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Profil / Archiv | Beitrag vom 15.08.2011

Die Leute mit Literatur schockieren

Krimi-Verleger Frank Nowatzki im Porträt

Von Claas Christophersen und Norbert Zeeb

Verleger Frank Nowatzki aus Berlin. (Frank Nowatzki)
Verleger Frank Nowatzki aus Berlin. (Frank Nowatzki)

Der Berliner Verleger und Amateurboxer Frank Nowatzki hat Ausdauer und einen langen Atem bewiesen. Mit seinem Miniverlag "Pulp Master" ist es ihm gelungen, eine Nische für knallharte Pulp- und Noir-Romane auf dem Buchmarkt zubesetzen.

Boxtraining in einer stickigen Schulsporthalle in Berlin-Friedrichshain. Harte Faustschläge treffen auf ausschwingende Sandsäcke. Mit dabei: Frank Nowatzki, Herausgeber der Krimi-Reihe "Pulp Master".

Der 47-Jährige arbeitet in Eigenregie, ohne ein großes Verlagshaus im Rücken. Um für diesen Kraftakt fit zu bleiben, schwitzt sich Nowatzki jede Woche durch Konditionstraining, Technikübungen und Sparring. Er boxt seit 25 Jahren.

"Ich war zufällig in Las Vegas dabei, als der junge Mike Tyson damals Weltmeister wurde. Also, ich bin da eigentlich ganz zufällig rein geraten, weil das halt der Event der Stadt damals war und war fortan davon fasziniert. Dieser Mix aus physischer Stärke und Willenskraft, gepaart, dass man seine eigenen Schmerzen irgendwie überwinden muss, um dann vielleicht in einem Kampf zu gewinnen oder mit ner Niederlage unterzugehen, das hat halt ne ungeheure Dramatik, und das war halt so mein Ding."

Ähnlich wie die Profis im Ring sind auch die Protagonisten von Nowatzkis Krimi-Reihe in nervenaufreibende Kämpfe um Alles oder Nichts verwickelt.

"Letztendlich bezeichnet man als Pulps oder was da halt damals verarbeitet wurde, sind halt so Sex-and-Crime-Elemente, die drastisch beschrieben wurden, die es bis dato noch nicht so gab, und das Einbinden von gesellschaftlich verdrängten Phänomenen in die Bücher, wo man die Leute halt mit schocken konnte."

Weltbekannt wurde das "Pulp"-Genre durch den Quentin Tarantino-Streifen "Pulp Fiction". Für den Verleger Frank Nowatzki ist "Pulp" jedoch mehr als grelles Kino: Es ist eine Weltanschauung.

"Die Eckdaten bei uns, die lauten halt, dass wir in einem System leben, das auf Teufel komm raus Gewinn maximieren will, und das auch auf Kosten anderer. Und ein aufgeklärtes Verbrechen oder ein gefasster Mörder, wie so bei dem normalen Standardkrimi, macht die Welt halt nicht besser. Und wenn man sich mit so nem Weltbild auseinandersetzt - das hat halt bei mir früh angefangen mit Songtexten, jetzt geht’s halt tiefer -, dann ist es halt ganz starker Tobak, und deswegen lassen sich diese Geschichten auch nicht so gut verkaufen, denke ich."

Nowatzki betrachtet die Reihe "Pulp Master" als "kulturelle Mission" - denn Geld bringt sie nicht viel ein. Der Verlag, das ist vor allem eine Internetplattform, über die sich Nowatzki, die Lektorin Angelika Müller, der Cover-Künstler "4000" und der Stamm-Übersetzer Ango Laina austauschen. Mehr als 30 Übersetzungen und Neuerscheinungen - jeweils mit einer Mini-Auflage von 3000 Stück - hat das kleine Netzwerk seit 1995 gestemmt.

"Tödliche Injektion” - so heißt der zuletzt erschienene Band in Nowatzkis Buchreihe, die Neu-Übersetzung eines Romans aus der Feder des US-Autors Jim Nisbet. Die ersten 70 Seiten des Buches schildern den Vollzug einer Todesstrafe.

"Jim Nisbet zeichnet den Plot nicht am Reißbrett, der sich dann effektreißerisch hier und da wendet, und am Ende kommt halt was Unverhofftes raus, und dann ist der Leser zufrieden, und das Buch ist zu Ende, sondern Jim Nisbet lässt die Story einfach laufen. In dem ganzen Buch wirst du keine Passage finden, wo steht, dass der Autor gegen die Todesstrafe ist, aber es ergibt sich halt zwangsläufig aus dem ganzen Kontext, diese ganze Widersprüchlichkeit, dass dem Leser irgendwie gar nichts mehr anderes übrig bleibt, als nachher zu denken: Diese ganze Zivilisation ist halt ziemlich verrückt und durchgeknallt und ziemlich selbstzerstörerisch."

Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre: Frank Nowatzki wächst in der Gropiusstadt auf, einer West-Berliner Hochhaussiedlung. Damals spielt er in einer Punkband.

"Dieser No-Future-Slogan, der stand halt irgendwie allen so auf die Stirn gepappt, alle haben irgendwie auf den Atomkrieg gewartet, und keiner wollte irgendwie was machen. Meine Mutter hat mich dann mal gedrängt, "Du musst jetzt mal irgendwie arbeiten!", und hat dann für mich die Bewerbungen getippt. Und irgendwann kam halt ein Gespräch beim Verlag, und ich bin dann dahin. Und sie hat halt gesagt, "Mann, wir haben den Zweiten Weltkrieg irgendwie auch überlebt, und die Leute haben gedacht, es geht nicht mehr weiter. Da wird schon nichts passieren!" Und seit dem weiß ich halt: Es ist erst vorbei, wenn es wirklich vorbei ist."

Aus dem Punk wird ein ausgebildeter Verlagskaufmann - dem eine normale Karriere allerdings zu langweilig ist. Nowatzki begeistert sich für knallharte Pulp- und Noir-Romane und versucht, Ende der 80er-Jahre die US-Reihe "Black Lizard" auf den deutschen Markt zu bringen. Nach den ersten sechs Bänden wird die Serie jedoch an Random House verkauft - Nowatzki verliert seine Lizenzen.

Aus dieser ernüchternden Erfahrung hat Nowatzki gelernt. Was man sich mit dem Seilspringen beim Boxtraining mühsam erarbeiten muss, ist auch für das Verlegen von Büchern unersetzlich: Man braucht Ausdauer und einen langen Atem.

"Bei Mainstreamliteratur gibt es halt immer so’n gewissen Multiplikator, und da gibt’s halt so’n Sprichwort: "Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen!" Dann irgendwann rollt’s von alleine los, alle berichten darüber, alle kaufen es, und es steht in jedem Laden. Und dann hat’s auch nichts mehr mit Qualität oder mit Geschmack zu tun."

Mit einer Autorenmischung aus Subkulturgrößen wie Dave Zeltserman und Geheimtipps wie Rick de Marinis ist es Frank Nowatzki nun im zweiten Anlauf gelungen, eine Nische im Literaturbetrieb zu schaffen. Der zweifache Familienvater ist zwar weiterhin auf den Broterwerb in der EDV-Abteilung eines Verlages angewiesen. Doch das Handtuch zu werfen, kommt für den passionierten Boxer nicht in Frage.

"Man hat jetzt halt interessante Leute getroffen, die Plattform funktioniert, wie gesagt, die Autoren ... Für etwas bekanntere Autoren, die verschwinden jetzt halt nicht in irgend ner Backlist von irgend’nem großen Verlag, sondern bekommen hier halt Aufmerksamkeit und Presse, und das funktioniert halt im kleinen Rahmen für alle Beteiligten."

Links bei dradio.de
Buchkritik: Risse im Universum
Buchkritik: Der Schlamassel, der sich Leben nennt
Buchkritik: Von dunklen Mächten


Webseite des Verlags "Pulp Master"

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