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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.08.2012

"Die machen das mit einem enormen Mut"

Punk-Sänger Schorsch Kamerun sympathisiert mit der russischen Frauen-Punkband Pussy Riot

Moderation: Jörg Degenhardt

Schorsch Kamerun, Sänger der Goldenen Zitronen
Schorsch Kamerun, Sänger der Goldenen Zitronen (picture alliance / dpa)

Der Theaterregisseur und Sänger der legendären Punk-Band Die Goldenen Zitronen, Schorsch Kamerun, empfindet den Protest der Gruppe Pussy Riot als angemessene Form des Widerstands. Allerdings glaubt er nicht, dass ähnlich schrille Aktionen in Deutschland funktionieren würden.

Jörg Degenhardt: Es geschah am 21. Februar in Moskau. Fünf Mitglieder von Pussy Riot protestieren in einer Kirche mit einem Punk-Gebet gegen Patriarch Kyrill sowie gegen die Wahl von Wladimir Putin zum Präsidenten. Im Verlaufe einer Performance fielen Sätze wie: Mutter Gottes, heilige Jungfrau, verjag Putin, oder: Scheiße, Scheiße, Gottes Scheiße. Heute wird in dem umstrittenen Prozess gegen drei der Frauen von Pussy Riot das Urteil erwartet. Ohne zu übertreiben, darf man wohl sagen, die Weltöffentlichkeit ist gespannt. Ich habe den Hörspielautor und Theaterregisseur Schorsch Kamerun und immer noch Sänger der legendären Punkband Goldene Zitronen gefragt, was Pussy Riot für ihn sind. Große Künstlerinnen?

Schorsch Kamerun: Die Bewertung würde ich mir jetzt gar nicht erlauben. Ich denke, dass sie mit dem, was sie da machen, auf jeden Fall einen Effekt erreichen, den man sonst gar nicht so einfach herstellen kann. Also, in dem Fall kommt ihre Kunst schon sozusagen stark an, würde ich sagen.

Degenhardt: Was ist denn diese Idee, die dahinter steht? Den Mund aufmachen und die anderen dazu anstiften, es genauso zu tun? Weil man ja nicht alle kritischen Stimmen einsperren kann.

Kamerun: Ich glaube schon, dass es da um ein repressives Leben geht, was man aufbrechen will, und die machen das ja mit einem enormen Mut, das wird ja auch so bewundert. Weil ja auch dahintersteht, dass es zu sehr drakonischen Strafen kommen kann oder vielleicht auch wird. Und ich glaube, dass sie das mit so einer Begeisterung machen, was man ja erlebt, trotz der Bedrohung, hat eben wirklich damit zu tun, dass es auch kein anderes Leben gibt. Also, da ist man wirklich schwarz-weiß. Und ich glaube, dass wir das gar nicht so leicht nachvollziehen können, weil wir so nicht leben.

Degenhardt: Über das Urteil heute können wir natürlich nur spekulieren. Die Staatsanwaltschaft hat für die drei Angeklagten jeweils drei Jahre Haft beantragt. Dennoch: Haben es die Frauen mit ihrer Provokation nicht ein bisschen übertrieben?

Kamerun: Ja, ich glaube es eben nicht. Also, ich glaube, sie sind ja sehr bewusst. Auch der Chodorkowski, der ja schon ewig dort im Knast sitzt, und ja auch andere Leute, es sind ja nicht nur diese drei klugen jungen Frauen, sondern ganz viele Leute, die dort sehr viel riskieren gegen das Regime Putin ja auch. Also man merkt ja ganz deutlich, dass da eine Form vorliegt, die ein Leben auch zu einem gewissen Grad anscheinend so unerträglich gestaltet, dass es nicht anders geht, als auch sehr radikal, ja, bis hin zu seine Versehrtheit einzusetzen. Und das, glaube ich eben, ist tatsächlich etwas, was wir nur sehr schwer nachvollziehen können hier. Jedenfalls leben wir einfach nicht so, und es scheint aber so zu sein, dass es wirklich nicht anders geht. Oskar Maria Graf hat mal gesagt, als das Blut bricht, also, als es wirklich nicht mehr geht.

Degenhardt: Dennoch muss ich einfügen, eine schrille Protestaktion wie die von Pussy Riot in Russland hätte auch im Kölner Dom Konsequenzen. Der Straftatbestand wäre da Störung einer religiösen Stätte. Das habe ich zumindest gelesen. Also noch mal: Wie weit darf eine Provokation gehen?

Kamerun: Na ja. Also, ich würde sagen, auf eine Art ja unbegrenzt. Es kommt darauf an, was man damit erreichen will. Und wenn es nicht mehr geht, also – ich habe das Gefühl, dass diese Leute, die sich dort so einsetzen, das als Verteidigung machen. Und das fällt natürlich ganz schwer zu bemessen, von hier aus. Es scheint keine andere Wahl zu geben als in dem Fall wirklich den vollen Körper einzusetzen. Und die Form ist dann natürlich eine, die bei uns so nicht funktionieren würde. Und wir haben natürlich auch, wir haben was völlig anderes vor uns liegen. Also hier die Kirche so anzugreifen, macht natürlich auch in dem Fall nicht so einen wirklichen Sinn, weil wir empfinden unsere Kirche jetzt nicht als überautoritäre, wie soll ich sagen, Instanz. Also da sind wir dann eben doch sehr weit von entfernt. Und auch, wenn wir hier zum Teil uns beschweren und unsere Politik herziehen und möglicherweise Ungerechtigkeiten empfinden – das ist schon was wirklich anderes.

Degenhardt: Sie haben, Herr Kamerun, in einem Interview gesagt, wenn ich das richtig erinnere, sie seien ein bisschen neidisch, dass man in Russland noch so provozieren kann, um für mehr Freiheit zu streiten. Wie darf man das verstehen?

Kamerun: Ja, ich finde es schon natürlich auch aufregend, so bestimmte Formen zu benutzen, die mit einer bestimmten Grellheit auch umgehen, die ja auch wir mal erlebt haben. Ich kann es schon nachvollziehen, mit tatsächlich wirklich anderen Konsequenzen. Aber es war schon auch so, ich empfinde das jedenfalls so aus meinem Aufwachsen heraus, hatten wir auch das Gefühl, okay, wir sind hier in einer Umgebung, dagegen muss wirklich vorgegangen werden, weil, so halte ich das hier nicht aus. Es war allerdings eine ganz andere Androhung im Hintergrund. Trotzdem hat man auch da versucht, eben mit ästhetischen Mitteln – damals nannte man das ja eben auch schon Punk – oder eben auch zu sagen, so Leute, das hier hat keine Zukunft, also dieser "No Future"-Forderung, und das dann zu überzeichnen. Das, was die Damen dort machen, funktioniert hier natürlich in keiner Weise mehr.

Degenhardt: Wie kann man denn als Künstler in Deutschland heutzutage noch mit unbequemen Wahrheiten auffallen?

Kamerun: Ich hab das Gefühl, das funktioniert kaum. Die Leute, die einem dort einfallen, also Christoph Schlingensief, der ja auch ein guter Bekannter und auch Freund von mir war, der hat da seine Mittel gefunden, würde ich sagen, eine lange Zeit lang. Und hat ja auch sich selbst dort jeweils thematisieren können, und das ist ihm wirklich absolut gelungen in einer ganz großen Schnittmenge. Also, da hatte ich das Gefühl, das klappt. Und dann beobachtet man ständig Sachen, die da ausprobiert werden. Ich hab das Gefühl, wenn man jetzt so sieht, da ist auch alles gemacht worden. Also, ein Wiener Aktionismus, die haben schon so ziemlich alles erledigt. Also, es bringt nicht wirklich was, sich mit Scheiße einzuschmieren und sich vor den Altar zu werfen oder Parolen zu brüllen. Das funktioniert hier so nicht mehr. Das haben wir irgendwie gehabt, das löst Gähnen aus. Genauso, wie ich auch nicht wirklich an Nackte im Theater glaube. Da braucht es schon einen enorm guten Grund. Also ich glaube, das ist hier nicht ganz mehr so zu machen. Ich glaube trotzdem, dass, ja, dass eine inhaltliche saubere Bestimmung auch immer was machen kann. Also auch Gedichte und Texte können schon was sagen. Das reißerisch-schrille Äußere funktioniert hier so nicht mehr. Das haben wir im Mainstream erlebt. Also das Unnormale ist ja bei uns das Normale, also auch rein ästhetisch.

Degenhardt: Heute wird das Urteil gegen Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot erwartet. Das war der Hörspielautor und Theaterregisseur Schorsch Kamerun. Ich bedanke mich für das Gespräch!

Kamerun: Vielen Dank!

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