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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.08.2007

Die Lustspiele des bedeutendsten Dramatikers

Ekkehart Krippendorff: "Shakespeares Komödien", Kadmos Kulturverlag, Berlin 2006, 277 Seiten

Bei einer Probe zu Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" (AP Archiv)
Bei einer Probe zu Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" (AP Archiv)

Ekkehart Krippendorff hat sein Werk "Shakespeares Komödien" aus der Perspektive des Liebhabers geschrieben. Darum ist es vor allem und gleich im ersten Zugriff lesbar. Krippendorff blättert in der Einführung einen Katalog der Zuneigungen auf, jenseits der im engeren Sinne akademischen Shakespeare-Forschung. Jeder der zehn Komödien Shakespeares widmet der Autor eine intensiv-interpretatorische Studie.

Der alte Witz über Spezialisten geht so: Sie wissen immer mehr von immer weniger; bis sie schlussendlich alles wissen von nichts. Und damit zurück fallen auf das Niveau des Niederrheiners, wie ihn Hanns Dieter Hüsch selig beschrieb. Weiß nix, kann aber alles erklären. Vom Komponisten Hanns Eisler ist das ebenfalls sehr schöne Wort überliefert, dass, wer nur von Musik etwas verstehe, auch von der nichts wirklich wisse.

Auch der Berliner Politikwissenschaftler Ekkehart Krippendorff kannte sich bis zur Emeritierung vor acht Jahren vor allem und immer zuerst in der eigenen Schublade aus: Krippendorff lehrte an der Freien Universität in Berlin und gehörte (gehört!) dort und überhaupt zur Fraktion der aufgeklärten Linken, deren öffentlicher Einfluss in Folge der umstürzlerischen End-60er-Jahre lange Zeit zeitweise ziemlich beträchtlich war.

Jenseits des professoralen Berufslebens begann er sich aber seit geraumer Zeit (wie vermutlich auch schon lebenslang zuvor) mit anderen Fachbereichen zu beschäftigen: mit Goethe und Konfuzius etwa, und generell mit dem Grenzgang zwischen Philosophie, Literatur und Politik. Die erste Shakespeare-Studie (über die Politik in dessen Dramen) erschien vor zwei Jahren, die zweite (über Shakespeares Komödien) folgte schnell. Auch sie ist ziemlich politisch.

Die Vorrede über Krippendorffs dienstlichen Lebensweg ist nötig, um von Beginn an einen der großen Vorteile dieses Buches zu würdigen - es ist nämlich geschrieben aus der Perspektive des Liebhabers, nicht des -pardon!- Fachidioten. Darum ist es vor allem und gleich im ersten Zugriff lesbar. Krippendorff blättert in der knapp 40 Seiten langen Einführung einen Katalog der Zuneigungen auf, jenseits der im engeren Sinne akademischen Shakespeare-Forschung, die ja relativ viel Zeit und Energie auf die Erkundung der Identität und Autorenschaft des Dramatikers verwendet: War Shakespeare wirklich Shakespeare, und hat er die 37 Stücke auch alle selber geschrieben?

Darauf geht Krippendorff nebenbei auch ein, konzentriert sich aber sofort auf die buchtitelstiftende Einteilung des Werkes: hie die Tragödien und Königsdramen, dort die ehedem 14, nach neuerer Strukturierung (und abzüglich von vier "Romanzen") 10 verbleibenden Stücke, die als "Komödien" gelten. Jeder einzelnen widmet Krippendorf eine intensiv-interpretatorische Studie. Darüber hinaus aber ist es schon schwer genug, diese 10 alle unter einen Hut zu bekommen.

Krippendorffs versucht's trotzdem: mit der schon im Untertitel offenbaren Vorstellung von einer zutiefst politischen Vision dieser eher heiteren Spiel- und Versuchsanordnungen - "Spiele aus dem Reich der Freiheit". Wo das zu finden ist, dieses "Reich der Freiheit", das ist unterschwellig das Forschungsziel des Wissenschaftlers. Er findet es, er will es finden bei diesem universellen Dramatiker.

Und das fällt zuweilen auch gar nicht so schwer - natürlich ist etwa "der Wald von Arden", oder der Ardenner Wald, in "Wie es euch gefällt" genau so ein "Reich der Freiheit": eine Art Hippie-Kommune von vertriebenen, ausgestoßenen, ihrer ursprünglichen Rechte beraubter Ex-Potentaten und Ex-Höflinge; und natürlich werden eben die zum guten Ende hin in ihre alten Rechte eingesetzt, weil "die Bösen", die Usurpatoren der Macht, urplötzlich vom Hauch der Erkenntnis berührt werden, von sich aus abtreten und ihrerseits das "Reich der Freiheit" zu suchen beginnen, fern der Macht, im Wald zum Beispiel. Blanke, zauberhafte Utopie - und die politische Seele des Autors Krippendorff sehnt sich nach derlei allumfassender Versöhnung aller Gegensätze.

Das "Reich der Freiheit" sieht er in Shakespeares Komödien immer dort erreicht, wo sich (was nicht verwundern kann) die schmerzhaften Zwänge von Macht und Gewalt aufzulösen beginnen, wo aber auch (und häufig durch gegengeschlechtliche Verstellung und Verkleidung) der Umgang zwischen Mann und Frau eine neue, andere, freiere Qualität erreicht. Um diese These durchhalten zu können, nimmt Krippendorff letztlich sogar das Risiko in Kauf, einen schillernden Begriff wie "Harmonie" ins Spiel zu bringen - und verrennt sich prompt.

Ob nämlich seine Theorie vom "Reich der Freiheit" zutrifft, muss sich vor allem an den Rändern erweisen: bei den Stücken, die auf den ersten Blick alles andere zu sein scheinen als eine Komödie - bei "Maß für Maß", bei "Der Widerspenstigen Zähmung" und in "Der Kaufmann von Venedig". Erstere 'Komödie' quillt halt über von Gewalt (und ist normalerweise auch auf der Bühne nicht durch die Versöhnungen am Schluss ins Komödienhafte hinüber zu retten), und die zweite liegt nicht nur Feministinnen stets quer - immerhin ist die finale "Harmonie" hier vordergründig die der vom starken Mann dressierten Frau.

Und selbst Krippendorff muss argumentativ eine Menge Pirouetten drehen, um hier die Re-Harmonisierung beider "Widerspenstiger" zu konstatieren, des Mannes wie der Frau. Wieder-Aufnahme in die Gesellschaft, die das wilde Käthchen als Quasi-Hexe ausstieß und der sich der wüste Petruchio aus freiem Willen entzog - das ist Krippendorffs soziale Harmonie. Ob das aber schon "das Reich der Freiheit" ist?

Noch ärger muss sich der Autor verbiegen, um die Integration, ja die gewaltsame Zwangs-Assimilierung des Juden Shylock in die venezianische Gesellschaft als Wiedererlangung gesellschaftlicher "Harmonie" auszugeben; und es ist wirklich erstaunlich, wie angestrengt Krippendorff dieses (unglaublich komplizierte) Stück unter seinen Komödienbegriff zu zwängen versucht - fast, wie es scheint, wider besseres Wissen.

Wobei im übrigen die Stück-Analysen, auch bei "Maß für Maß" sowie für "Zähmung" und "Kaufmann", glänzen von klug sortiertem Detailwissen - sozial und gesellschaftlich, politisch und historisch erfahren die Leserin und der Leser wirklich eine Menge über Entstehung und Entstehungszeit der Stücke, und über die Bedingungen, denen beides unterlag. Manche Passage werden regelmäßige Theatergänger sicher bald unter den klugen Texten in den Programmheften der deutschen Theater wieder finden; und das ist auch gut so und angemessen.

Nur gegen Krippendorffs Harmonie-Theorie wehren sich halt einige der verbliebenen 10 Komödien. Vielleicht ist alles aber ganz einfach - und für diese wird einfach ein neues Fach benötigt: Tragödie, Romanze, Komödie und ... Vielleicht Farce? Die Theatergeschichte wird's zeigen.

Rezensiert von Michael Laages


Ekkehart Krippendorff: Shakespeares Komödien - Spiele aus dem Reich der Freiheit
Kadmos Kulturverlag, Berlin 2006, 277 Seiten, 22,50 Euro

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