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Die Kunst zu sterben

Wolfgang Sofsky: "Todesarten. Über Bilder der Gewalt", Matthes & Seitz, Berlin 2011, 271 Seiten

Der Tod spielt in der Kunst eine übergeordnete Rolle.
Der Tod spielt in der Kunst eine übergeordnete Rolle. (Museum Schnütgen)

Wo andere weggucken, schaut der Soziologe Wolfgang Sofsky hin. Er vertieft sich regelrecht in Bilder der Gewalt – von der Höhlenmalerei von Lascaux bis hin zu Fotografien aus dem Tschetschenienkrieg. Mit dem Begriff "Todesarten" hat er seine Betrachtungen überschrieben.

"Todesarten" ist ein Buch von erlesener Sprache und eine haptische Verführung. Die genaue Lektüre jedoch erweist sich als ein anspruchsvolles, ernsthaftes Exerzitium. Angefangen bei den Höhlenmalereien von Lascaux über Stefan Lochners "Apostelmartyrien" und Goyas "Duell" bis zu Francis Bacons "Triptychon Mai - Juni 1973" und Fotografien Paul Lowes aus dem Tschetschenienkrieg entschlüsselt Wolfgang Sofsky bildliche Darstellungen äußerster Gewalt.

Der Privatgelehrte und Soziologe schreibt sich nicht in kunsthistorische Kontexte und Theorien ein, er schreibt vor den Werken quasi auf eigene Rechnung. "Wer Bilder verstehen will, kann nur hinsehen", lautet seine Maxime. Und tatsächlich beginnen alle 21 Kapitel mit extrem genauen Beschreibungen. Gelassen, bar jeder Sensationslust verweilt Sofsky in den blutigsten und grausamsten Darstellungen, bis die Bilder selbst ihren Gehalt offenbaren, zu sprechenden Zeugnisse werden und ihn zu Reflexionen über Sterben und Tod anleiten.

Eine Tendenz tritt bald zutage: Es gibt keinen Trost. Sofsky will nicht auf irgendwelche humanistischen Botschaften und Sinnzusammenhänge hinaus, die den Umgang mit dem Quälenden erleichtern würden. Sein Hauptaugenmerk gilt den geschundenen Körpern, sei es im Kampf (Hans Baldungs "Herkules und Antäus"), am Kreuz (Grundewalds "Kreuzigung"), unter der Folter (Tizians "Schindung des Marsyas"), bei Mord (Rubens "Judith") oder Selbstmord (Rembrandts "Lucretia").

Das anatomische Detail ist für Sofsky immer wichtiger als die symbolische oder allegorische Bedeutung. Ihn interessiert das geschundene Individuum in seiner finalen Situation so sehr, dass bei der Lektüre eine ausgesprochen intime Atmosphäre entsteht. Lesend erlebt man tatsächlich Todesarten, ohne jemals darüber getäuscht zu werden, dass dieses Erlebnis von Kunstwerken evoziert wird. Im Gegenteil. Dank enormer Kenntnisse hinsichtlich von Maltechniken, Kompositionsfragen, Lichtführung und Farbigkeit und genauso vom sonstigen Oevre der Künstler und fremden Bearbeitungen der Motive bindet Sofsky seine weiterführenden Gewalt-Interpretationen und Todes-Meditationen stets auf das konkrete Werk zurück. Er verirrt sich niemals ins freie Fabulieren über letzte Dinge und folgt einer klassischen Überzeugung: "Kunst zeigt, sofern sie Wert hat, etwas, was gemeinhin nicht gesehen wird",

Die Textoberfläche von "Todesarten" erscheint bei aller stilistischen Bravour oft kalkuliert kühl, geradezu ausgenüchtert, zielt auf ruhige Erkenntnis. Darunter aber vibriert ein enormer, existenzieller Schmerz. "Nicht einmal der Atem des Todes erlöst die Kreatur aus ihrer Verlorenheit, ihrer Verlassenheit", schreibt Sofsky am Ende seiner Analyse von Eugéne Delacroixs "Löwenjagd" - eine Sentenz, die zum Leitmotiv des ganzen Werks taugen würde. Bei allen objektiven Erkenntnissen, die "Todesarten" vermittelt, ist es ein sehr persönlich gefärbtes Buch, dem ein ausgesprochen dunkles Welt- und Menschenbild zugrunde liegt. Nicht selten wünscht man sich, Sofsky hätte Todesarten mit Lebensarten vermischt. Die Kunstgeschichte gäbe es her.

Besprochen von Arno Orzessek

Wolfgang Sofsky: Todesarten. Über Bilder der Gewalt
Matthes & Seitz, Berlin 2011
271 Seiten, 29,90 Euro

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