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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.10.2005

Die Kosten von Klugheit und Chic

Justine Lévy: "Nicht so tragisch"

Rezensiert von Edelgard Abenstein

Blick ins Pariser Viertel Montmartre
Blick ins Pariser Viertel Montmartre (AP Archiv)

Als der Roman "Nicht so tragisch" vor eineinhalb Jahren in Frankreich erschien, stürmte er die Bestsellerlisten und verdrängte sogar Dan Browns Bestseller "The Da Vinci Code" von Platz 1. Den Erfolg verdankte Justine Lévy einer Geschichte, die, wie alle Welt wusste, direkt aus dem Leben gegriffen war:

Tochter aus berühmten Hause liebt Sohn aus gleichfalls illustren Verhältnissen, der sie mit seiner Stiefmutter betrügt. Es war nicht schwer, hinter den Protagonisten und ihren fiktiven Namen einige real existierende Stars zu erkennen, allen voran die Autorin selbst.

Justine Lévy ist die Tochter des französischen Meisterdenkers Bernard-Henri Lévy. Sie heiratete den Sohn des gleichfalls berühmten Philosophen und besten Freundes ihres Vaters, Raphael Enthoven, der sie für die schöne Carla Bruni, Chanson-Star, Topmodel und Ex-Geliebte von Mick Jagger, verließ, nachdem er diese seinem Vater ausgespannt hatte. Darüber bricht die Erzählerin Louise zusammen und wird drogenabhängig, wie auch die Autorin im wahren Leben süchtig wurde und zusammenbrach. Dallas also inmitten von St. Germain-de-Prés.

Da deutsche Kritiker nicht unbedingt intim vertraut sind mit solchen Pariser Delikatessen, informiert sie der Verlag eigens auf dem Lieferschein. Freilich, den Roman nur als kitschiges Melodram abzutun, als Soap Opera, wird ihm nicht gerecht. Unter der teils selbstgerechten, teils boshaft denunziatorischen Oberfläche steckt das Drama des begabten Kindes. "Ich log, weil ich mich schämte, ich wollte auf keinen Fall, dass er merkt, dass ich eine Krücke brauchte, um erwachsen zu sein, ich schämte mich für die, die ich war, wenn ich nackt war, ohne Amphetamine, ohne meine Verkleidung als Superlouise."

Genauso wenig wie sie andere schont, schenkt sich auch die Autorin nichts. Nüchtern bis zum Exhibitionismus schildert sie die Mechanik der Sucht und die Gründe, die sie zu ihr führten: den Preis, den sie dafür bezahlt hat, als "armes reiches Mädchen" in einem Nobelviertel aufzuwachsen, im Schatten von Frankreichs Geistesgrößen. Hier, wo alle klug und schick und erfolgreich waren, galt nur etwas, wer es ihnen gleichtat. Alles bestimmend wird die Angst, den Ansprüchen nicht zu genügen und vor allem den geliebten Papa zu enttäuschen. Mehrere Jahre gelingt es Louise trotz schwerer Tablettenabhängigkeit, die Rolle des selbstbewussten Philosophentöchterchens zu spielen,. "Es war besser, ein chemisches Gleichgewicht zu haben als gar keines. Bis zu dem Moment, als mein Körper mich im Stich ließ". Das Unglaubliche: keiner stutzte. Selbst Louise wusste fünf Monate lang nicht, dass sie schwanger war.

Das Schreiben des Buches diente wohl der Selbsttherapie. Dazu gehört auch die Rache, wenn Justine Lévy en detail von den Schönheitsoperationen der Rivalin, dem Drogen- und Frauenkonsum des Vaters und den narzisstischen Komplexen ihres Exmannes berichtet.

Mit ihrem Roman "Nicht so tragisch" stellt sich Justine Lévy in eine große Tradition der französischen Literatur, die anders als in Deutschland keine Scheu vor intimen Konfessionen kennt. Man erinnere sich an Simone de Beauvoirs "Die Mandarins von Paris", in der sie den Männerclub um Sartre, Camus, Merleau-Ponty und ihre wechselnden Mätressen einer schonungslosen Musterung unterzog.

Mit Sicherheit befriedigt der Insiderbericht aus dem Hause Lévy Voyeursgelüste. Er ist aber mehr als Klatsch: ein Psychogramm nämlich – die gar nicht schlecht geschriebene Geschichte einer großen Vereinsamung und wie man aus ihr herauskommt.

Justine Lévy: Nicht so tragisch
Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Kunstmann Verlag, München 2005. 207 Seiten, 16,90 Euro.