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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.08.2011

Die Liaison der Liberalen mit den Konservativen in der Türkei

Die politische Haltung des Intellektuellen Orhan Pamuk

Von Hakan Turan

Fahne der Türkei: Die liberalen Demokraten wollen den autoritären Kemalismus überwinden. (© Frankfurter Buchmesse / Peter Hirth)
Fahne der Türkei: Die liberalen Demokraten wollen den autoritären Kemalismus überwinden. (© Frankfurter Buchmesse / Peter Hirth)

Für eine lange Zeit konnte man die großen politischen Strömungen in der Türkei relativ übersichtlich in Konservative und Liberale einteilen. Die Konservativen, das waren die Religiösen, die Kinder des anatolischen Dorfes. Und die Liberalen, das waren die Modernen, die Erben Atatürks, deswegen auch Kemalisten genannt. Die Haltung zur Religion war es, die die Trennlinie zwischen beiden Gruppen markierte.

Hier in Deutschland ist die Sicht auf die türkische Gesellschaft immer noch von dieser Zweiteilung geprägt. Dabei passt schon der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk nicht in dieses Schema. Der säkulare Intellektuelle lobte kürzlich in einem Interview den konservativen Premierminister Erdoğan dafür, die innenpolitische Macht des kemalistischen Militärs geschwächt zu haben. Diese Worte stammen von einem Mann, der vor wenigen Jahren wegen Beleidigung des Türkentums vor Gericht stand und zu einer Schmerzensgeldzahlung verurteilt wurde. Pamuk steht mit dieser widersprüchlich anmutenden Haltung nicht alleine da.

So gibt es im politischen Diskurs neben kemalistischen und konservativen Stimmen noch eine dritte große Richtung, die allgemein als die der liberalen Demokraten bezeichnet wird. Sabah, Star und Taraf gehören zu deren Zeitungen. Gemeinsam ist ihnen, den autoritären Kemalismus überwinden zu wollen - zugunsten einer freiheitlichen Demokratie. Kurden, Aleviten, Sunniten und Nichtmuslime – sie alle sollen in ihrer Vielfalt vom Staat als vollwertige Bürger anerkannt und auch so behandelt werden.

Die Angst der Kemalisten vor einem islamistischen Umsturz wird von ihnen als Propaganda des alten Systems zurückgewiesen. Damit positionieren sich die Liberalen einerseits gegen den Kemalismus. Andererseits unterstützen sie mehrheitlich ausgerechnet die konservative AKP. Denn sie würde sich mehr als jede andere Partei für die Europäisierung des türkischen Staates einsetzen.

Viele dieser Liberalen stehen aber nicht für eine islamische Lebensweise. Emre Aköz von der Sabah pries vor Kurzem, wie sehr der türkische Weinsektor in der Regierungszeit der AKP aufgestiegen sei. Der prominente armenische Intellektuelle Etyen Mahçupyan, der in der konservativen Zaman schreibt, ist nicht einmal ein Muslim. Es ist das verknöcherte System der Türkei, das diesen lockeren konservativ-liberalen Schulterschluss erst möglich gemacht hat.

Den liberalen Demokraten wird oft vorgeworfen, blinde Mitläufer eines neuen autoritären AKP-Staates zu sein, der seine kemalistischen Kritiker systematisch mundtot mache. Die liberale Publizistin Nazlı IlIcak von der Sabah wies jedoch kürzlich darauf hin, dass die meisten der über 2000 Medienstrafverfahren eben nicht gegen Kritiker der Regierungspartei geführt werden, sondern gegen AKP-nahe Journalisten. Den meisten der 56 inhaftierten Journalisten wiederum würden kurdisch-extremistische Verbindungen vorgeworfen. Von daher könne man das virulente Problem der mangelnden Pressefreiheit nicht einseitig der derzeit mächtigen Partei AKP zuschreiben.

Und doch lässt der Rausch des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Triumph über das alte System Konservative wie Liberale allzu tolerant gegenüber den Fehlern der Regierung sein. Ahmet Altan, der liberale Chefredakteur der investigativen Taraf und Träger des Leipziger Medienpreises, fordert daher: Wer den Reformkurs der AKP unterstützt, muss die Politik der Partei deutlicher kritisieren.

Taraf hat hierin gute Erfahrung. Sie hat mit ihrem Enthüllungsjournalismus mutmaßliche Verschwörungen im Militär gegen die AKP-Regierung ans Tageslicht befördert. Gleichzeitig provoziert sie regelmäßig den Zorn Erdoğans durch bissige Kritiken. Um zu einer offenen Gesellschaft zu werden, reicht es eben nicht aus, ein autoritäres System zu überwinden, sondern es bedarf auch eines freien und breit angelegten kritischen Diskurses, der sich schließlich dauerhaft etablieren muss. Oder wie Orhan Pamuk sagt: "Ich liebe mein Land, indem ich den Staat kritisiere."


Hakan Turan (privat)Hakan Turan (privat)Hakan Turan, Physiker , Jahrgang 1979, studierte Diplom-Physik, Mathematik und Philosophie in Stuttgart und Tübingen, ging in den Schuldienst und arbeitet derzeit als Studienrat in Stuttgart. Er engagiert sich für die Themen "Integration" und "interkulturelle Öffnung", unter anderem im Stuttgarter Projekt "Migranten machen Schule". Als Autor schreibt er für Lehrerzeitschriften und verfasst Essays über "Islam und Moderne" auf seinem Blog www.andalusian.de.

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