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Religionen / Archiv | Beitrag vom 23.06.2012

Die Kirche im Dorf behalten

Die Einwohner von Siggelkow in Mecklenburg suchen sich ungewöhnliche Unterstützung

Von Josefine Janert

Vielen alten Kirchen in Mecklenburg droht der Verfall.
Vielen alten Kirchen in Mecklenburg droht der Verfall. (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)

In Mecklenburg stellt sich an vielen Orten die Frage, ob und wie alte Dorfkirchen noch erhalten werden können. So auch in Siggelkow in der Nähe von Parchim. Hier haben sich die Einwohner etwas Besonderes einfallen lassen, um ihre Kirche zu retten.

"Also zu Beerdigungen ist die Kirche voll. Und Heilig Abend ist natürlich die Kirche voll, aber ansonsten ist sehr viel weniger. Es sind vor allen Dingen Frauen, ja, und sie sind eben... Na ja, ich bin nun schon fast 70."

Agnes Kasang steht in der Dorfkirche von Siggelkow. 32 Jahre lebt die ehemalige Sachbearbeiterin nun schon in dem Dorf, das im Jahr 1235 erstmals urkundlich erwähnt wurde. 32 Jahre, während derer sie immer wieder gern in ihre Kirche gegangen ist. Und weil dem bis heute so ist, setzt sich Agnes Kasang auch für ihren Erhalt ein.

Rund 300.000 Euro bräuchten die Siggelkower für ihre Kirche aus dem 17. Jahrhundert. Um das Gebäude steht es schlecht. So lautet zumindest das Urteil der Sachverständigen, welche die Dorfbewohner zu Rate gezogen haben. Das Fundament, der Turm, das Dach – alles ist marode. Einsturzgefährdet ist die Kirche nicht, aber es muss bald etwas geschehen. Zur Rettung ihrer baufälligen Kirche sind die Dorfbewohner auf eine ungewöhnliche Idee verfallen.

"Der Ort heißt ja Siggelkow, und wir haben festgestellt vor einigen Jahren, dass es den Namen öfter gibt. Und dann haben wir uns wirklich mal beigemacht, haben alle Adressen, die wir finden konnten, über Siggelkow, also Siggelkower und Siggel gibt’s ja auch, so diese Kurzfassung. Dann haben wir eben die Leute alle angeschrieben."

Die Siggelkower haben Menschen namens Siggelkow und Siggel an diesem Sonnabend im Juni zu sich eingeladen. Zu den Organisatorinnen des Treffens gehört auch Ulrike Kloss. Die Pfarrerin mit der sportlich-kurzen Frisur betreut neben Siggelkow noch neun weitere Dörfer. In einem sei die Kirche wegen Einsturzgefahr schon gesperrt worden, erzählt die 43-Jährige. In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Instandhaltung vernachlässigt.

Auch die Kirche von Siggelkow bereitet Ulrike Kloss Sorgen. Sie entstand nach dem Dreißigjährigen Krieg. Damals litt die Gegend unter Plünderzügen, Hunger und Krankheiten. Für einen soliden Bau fehlten die Mittel.

"Wir sagen immer, es ist eigentlich eine Notkirche gewesen, eine Fachwerkkirche. Und ich glaube, die Bauleute damals, die haben nicht geahnt, dass ihre Kirche so lange stehen wird."

Also haben die Dorfbewohner Menschen ausfindig gemacht mit dem Ziel ...

" ... Siggelkows kennen zu lernen, ihnen unsere Chronik und unser Dorf nahezubringen und vielleicht auch, dass sie sich verlieben in dieses Dorf und sagen: Wir würden zum Beispiel eine Patenschaft für diese Kirche mit übernehmen oder wir würden mit in den Bauförderverein eintreten oder uns ist es auch wichtig, dass dieses Dorf lebendig bleibt und lebendiger wird, und wir könnten das dazugeben."

Mehr als 40 Personen namens Siggelkow oder Siggel sind der Einladung gefolgt. Es sind vor allem ältere Menschen aus dem Nordosten Deutschlands. Nur wenige kennen sich untereinander. So sitzen Paare, Geschwister und Singles einzeln oder in Gruppen im Gemeindezentrum, trinken Kaffee und essen belegte Brötchen.

Karl-Joachim Siggelkow aus Güstrow hat seinen Stammbaum und weitere Dokumente mitgebracht. Würde er spenden für die Kirche von Siggelkow?

"Ja, doch 'n klein, klein bisschen. Ja. Ich bin eigentlich nicht in der Kirche. Das hat aber persönliche Ursachen."

Ulrike Kloss, die Bürgermeisterin Angelika Lübcke und Heinz Niemann, der ehrenamtliche Chronist des Ortes, berichten an diesem Vormittag von der Geschichte und vom heutigen Leben in Siggelkow.

Anschließend folgen ein Rundgang durch das Dorf und abends ein Gottesdienst. Der Bauförderverein stellt sich vor – und bittet um Unterstützung. Geleitet wird er von Gabriele Zwerschke. Die freiberufliche Musikerin gibt regelmäßig Orgelkonzerte in der Kirche. Sie erzählt, dass die Siggelkower in den vergangenen fünf Jahren schon 20.000 Euro für ihre Kirche gesammelt hätten.

"Also wir haben sehr engagierte Leute im Dorf. Und die machen jedes Jahr wieder solche Veranstaltungen wie zum Beispiel ein Frühlingsfeuer. Die Leute spendieren sozusagen die Verpflegung. Alles, was von außerhalb reinkommt, also aus Parchim, aus den Städten, aus den umliegenden Dörfern: Die Leute essen hier, und so kommen die Finanzen dann rein."

Die Siggelkower hoffen, dass sie wenigstens ein Drittel der nötigen Gesamtsumme von 300.000 Euro zusammentragen können. Für den Rest sollen andere Organisationen aufkommen. Von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, dem Verein Dorfkirchen in Not und anderen Geldgebern wissen sie, dass diese sich an der Finanzierung beteiligen möchten. Auch die Landeskirche verfügt über Geld, um Kirchen zu sanieren. Doch das fließt zur Zeit vor allem nach Parchim und Plau am See.

Die Einwohner von Siggelkow lassen sich nicht unterkriegen. Einer der angereisten Siggelkows entschließt sich an diesem Tag, dem Bauförderverein beizutreten. Viele andere spenden freigiebig. Dorfchronist Heinz Niemann ist vom Erfolg des Projekts überzeugt:

"Unsere Kirche ist ein einziger Aufruf zum Frieden. Ihre Glocken sind während des Ersten Weltkrieges – die schönste und größte Glocke ist abgenommen worden. Man hat gesammelt, eine neue Glocke angeschafft. Die ist 1929 geweiht worden. Und die hat ganze zehn Jahre gehangen, da wurde sie für den Zweiten Weltkrieg schon wieder abgenommen..."

... um daraus Waffen herzustellen. Heute, so Heinz Niemann, sei die Kirche von Siggelkow der friedliche Mittelpunkt des Dorfes.

"Wir machen Bilderausstellungen dort, Konzerte finden in der Kirche statt. Und insofern glauben wir schon, dass wir alles tun müssen, dass diese Kirche erhalten bleibt. Ich bin Atheist, aber wir haben eine so gute Verbindung zur Kirchgemeinde, dass wir zum Beispiel hier heute dieses gemeinsame Projekt betreiben. Ich bin sehr oft in der Kirche, aber nicht zu den Gottesdiensten. Das ist das Schöne an der Kirche, dass sie auch meine Bedürfnisse voll abdeckt."