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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.03.2012

"Die kubanische Revolution weiß, was sie am Vatikan hat"

Romanist und Kuba-Kenner Ottmar Ette zum Papst-Besuch auf der Insel

Ottmar Ette im Gespräch mit Andreas Müller

Kuba bereitet sich auf die Ankunft des Papstes vor. (picture alliance / dpa / Jose Goitia)
Kuba bereitet sich auf die Ankunft des Papstes vor. (picture alliance / dpa / Jose Goitia)

Die Situation der Katholiken in Kuba sei durchaus schwierig, sagt Ottmar Ette, Romanist an der Universität Potsdam. Trotzdem sei der bevorstehende Papst-Besuch "eine Win-win-Situation" für beide Parteien: die katholische Kirche und die kubanische Revolution.

Andreas Müller: Kuba ist katholisch, auch mehr als 50 Jahre nach dem Sieg der von Fidel Castro angeführten Revolution. Die Zahl der aktiven Katholiken ist allerdings viel kleiner als früher und ohnehin mischte sich ins Karibisch-Katholische stets auch der aus Afrika stammende Santería-Kult. Kuba hat sich aber auch geändert: Wirtschaftspolitik und Führungsstil wirken etwas offener und seit Mitte der 80er-Jahre gibt es Kontakte zwischen den Revolutionären und dem Vatikan. Und nach einem ersten Besuch von Johannes Paul II. im Jahre 1998 ist mit Benedikt XVI. wieder ein Papst auf die Insel unterwegs. Aus Potsdam ist uns jetzt Professor Ottmar Ette zugeschaltet, Romanist und Kuba-Kenner. Schönen guten Tag!

Ottmar Ette: Schönen guten Tag, Herr Müller!

Müller: Der Papst im sozialistischen Kuba. In welcher Situation trifft Benedikt XVI. seine Schäfchen an?

Ette: Es ist eine Situation, die eigentlich kaum günstiger sein könnte für die Begegnung zwischen dem Papst und der politischen Macht in Kuba, auch wenn die Situation der Katholiken in Kuba als durchaus schwierig zu bezeichnen ist. Es ist insofern eine ganz günstige Situation, als für beide Partner - also die kubanische Revolution, die institutionalisierte Revolution einerseits und die katholische Kirche andererseits - eigentlich nur eine Win-win-Situation entstehen kann. Beide werden von diesem - das lässt sich schon jetzt vorab sagen -, von diesem Besuch von Papst Benedikt XVI. sehr stark profitieren. Die eine Seite, die katholische Kirche, weil sie sich erneut gut ins Spiel, ins politische Spiel bringen kann, nachdem schon - Sie haben es in der Anmoderation gesagt - 1998 Papst Johannes Paul II. auf Kuba war und im Vorfeld dieses Papstbesuches sich viele Dinge zum Besseren für die Katholiken gewendet hat, und zum anderen die kubanische Revolution, die sich sozusagen in einer Situation befindet, in der Veränderungen erprobt werden, die gleichzeitig darauf abzielen, dass sich nichts verändert.

Müller: Raúl Castro hat ja kleine Reformen auf den Weg gebracht. Sind die denn auch bei den Katholiken angekommen, können die ihren Glauben frei leben?

Ette: Es sind in den letzten Jahren immer wieder verstärkt Veränderungen, positive Veränderungen für die Katholiken entstanden und durchgeführt worden, das kann man durchaus sagen. Man muss allerdings auch sagen, dass die Zahlen, die oft kursieren - oft ist von 40 Prozent Katholiken auf Kuba die Rede - ein wenig irreführend sind. Es gab sehr hohe Zahlen bis zur Revolution von 1959, man spricht von etwa 80 Prozent der kubanischen Bevölkerung. Offizielle Zahlen heute schwanken zwischen 30 und 35, bisweilen auch manchmal 40 Prozent, aber dazu muss man wissen, dass Santería - Sie haben es kurz gesagt -, das ist eine Vielzahl unterschiedlicher Kulte von Regla Ocha bis über Náñigo und Abakuá, also sehr unterschiedliche Kulte, selbstverständlich auch in einem nicht ganz geringen Maße katholisch getauft sind.

Müller: Dieser Kult hat mehr oder weniger eine große Aufwertung bekommen nach der Revolution. Der war ja früher verteufelt worden von der offiziellen Kirche, viele schwarze Kubaner gehören dem an, die sind dann in der Revolution aufgestiegen in Parteiämter et cetera, da hat sich das also alles ein bisschen verschoben. Wie katholisch ist Kuba heute, haben Sie schon uns ein bisschen geschildert. Wie ist denn eigentlich die Beziehung zwischen Havanna und dem Vatikan, wie gut und wie schlecht?

Ette: Die Beziehungen haben sich kontinuierlich verändert und verbessert. Man kann durchaus sagen, dass wir es ja mit zwei Institutionen zu tun haben, die etwas verstehen von der Behandlung von Langzeitwirkung, also etwas verstehen vom Ausbau der Macht. Beide haben in einem langen Prozess, sowohl die institutionalisierte Revolution als auch der Vatikan, verstanden, dass sie eigentlich gemeinsame Interessen auch haben. Und insofern hat die katholische Kirche sehr klug und sehr dezent und im Hintergrund bleibend doch immer wieder es verstanden, kleine Veränderungen durchzusetzen.

Das mag im politischen Bereich der Fall sein, Sie haben die Freilassung von Gefangenen erwähnt, das mag in der sozusagen Glaubenspraxis, in der Ausübung des Glaubens der Fall sei, Veränderungen in der Verfassung, kurz, eine ganze Vielzahl von kleinen Veränderungen, die zugleich der katholischen Kirche auf Kuba auch wieder ein neues Standing gegeben haben. Man muss dazu allerdings auch sagen, es ist nicht mehr die katholische Kirche, die noch vor dem Zweiten Vatikanum, also zum Zeitpunkt der Revolution 1959, noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine sehr rechtsgerichtete Oberschichtenkirche ist. Es ist auch keine Kirche der Armen, schon gar nicht unter Benedikt XVI. und seinem Vorgänger. Aber es ist eine Kirche, die sehr klug auf ihre Möglichkeiten wartet, sich wieder in den politischen Prozess in Kuba einzuschalten.

Müller: Ich habe es eben gesagt: Vor dem Besuch kündigte Staatschef Raúl Castro eine Begnadigung von 3000 Gefangenen an, das wollte er tatsächlich auch als humanitäre Geste, aber auch als positives Signal verstanden haben. Das hat ja dann schon zu bedeuten, dass der Einfluss der katholischen Kirche nicht ganz unerheblich ist?

Ette: Er ist nicht ganz unerheblich und die kubanische Revolution weiß, was sie am Vatikan hat. Das ist nämlich durchaus sozusagen auch ein gewisses Machtbündnis. Man kommt der katholischen Kirche also ein Stück weit entgegen, um zugleich auch eine höhere Absicherung sozusagen im religiösen Bereich zu haben. Das ist ein Bereich, der durchaus auch stärker virulent und durchaus kritisch gegenüber der sozusagen institutionalisierten Revolution sein könnte, werden könnte. Und hier versucht man eben, ein Bündnis einzugehen. Und mit Erfolg!

Müller: Papst Benedikt XVI. reist nach Kuba, darüber sprechen wir hier im Deutschlandradio Kultur mit dem Romanisten und Kuba-Kenner Ottmar Ette. Das Regime hat aber auch seine Muskeln spielen lassen. Also, es hieß, dass im Februar 387 Dissidenten, Menschen- und Bürgerrechtsaktivisten aus politischen Gründen verhaftet wurden. Die meisten sind wohl wieder inzwischen frei, andere sitzen noch in Haft. Wie passt das nun zusammen?

Ette: Wir dürfen die Position der katholischen Kirche nicht mit der der Dissidenten sozusagen gleichsetzen. Die Interessenlagen sind unterschiedlich. Es gibt auch unterschiedliche sozusagen Dissidentengruppen auf Kuba: Zum einen gibt es seit geraumer Zeit, seit mittlerweile fast zwölf Jahren die Damas de Blanco, die Damen in Weiß. Das sind diejenigen Frauen, deren Männer inhaftiert wurden und die sich dann in einer sozusagen dauerhaften Aktion mittlerweile fest auch im Bewusstsein der Kubaner etabliert haben. Es gibt verschiedene andere politische Fraktionen. In der aktuellen Reiseplanung des Papstes kommen Besucher mit den unterschiedlichsten Gruppen, die ich gerade genannt habe, nicht vor, und das ist auch kein Zufall, sondern das ist durchaus gewollt. Ich denke, dass die langfristige Perspektive des Papstes durchaus auch diesen Gruppen zugute kommen wird. Aber man sucht nicht eine Provokation der Revolutionäre an der Macht.

Müller: Ich habe es eben schon mal angedeutet: Religion spielt in Kuba eine große Rolle, auch nach der Revolution 1959, da ist dieser Santería-Kult, hat geradezu einen Schub erfahren. In den 90er-Jahren hat der Kult noch mal einen gewaltigen Zulauf erlebt, die Santería-Anhänger haben Karriere gemacht häufig, sind weit oben in der Partei zu finden. Ja, Fidel Castro selbst gilt ja, nachdem bei seinem ersten öffentlichen Auftritt, seiner ersten öffentlichen Rede im Januar 59 in Havanna eine weiße Taube auf seiner Schulter landete, als ein Gesandter der Orishas, also, das sind diese Geister, die aus Afrika mitgebracht wurden. - Was ist eigentlich, wenn der mal nicht mehr ist? Also, wie ist dann da das Verhältnis von Santería zur katholischen Kirche? Fehlt dann was an Gewicht auf der Santería-Seite, was passiert dann?

Ette: Das ist sehr schwer vorauszusagen, was in Kuba sozusagen sich entwickeln wird. Aber eines ist ganz sicher klar: Ohne die Beziehung zu den symbolischen Werten, die auch die Santería vertritt und die sehr fest im kubanischen Nationalbewusstsein sozusagen verankert sind, ohne eine Beziehung zu all den übernatürlichen Kräften, die immer wieder auch eine große Rolle spielten in der, ja, in entscheidenden Phasen der kubanischen Revolution, gerade auch in der Anfangsphase - und in einer späteren Phase hat man dann eher versucht, das einzudämmen und in bestimmte Richtungen hin zu kanalisieren, auch das sehr erfolgreich, im Übrigen - wird sich in Kuba die Geschichte nicht verändern können.

Also, das heißt, das spielt eine sehr große Rolle. Zugleich aber müssen wir auch sehen - und da würde ich leicht korrigieren -, dass es kaum Schwarze gibt, die in Führungspositionen in Kuba aufgestiegen sind. Das heißt nicht, dass Santería gleich schwarz ist sozusagen, Sie haben ja auch das Beispiel von Fidel Castro durchaus erwähnt, der sich dieser Dinge auch bedient hat. Das heißt, die Gemengelage ist sehr komplex und bedeutet zugleich auch, dass gerade hier der katholischen Kirche sozusagen ein neuer Spielraum gegeben wird und auch sich die katholische Kirche diesen Spielraum durch eine ganz kluge, taktierende Politik erarbeitet hat.

Müller: Castro selbst hat ja 85 auch gesagt in einem Gesprächband, der damals erschienen ist, es gebe die Notwendigkeit einer strategischen Allianz zwischen revolutionären Christen und Marxisten. Also, vielleicht findet sich sogar so etwas wie ein gemeinsames Erbe von Revolution und katholischer Kirche auf Kuba?

Ette: Ja, das ist eigentlich ein ganz, ganz wesentlicher Aspekt, den Sie hier ansprechen. Es ist zum ... Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts hat die katholische Kirche, also zu einem Zeitpunkt, als andere Teile des spanischen Kolonialreichs in die Unabhängigkeit gingen, eine sehr wichtige Rolle gespielt, in einem Land, das wie Kuba stets gegenzyklisch funktioniert. Also zu einem Zeitpunkt, als die anderen Kolonien unabhängig wurden, blieb Kuba die immertreue Insel Kuba, la siempre fiel isla de Cuba. Und dieser Bischof Obispo hat Möglichkeiten entwickelt, entfaltet, auf den unterschiedlichsten Gebieten, von der Romanistik bis hin zur Philosophie, hier aufklärerische Ideen auch zu verbreiten.

Und die zentrale Figur, eine wichtige Figur ist Félix Varela, auf die sich sowohl die katholische Kirche als auch die Revolution, die kubanische Revolution beiderseits beziehen. Das heißt, es gibt eine lange Geschichte auch der gemeinsamen Entfaltung gemäßigter, aufklärerischer Aspekte, ganz in der Tradition des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Das zieht sich durch das 19. Jahrhundert hindurch. Und die großen Ikonen der kubanischen Revolution des 19. Jahrhunderts, insbesondere José Martí, dürfen durchaus als Vermittler dieser positiven, wenn auch insgesamt ambivalenten Rolle der katholischen Kirche in Kuba gelten.

Müller: Also fast ein Treffen unter Freunden, wenn Papst Benedikt XVI. dann in Kuba eintrifft zu seinem Besuch bei den Castros. Das war der Kuba-Kenner und Romanist Professor Ottmar Ette von der Universität Potsdam, vielen Dank!

Ette: Bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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