, Sexualität und Tod schätzt, bleibt zwar Gast in der Weserburg, eröffnete aber im vergangenen Jahr in Berlin seinen eigenen "Collector´s Room".

Ist nicht ein Museum, das selber gar keine Werke besitzt, von den Launen seiner Sammler abhängig?

"Grundsätzlich gilt: Es kann auf diesem Feld alles Mögliche passieren. Wenn Sammlungen vererbt werden, wissen Sie nicht, wie die Erben damit umgehen. Es gibt hunderttausend Gründe, warum so eine Beziehung auch mal vorbei sein kann. Das ist sozusagen eine Liebe auf Zeit zwischen Museum und Sammlung."

Trotz finanzieller Schieflage: Die "Weserburg" versteht es, gute Ausstellungen zu machen. Wie etwa das neue opulente Projekt "Farbe im Fluss". Kurator Peter Friese geht dabei ebenso akribisch wie sinnlich der Frage nach, wie denn die Farbe das Fließen lernte:

"Farbe wurde nicht mehr allein mit dem Pinsel auf die Leinwand aufgetragen, sondern aus einem gewissen Abstand auf die Leinwand getropft. Oder in rhythmischen Bewegungen über die gesamte Leinwand verteilt."

Der US-Amerikaner Jackson Pollock gilt gemeinhin als der "Erfinder" des "Action Painting" in den 1940er-Jahren. Peter Friese beweist dagegen mit Exponaten, dass der deutsche Surrealist Max Ernst als erster den autonomen Fluss der Farbe spielerisch einsetzte.

"Er machte ein Loch in eine Dose, hängte diese Dose an einem Bindfaden auf, und ließ diese Dose, natürlich mit Farbe gefüllt, über einem Blatt Papier kreisen."

Mehr als 50 Positionen in der Nachfolge von Max Ernst und Jackson Pollock legen Zeugnis ab, dass Künstler wie Ai Weiwei, Sigmar Polke oder Andy Warhol sich immer wieder auch mit den physikalischen Eigenschaften ihres wichtigsten Rohstoffs auseinandersetzten: Farbe, mal sirupartig zäh, mal wässrig zerfließend. Farbe, mal im freien Fluss, mal durch Künstlerhand zu Farbfeldmalereien geordnet.

Informationen der Weserburg Bremen

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