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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.07.2007

Die Kunststudenten wollen nicht zahlen

Gebührenboykott an der Hamburger Kunsthochschule

Von Ralf Gödde

Wie diese Studenten in Erfurt im Jahr 2004 wollen auch die Hamburger Kunsthochschulstudenten keine Gebühren zahlen. (AP)
Wie diese Studenten in Erfurt im Jahr 2004 wollen auch die Hamburger Kunsthochschulstudenten keine Gebühren zahlen. (AP)

80 Prozent der Studenten der Hamburger Kunsthochschule HfBK) boykottieren die erstmals erhobenen Studiengebühren in Höhe von 500 Euro. Wenn sie diese nicht bis zum 9. Juli zahlen, droht ihnen die Exmatrikulation und der HfBK praktisch das Aus. Die Professoren fürchten, dass Hamburg für viele Jahre der künstlerische Nachwuchs fehlt.

Alexander Brehm: "Eine Kunsthochschule, die als gesellschaftlich notwendiger Raum angesehen wird für Experiment und Forschung, die soll sicherlich mit dem, was wir jetzt von den politischen Würdenträgern mitbekommen haben, nicht mehr weiter existieren. Es reicht wahrscheinlich ein kleines Mal-Department, was den internationalen Kunstmarkt mit Exponaten versorgt."

Yara Spaett: "Für mich geht's darum zu sagen: Ohne Studenten gibt's keine Hochschule."

Peter Müller: "Es geht um die Selbstbestimmung der Hochschulen, das heißt, sie müssen selber darüber entscheiden, ob sie Studiengebühren erheben wollen oder nicht. Das ist in anderen Bundesländern ja auch bislang so möglich."

Peter, Yara und Alexander studieren an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Sie sind drei von fast 350 Kunsthochschülern, die die Studiengebühren in Höhe von 500 Euro aktiv boykottieren.

Peter Müller: "Angst vor einer Exmatrikulation hätte ich in dem Fall schon, weil es natürlich weit reichende Konsequenzen für den Einzelnen hat, was den Studentenstatus angeht, sprich Krankenversicherung, Jobs, die auf dem Spiel stehen. Innerhalb dieser ganzen Prozedur gibt es da natürlich jetzt wenig Sicherheiten, die einem von außen gegeben werden und insofern ist das ein sehr hohes Risiko, was die Studenten auf sich nehmen, wenn sie sich an diesem Boykott beteiligen."

Und das tun immerhin 80 Prozent der eingeschriebenen Kunsthochschüler. Dekan Werner Büttner macht sich daher ernsthaft Sorgen um die Zukunft der renommierten Schule.

Werner Büttner: "Wenn wir 300 Leute auf die Straße setzen, ist die Schule erledigt, gibt es sie nicht mehr und bisher war die HfBK im Konzert der großen Kunsthochschulen eigentlich nicht schlecht vertreten und gut zu hören."

Während in Hamburg die Studiengebühren allgemein vorgeschrieben wurden, können in vielen anderen Bundesländern die Hochschulen selbst entscheiden, ob sie Gebühren erheben oder nicht. Werner Büttner sieht daher auch die Wettbewerbsfähigkeit der Hamburger Kunsthochschule gefährdet. So verzeichnet die HfBK schon jetzt 50 Prozent weniger Bewerber fürs neue Semester.

Werner Büttner: "Die rechnen natürlich genauso wie jeder andere Jungunternehmer in Deutschland, sehen, dass die beiden anderen attraktiven vergleichbaren Kunsthochschulen in Deutschland, Berlin und Düsseldorf keine Gebühren nehmen, keinen Bachelor/Master haben, besser mit der Professorenschaft noch bestückt sind. Aufgrund dieser Kosten-Nutzen-Relation stellen sie einfach fest: Hamburg ist unattraktiv, ich bewerbe mich weg, dahin, wo mir diese Zumutungen nicht übern Weg laufen."

In einem offenen Brief haben sich 26 Professoren, darunter auch der Filmregisseur Wim Wenders, an den Hamburger Wissenschaftssenator gewandt. Sie fürchten um den künstlerischen Nachwuchs in der Hansestadt und weisen darauf hin, dass gerade Studierende der künstlerischen Disziplinen davor zurückschrecken, vom Angebot eines Kredits Gebrauch zu machen. Weil das Risiko zu hoch ist, im Anschluss an das Kunst-Studium keine ausreichenden Einnahmen zu haben, um die Kredite zurückzahlen zu können.

Yara Spaett: "Eine Verschuldung, bei der ich auch noch eine Bank mitfinanziere, das lehne ich grundsätzlich ab und ich denke, das ist keine Lösung."

Alexander: "Ich denke, dass Gebühren die Risikobereitschaft nicht gerade fördern, sondern dass die Leute eher dahin tendieren, Produkte zu kreieren, die schon Annehmer haben in dem Moment, wo sie erdacht sind. So ein Kredit produziert Angsthasen, die recht leicht kontrollierbar sind und in der Kunst es wahrscheinlich schwer haben werden, 'ne Überschreitung noch zu formulieren."

Dass ausgerechnet die Studenten der Kunsthochschule mit einer überwältigenden Mehrheit so lange und so konsequent den Aufstand proben, hat auch Dekan Werner Büttner überrascht. Für ihn gibt es neben der beruflichen Unsicherheit nach dem Studium auch noch einen anderen Grund für das Durchhaltevermögen:

Werner Büttner: "Die hohen Kosten, die ein Kunst-Student während des Studiums schon aufbringt für Materialgelder. Wenn sie einmal einen Rundgang hier mitgemacht haben zum Diplom, sie sehen sofort, wie viel Gelder die Leute in ihre Diplomarbeiten investieren. Und das schien uns dann die einzige plausible Erklärung, dass für unsere Leute diese Gebühren offensichtlich unerträglich sind."

Heute nun ist die letzte Zahlungsfrist für die Studiengebühren ausgelaufen. Nach dem Hamburger Hochschulgesetz müssen die rund 350 Boykotteure, die die 500 Euro nicht überwiesen haben, nun exmatrikuliert werden. Die Studenten fordern ihren Präsidenten auf:

Alexander: "Wenn er die Leute schon exmatrikulieren muss, sie sofort wieder zu immatrikulieren, um dann in vier Semestern Seminare entstehen zu lassen, Vorlesungen, die sich damit beschäftigen, welche Auswirkungen Studiengebühren auf die Lehre, auf die Kunst haben, auf die Forschung, um dann am Ende von vier Semestern mit allen Studierenden darüber zu debattieren, ob wir Studiengebühren haben wollen oder nicht. Das ist ein Bild von Selbstbestimmung."

Dekan Werner Büttner wäre schon froh, wenn die Hamburger Kunsthochschule weiter überleben kann.

"Ich persönlich würde mir wünschen eine Bestandsgarantie für die HfBK, das heißt wenn wir nur noch einen Studenten haben, dass wir versuchen, dieses seltsame Biotop in Hamburg zu erhalten. Und mit den Gebühren, realistisch, denke ich, wäre, dass vielleicht 300 Euro der Studiengebühren direkt in Form von Materialgeldern zu den Studenten zurück fließt."

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