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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.11.2012

Die Königin Polens

Die Schwarze Madonna von Tschenstochau

Von Marta Kupiec

Die Schwarze Madonna von Tschenstochau in einer Kapelle in Jasna Gora in Polen.
Die Schwarze Madonna von Tschenstochau in einer Kapelle in Jasna Gora in Polen. (picture alliance / dpa / Waldemar Deska)

Die Marienverehrung ist in Polen ein wichtiger Zug des Katholizismus. Hier äußert sie sich vor allem durch die Wallfahrten zur berühmten Schwarzen Madonna von Tschenstochau, der viele schicksalhafte Ereignisse zugeschrieben werden und die bis heute große Anziehungskraft besitzt.

Seit Jahren, besonders im August, aber auch noch bis in den Herbst hinein, säumen große Menschentrauben die polnischen Straßen. Wallfahrer, bepackt mit schweren Rucksäcken, pilgern betend zu Fuß nach Tschenstochau. Das Ave-Maria-Lied ist dabei nicht zu überhören. Die 200.000-Seelen-Stadt verwandelt sich in dieser Zeit in eine Millionenmetropole.

Die ersten Pilger aus Warschau kamen hierher bereits Anfang des 18. Jahrhundert. Sie bedankten sich bei der Schwarzen Madonna für Errettung der Stadt vor einer Seuche, erzählt Andrzej. Der Flugbegleiter hat für die 250 lange Strecke zehn Tage Urlaub genommen.

"Man kann die Geschichte Polens nicht ohne Religion und Marienkult begreifen. Das gehörte schon immer zusammen. Maria hat eine unglaubliche Macht. Ich pilgere zum fünften Mal – das ist eine gute Gelegenheit, eine Woche zur Ruhe zu kommen, das Handy abzuschalten. Ich bin ständig zwischen verschiedenen Flughäfen unterwegs, und diese Woche jenseits des weltlichen Lärms ist für mich wie ein Segen."

Wallfahrten nach Tschenstochau haben in Polen eine lange Tradition. Auch viele junge Polen steuern das altbewährte Ziel an. Sie genießen das Gemeinschaftsgefühl und betrachten die Pilgerfahrt als eine Art Feuerprobe, erzählt die 19-jährige Anne, die seit fünf Jahren in Österreich wohnt.

"Bis jetzt gefällt es mir ganz gut. Wenn es so bleibt, komme ich nächstes Jahr mit. Am Anfang war ein bisschen Ärger, einige Blasen sind auch aufgetaucht, aber diese Wallfahrt ist wie im Leben – es gibt schwere Zeiten und einfachere. Und man muss einfach durch."

Der 30-jährige Jean-Pierre pilgert zusammen mit seiner polnischen Ehefrau und zwei kleinen Kindern. Am Kinderwagen hat er eine Polenfahne befestigt. Nach sechs Tagen Marsch klagt er über einen geschwollenen Fuß, doch auch er findet die Gesellschaft von zwei tausend Gleichgesinnten in seiner Pilgergruppe aus Krakau wohltuend. Mit einem derartigen Gebetsmarathon hat er sich anfänglich schwer getan.

"Meine Frau ist diese Strecke zehn Mal gelaufen und sie sagte mir, dass ich es auch machen muss. Ich dachte, das ist nichts für mich. Aber ich muss sagen, die Leute singen viel, sind lustig, jeden Abend schlafen wir bei anderen Leuten, sie sind sehr freundlich, sie geben zu essen, zu trinken. In Holland ist das nicht normal, so freundlich und so gut wie die Menschen hier sind."

Dass die Marienfrömmigkeit zum polnischen Katholizismus dazu gehört, das weiß der gebürtige Holländer nur zu gut. Das T-Shirt seiner Frau mit dem Bild der Schwarzen Madonna betrachtet er als ein Glaubensbekenntnis. Seine Frau hat ihm erzählt, wie die Königin Polens den Hussitenüberfällen, der schwedischen Belagerung und dem Kommunismus ein Ende gesetzt haben soll. Dazu kommen noch die für die Gläubigen wundersamen Heilungen, von denen mehrere Votivgaben in ihrer Kapelle in Jasna Góra zeugen. Deshalb braucht es niemanden zu wundern, wenn mal wieder ein Danksagungs- und Fürbittenzug Richtung Tschenstochau aufbricht, sagt der Krakauer Jesuit Krzysztof Walczyk.

"Ich kann mich erinnern, dass ich selbst als Student mit Tausenden Gleichgesinnten gewallfahrtet. Und irgendwie ist es, glaube ich, für uns hierzulande kein fremder Gedanke, wenn ich etwas erbitten will, dass ich auch zu gewissen Opfern bereit bin. Dass Maria dabei eine besondere Rolle als Vermittlerin spielt, so wird sie in den Evangelien dargestellt – zum Beispiel das erste Wunderzeichen Jesu im Galiläischen Kana - also diese vermittelnde Rolle, Schutz gewährende."

Der Sage nach wurde das Bild der Schwarzen Madonna mit dem Jesuskind und dem Heiligenschein vom Evangelisten Lukas gemalt. 1384 kam die berühmte Ikone nach Tschenstochau. Unverwechselbar machen sie zwei Schnittwunden im Gesicht. Ein Hussitischer Soldat soll sie Maria zugefügt haben, übermalen ließen sie sich der Überlieferung nach nie. Das verleiht der "Königin Polens" eine zusätzliche Dimension, sagt der Jesuit Krzysztof Walczyk.

"Wenn wir über Maria und ihre Schutz vermittelnde Rolle sprechen, dann besagt diese Darstellung in Tschenstochau mit Schnittwunden im Gesicht, dass sie sich im Grunde genommen mit unserem Leid, mit der schwierigen Seite unseres Lebens identifiziert. Das ist vielleicht das besondere dieser Darstellung. Diese leidensgeprüfte Mutter Gottes ist jemand, der uns nahe steht."

Egal zu welcher Jahreszeit - pünktlich um 21 Uhr herrscht in der Kapelle des wundersamen Bildes auf dem Hellen Berg eine absolute Stille. Laute Trommelwirbel setzen ein, danach folgen Fanfarenklänge und Marienlieder. Die Blicke der Pilger richten sich auf die sonst mit Blech abgedeckte Ikone, die feierlich enthüllt wird. Maria erscheint mit goldener Krone, die ihr zum ersten Mal 1717 vom Papst Klemens aufgesetzt wurde. Und sie trägt eines von acht Kleidern, zu denen ein Diamanten- und ein Rubinkleid gehören. Die meisten Pilger fallen zum speziellen Appell-Gebet auf die Knie, darunter die Soziologiestudentin Ewa.

"Es ist ein besonderer Moment für mich, wenn ich in Jasna Góra ankomme. Der Schwarzen Madonna vertraue ich all das an, was mein Herz bewegt. Sie ist schon ganz speziell. Jedes Mal wenn ich sie besuche, hört sie sich meine Fürbitten an."

Dass ihre Fürbitten bei der Mutter Gottes ankommen, davon ist auch die 50-jährige Kristine überzeugt. Seit Jahren hört sich die Gehbehinderte das Gebet aus dem 200 km entfernten Jasna Góra im Radio an.

"Das ist das polnische Heiligtum, dort schlägt das Herz der Nation- das sagen alle. Außerdem verspürt jeder eine besondere Verbundenheit mit der Mutter. Jasna Góra ist etwas Spezielles, übrigens nicht nur für Polen. Und zu der Mutter geht man mit großen Anliegen. Sie wird einen schon verstehen."

Die brennende Liebe unzähliger Polen zu ihrer Schwarzen Madonna findet Niederschlag auch in vielen Liedern, zu denen "Maria, die Königin Polens gehört". Dass besonders die Nicht-Katholiken damit ein Problem haben, weiß Krzysztof Walczyk. Nach einem Besuch der lutherischen Pastoren in Tschenstochau versuchte der Jesuit, den deutschen Pastoren die Schwarze Madonna näher zu bringen

"Sie haben mir verwundert erzählt, sie haben Menschen gesehen, die ein Bild angebetet haben. Und sie haben sich damit schwer getan, anzunehmen, dass es nicht um die Bildanbetung geht, sondern um eine religiöse Erfahrung, diese Schutz- und Geborgenheiterwartung, die Maria verkörpert."

Für viele Polen ist die Schwarze Madonna mit Schnittwunden ein Sinnbild für eine Mutter, die um das Wohlergehen ihrer Kinder besorgt ist und sie besonders in den Notlagen versteht. Deshalb schüttern sie bei ihr ihr Herz aus. Dahinter steckt der Glaube vieler Polen, dass sie als Mutter Jesu Gott besonders nahe steht. Das heißt, sie sei in der Lage, bei ihm vieles zu erbitten. Was für manche ein Wunschdenken sein mag, ist für andere Realität. Das erklärt, weshalb viele polnische Katholiken zu ihrer Schwarzen Madonna eine so große Liebe verspüren.