Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.01.2011

Die Konstruktion neuer Feindbilder

Ist Islamkritik gleich Antisemitismus?

Von Klaus Schroeder

Eine deutsche und eine türkische Flagge wehen vor dem Minarett einer Moschee im Stadtteil Hassel in Gelsenkirchen. (AP)
Eine deutsche und eine türkische Flagge wehen vor dem Minarett einer Moschee im Stadtteil Hassel in Gelsenkirchen. (AP)

Der Vorwurf der Islamophobie soll letztlich in Analogie zur Kritik des Antikommunismus den Islam gegen Kritik immunisieren. Dem zu widerstehen, ist Bürgerpflicht, meint Klaus Schroeder.

Nicht nur verwirrte Internetgespenster und schlichte linke Gemüter, sondern auch vorgeblich seriöse Sozialwissenschaftler behaupten in anschwellendem Ton, der Westen habe sich mit dem Islam und Muslimen nach dem Untergang des Kommunismus ein neues Feindbild geschaffen, das er zur Stabilisierung seiner Herrschaft brauche. Wie einst Antikommunisten sollen jetzt Islamkritiker pauschal an den rechten Rand gedrückt werden. Das ist gleichermaßen infam und irreführend und stellt die Verhältnisse auf den Kopf.

In der Rechtsextremismusforschung der 1980er Jahre war es üblich, die Bejahung antikommunistischer Statements als einen Beleg für rechtsextremes Denken zu bewerten. Politiker, Journalisten und Wissenschaftler, die auf die Verbrechen des Kommunismus hinwiesen, wurden als "Kalte Krieger" oder "Reaktionäre" abgestempelt. Als nach dem Untergang des sowjetischen Imperiums die kommunistischen Verbrechen öffentlich wurden, verstummte die Kritik am Antikommunismus, der fortan nicht mehr als rechtsextrem galt. Nun aber fehlte den Freunden des Systemwechsels ein Feindbild.

Nach der Etablierung der islamistischen Herrschaft im Iran und den Anschlägen in New York fand man bald ein neues Ausgrenzungspotenzial, das das Vakuum in der Zuschreibung rechtsextremer Einstellungen ausfüllen sollte: Kritiker des Islam. Ihnen wird unterstellt, sie würden generell alle Muslime des Terrorismus und Extremismus verdächtigen, seien deshalb "islamophob" und Rassisten. Dabei gelten Personen bereits als "islamophob", wenn sie äußern, die Zuwanderung von Muslimen solle untersagt werden, oder wegen der zahlreichen Muslime fühle man sich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land. Obwohl diesen Aussagen nur eine Minderheit zustimmt, wird behauptet, derzeit radikalisiere sich das in der sozialen und politischen Mitte angesiedelte Bürgertum, indem es pauschal Muslime diskriminiere und ausgrenze.

Um die vermeintliche Islamophobie aufzuwerten, wird sie von nicht wenigen linken Sozialwissenschaftlern auf eine Stufe mit dem Antisemitismus gestellt. Offenbar soll suggeriert werden, die Muslime seien die Juden der heutigen Zeit und von millionenfacher Vernichtung bedroht. Was für eine absurde Unterstellung! Die versuchte Gleichsetzung von Antisemitismus und Islamophobie verdeckt darüber hinaus, dass judenfeindliche Einstellungen in Deutschland heutzutage auch und besonders unter Muslimen verbreitet sind.

Worum es den Kritikern im Kern geht, wird deutlich, wenn sie Antiislamisten - wie früher Antikommunisten - vorwerfen, die Werte des Westens, die auch in der deutschen Verfassung niedergeschrieben sind, zum Maßstab ihrer Bewertung zu nehmen. Allein dies sei schon anmaßend. Hier zeigt sich, dass diese Kritiker nicht nur als "nützliche Idioten" islamistischen - und früher kommunistischen - Machthabern dienen, sondern gleichzeitig westliche Werte relativieren, die individuelle Menschenrechte und die Beachtung der Menschenwürde umfassen.

Aus der Perspektive einer westlichen Gesellschaft ist es jedoch unerheblich, ob jemand Atheist, Christ oder Muslim ist, sein Handeln muss nach gleichen Maßstäben beurteilt werden. Wer dies in Frage stellt, verlässt den Boden einer freiheitlich-demokratischen Ordnung.

Der Vorwurf der Islamophobie soll letztlich in Analogie zur Kritik des Antikommunismus den Islam gegen Kritik immunisieren. Dem zu widerstehen, ist Bürgerpflicht!

Klaus Schroeder (privat)Klaus Schroeder (privat) Klaus Schroeder, Sozialwissenschaftler, geboren 1949 in Lübeck, leitet an der Freien Universität Berlin den Forschungsverbund SED-Staat und die Arbeitsstelle Politik und Technik und ist Professor am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Letzte Veröffentlichungen: "Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft 1949-1990", Hanser-Verlag, München 1998; "Der Preis der Einheit. Eine Bilanz", Hanser-Verlag, München 2000; "Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland. Ein Ost-West-Vergleich", Schöningh-Verlag, Paderborn 2004. "Die veränderte Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung", Verlag Ernst Vögel, Stamsried 2006. "Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern", zus. mit Monika Deutz-Schroeder, Verlag Ernst Vögel 2008.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Hart aber fair?

Politisches Feuilleton

BürokratieSelbstunwirksamkeit oder die Ohnmacht im Alltag
Wartenummernanzeigen und Wartenummernausgabeautomaten (imago/Cord)

Woher kommt diese Wut, die uns nicht nur in den Internetforen und auf Demonstrationen, sondern auch im Alltag begegnet? Das psychologische Konzept der Selbstwirksamkeit bietet da Erklärungsansätze, sagt die Pädagogin und Psychotherapeutin Astrid von Friesen.Mehr

FrauenrechteEine freie Frau treibt nicht ab
Frauen demonstrieren für das Recht auf Abtreibung in Warschau. (imago/Pacific Press Agency)

Tausende von Frauen gehen für ihre Selbstbestimmung, etwa in Polen, auf die Straße. Radikale Konservative fürchteten, dass sie ohne staatliche oder kirchliche Kontrolle ihre Babys töten würden, sagt Gesine Palmer. Dabei würden wirklich freie Frauen anders entscheiden.Mehr

Debatte um Abtreibung in PolenKampf um den weiblichen Körper
Demonstration gegen eine Verschärfung des Abtreibungsrechts in Polen. (AFP / WOJTEK RADWANSKI )

Polen hat bereits ein sehr restriktives Abtreibungsgesetz, nun will die Regierung es weiter verschärfen. Beifall kommt von der katholischen Kirche - doch die Frauen gehen für ihr Recht auf die Straße. Und das ist auch ganz richtig so, meint die Journalistin Beata Bielecka. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur