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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 18.02.2011

Die Liebe zum Film und die Liebe zur Misswahl

Dokumentarfilme über Lia van Leer und Rolf Eden

Von Igal Avidan

Rolf Eden und seine Partnerin Brigitte  besuchen die Premiere des Films "The Big Eden" auf der Berlinale. (picture alliance / dpa)
Rolf Eden und seine Partnerin Brigitte besuchen die Premiere des Films "The Big Eden" auf der Berlinale. (picture alliance / dpa)

Zwei jüdische Persönlichkeiten werden auf der Berlinale gewürdigt. Mit ihrem Dokumentarfilm "Lia" zeichnet Regisseurin Taly Goldenberg das Leben der israelischen Filmpionierin Lia van Leer nach. Das filmische Porträt des legendären Berliner Playboys Rolf Eden, "The Big Eden" von Peter Dörfler, hatte Weltpremiere.

Lia van Leer, die Gründerin der wichtigsten Filminstitutionen in Israel, sitzt aufgeregt im Kino International in Berlin neben Dieter Kosslick, dem Leiter der Berlinale. Aber bevor die elegante Dame mit den weißen Haaren die Berliner Kamera für ihr Lebenswerk erhält, überrascht sie Kosslick mit einem eigenen kleinen Präsent:

"Das (ist) eine Kippa, was die jüdischen Leute tragen, nicht nur am Freitag, aber wenn sie in die Synagoge gehen. Und das natürlich mit dem Berlinale-Plakat handgemacht, natürlich ein tolles Geschenk für einen Katholiken, weil unser Chef war früher auch mal jüdisch."

Die kleine gestrickte Kippa ist ein Unikat, denn in der Mitte der rot-weißen Kopfbedeckung ist der Buchstaben "B" drauf gestickt, für Berlinale. Die 86-jährige Israelin schließt heute einen persönlichen historischen Kreis.

Fünfzig Jahre ist es her, seitdem ein Film, den ihr verstorbener Mann Wim van Leer produziert hatte – sie assistierte bei den Dreharbeiten - auf der Berlinale den Goldenen Bären erhielt. Das Ehepaar initiierte den poetischen Dokumentarfilm "Beschreibung einer Schlacht" des französischen Regisseurs Chris Marker, um den jungen Staat Israel in einem anspruchsvollen Film der Welt zu zeigen. Das war auch 1960 einer der ersten Filme überhaupt, die in Israel gedreht wurden.

"I would like You to give a very warm applause to our guest of honor, the one and only: Lia van Leer."

Van Leer wurde 1924 in Bessarabien, das damals noch ein Teil Rumäniens war, geboren. Sie wuchs in einer wohlhabenden Familie auf, Klavierspielen, Tennis und Kinobesuche waren Teil ihrer glücklichen Kindheit. Nach dem Abitur schickten sie ihre Eltern 1939 zu ihrer Schwester ins Land Israel, wo sie den Krieg überlebte. Ihre Eltern wurden zusammen mit den anderen prominenten Juden der Kleinstadt Baltsi in die Synagoge eingesperrt und ermordet. Im neuen Dokumentarfilm "Lia", der bei der Preisverleihung gezeigt wird, weigert sich van Leer, darüber zu sprechen. "Genug", sagt sie der israelischen Regisseurin Taly Goldenberg, beißt die Lippen zusammen, wischt eine Träne ab und protestiert: "Was wird aus meinem Makeup?"

Taly Goldenberg: "Es fällt ihr sehr schwer, dass sie ins Land Israel kam und ihre Eltern, die ihr auf diese Weise das Leben gerettet haben, ermordet wurden. Dies verschwieg sie sogar ihren engen Freunden. Dieses Kapitel in ihrem Leben erklärt ihre Leidenschaft, Filme über jüdisches Leben überall auf der Welt zu sammeln"

Um ihre Liebe für anspruchsvolle Filme mit Freunden zu teilen, luden ab 1955 die van Leers diese jeden Freitagabend zu einem privaten Filmabend in ihrem Haus in Haifa ein. Daraus ging der erste Filmklub Israels hervor, später die Kinematheken in Jerusalem, Tel-Aviv und Haifa. Unter dem Sofa im Wohnzimmer lag ihre Filmsammlung, bis sie 1960 das Israel Film Archiv gründete. 1981 weihte sie die Kinemathek in Jerusalem ein, die sie jahrelang leitete und die bis heute eine Oase der Toleranz in dieser Stadt ist. Mit dem von ihr 1984 ins Leben gerufene Jerusalem Film Festival lockt sie die Film-Prominenz aus aller Welt nach Jerusalem. Viele kommen nur ihretwegen.

Unter vielen Freunden in Berlin zeigte sich van Leer lebendig und energisch:

"Lasst uns nicht traurig sein, lasst uns lachen und hoffen auf eine bessere Welt. Ich werde weiterhin dazu beitragen, wie immer auf meiner Art, und ich bereue nichts. Es ist wunderbar, hier zu sein und ich danke für alles."

Elegant ist auch Rolf Eden, dessen Porträt "The Big Eden" ebenfalls auf der Berlinale Weltpremiere feierte. Auf der Leinwand ist der bekannteste Playboy Deutschlands unverkennbar: Der 80-Jährige trägt einen weißen Anzug, sein Haar ist lang und blond, er ist immer gut gelaunt und wird immer von einer attraktiven, kurvenreichen und wesentlich jüngeren Dame begleitet. Auch Rolf Eden ist ein Pionier.

Er gründet 1957 den ersten Jazzklub West Berlins und später die erste Diskothek, veranstaltet die erste Misswahl und beschäftigte die ersten DJs:

"Um zwölf Uhr nachts hatte die DJ-Dame gesagt: 'Wer als Erster in Wasser ist, kriegt eine Flasche Champagner'. Dann hätten Sie sehen müssen, wie sie alle ins Wasser gesprungen sind. Manche haben sich noch nicht einmal ausgezogen. Aber es gab auch welche, die nackt waren. Es war sehr lustig."

Mit einer kleinen Kamera dokumentierte Rolf Eden, inzwischen ein Millionär, eine Schar perfekt aussehender, barbusiger junger Frauen, die Regisseur Peter Dörfler in seinem Dokumentarfilm einbaut. Aber Dörfler zeigt nicht nur den leichtsinnigen Macho Rolf Eden, der sieben Kinder mit sieben Frauen zeugte, für die er aber niemals ein Vater war. Wir sehen, wie er 1933 mit seiner Familie aus Nazi-Deutschland auswandern musste. Wir erfahren, dass er 1948 in Israels Unabhängigkeitskrieg tapfer kämpfte, im Zelt beim Militär seine einzige Tochter zeugte und dass einige seiner alten Kameraden bis heute seine besten Freunde sind.

Anfangs wollte Rolf Eden über seine Zeit in Israel überhaupt nicht sprechen, sagt Regisseur Peter Dörfler:

"Nachdem er mir ja gesagt hatte, dass Israel in seinem Leben gar keine Rolle spielt und dass diese paar Jahre, die er da verbracht hatte, eigentlich völlig egal sind, war ich doch sehr überrascht, als ich gemerkt habe, wie sehr er da verwurzelt ist. Also wie sehr ihm seine erste Familie, die er sozusagen hatte, also Irit seine Tochter und ihre Mutter, die er dann relativ früh verlassen hat, die er aber über die Jahre immer konsequent, immer mehrmals im Jahr besucht hat, wie sehr die ihm am Herzen liegen."

Mit einem alten israelischen Freund, dem renommierten Schriftsteller Yoram Kaniuk, diskutiert Rolf Eden im Film die Frage seiner Rückkehr nach West-Berlin 1957. Damals boykottierten die meisten Israelis die Bundesrepublik und ärgerten sich sehr über einen Überlebenden der Schoah, der den Deutschen dazu noch Unterhaltung anbietet.

Rolf Eden aber wollte nicht in die Rolle des Opfers gedrängt werden, sagt Peter Dörfler:

"Das sagt er auch im Gespräch mit Joram Kaniuk ganz klar: 'Ich ein Opfer?', sagt er: 'You were a victim.' Und er sagt: 'No, I was not a victim! I was a winner!' Also ich war ein Gewinner. Und so möchte er sich einfach sehen und natürlich lebt es sich auch besser, wenn man sich nicht als Opfer sieht."

Und konsequent seinen eigenen Weg geht und sich seiner Laune von nichts und niemandem verderben lässt. Das Image eines Juden in Deutschland musste daher weg, damit der Playboy bleiben kann.

Unser Programm zur Berlinale - <br> Alle Infos zum Filmfestival bei dradio.de

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