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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.02.2011

Die Kunst als Ausbeuterin des Lebens

Silke Scheuermann: "Shanghai Performance", Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2011, 312 Seiten

"Shanghai Performance" ist Künstler- und Entwicklungsroman in einem paradoxen Sinn. (AP)
"Shanghai Performance" ist Künstler- und Entwicklungsroman in einem paradoxen Sinn. (AP)

Im Zentrum des Romans steht die Performance-Künstlerin Margot Wincraft. Eine Frau an der Schwelle zum Alter, ein Inbild besessener, egozentrischer und charismatischer Künstlerschaft, ein Mensch, der Menschen als Material betrachtet.

Die Kunst als Ausbeuterin des Lebens - es ist ein altes Thema der Literatur, das die 1973 geborene Schriftstellerin Silke Scheuermann in ihrem Roman "Shanghai Performance" auf der Bühne des zeitgenössischen internationalen Kunstbetriebs durchspielt. Im Zentrum steht die berühmte Performance-Künstlerin Margot Wincraft. Eine Frau an der Schwelle zum Alter, ein Inbild besessener, egozentrischer und charismatischer Künstlerschaft, ein Mensch, der die Menschen um sich herum als Material betrachtet und wie eine tyrannische Fürstin beherrscht.

Zu den Untergebenen zählt auch Luisa, Margot Wincrafts persönliche und psychisch abhängige Assistentin. Luisa ist die Ich-Erzählerin des Romans. Sie schildert die Geschichte ihrer eigenen Emanzipation, der Flucht aus dem Schatten der Künstlerin und aus dem Kunstbetrieb. Ort der Handlung ist Shanghai. Ein wohlhabendes chinesisches Geschwisterpaar lädt Margot Wincraft ein, in den Räumen seiner Galerie eine Performance in jenem Stil zu organisieren, für den Wincraft berühmt ist: Installationen aus nackten Frauenkörpern.

Von Beginn an liegt über dem mehrmonatigen Aufenthalt der Künstlerin und ihrer Assistentin in der schwülheißen asiatischen Metropole etwas Unheimliches, eine gespannte Atmosphäre, die auf eine Eskalation zuzusteuern scheint. Luisa bemerkt an ihrer Chefin eine geheimnisvolle Unruhe, eine rätselhafte Veränderung, die sie sich erst erklären kann, als eine junge Frau auf der Bildfläche erscheint, die behauptet, die Tochter Margot Wincrafts zu sein.

Dies bewahrheitet sich. Tatsächlich hatte die Performance-Künstlerin vor Jahren eine Liaison mit einem Chinesen, aus der ein Kind hervorging, das Wincraft allerdings kurz nach der Geburt weggab. Die Reise nach Shanghai soll unter anderem Margot Wincrafts Neugier befriedigen, was aus dem Kind geworden ist. Mit Schrecken beobachtet Luisa, wie sich Margot Wincraft von ihrer Mutterschaft plötzlich animiert fühlt wie von einer künstlerisch genialen Idee, wie sie die wiedergefundene Tochter an sich zieht, als handele es sich um ein künstlerisch interessantes Objekt. In dieser launischen und gefährlichen Unberechenbarkeit erkennt sich Luisa schockiert selbst: Durch flüchtige, bedeutungslose Affären hat sie Christoph, ihre große Liebe verloren.

Bis hin zum tragischen Ende, dem Selbstmord der Tochter Margot Wincrafts, spielt Silke Scheuermann mit leicht kolportagehaften Elementen. Sie stehen in einem spannungsvollen Kontrast zur sachlichen, registrierenden Erzählweise und dem illusionslosen, analytischen Blick der Erzählerin auf das Milieu, in dem der Roman spielt. Berühmtheiten des realen Kunst- und Modebetriebs wie Neo Rauch oder Vivienne Westwood tauchen als Statisten auf. Der Kern des Buches aber ist die seelische Grausamkeit eines Kunstbegriffs, für den das Leben nur als Material zählt. "Shanghai Performance" ist Künstler- und Entwicklungsroman in einem paradoxen Sinn. Denn Luisas gelingende Entwicklungsgeschichte beruht darauf, dass sie sich von der Kunst entfernt.

Besprochen von Ursula März

Silke Scheuermann: Shanghai Performance
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2011
312 Seiten, 19,95 Euro

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