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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.03.2005

"Die Kinder der Schande"

Picaper und Norz über die französischen Söhne und Töchter deutscher Soldaten

Rezensiert von Jochen R. Klicker

Franzosen feiern die Befreiung von der deutschen Besatzung am 25. August 1944 (AP Archiv)
Franzosen feiern die Befreiung von der deutschen Besatzung am 25. August 1944 (AP Archiv)

Spätestens seit den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der alliierten Invasion an der französischen Kanalküste, mit der die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg besiegelt wurde, wissen wir: Es gibt noch mindestens ein offenes Kapitel in den deutsch-französischen Beziehungen, das darauf wartet, ebenfalls einbezogen zu werden in den Geist der Versöhnung. Nämlich das Schicksal von schätzungsweise 200.000 französischen Besatzungskindern.

Den "enfants maudits", den verfluchten Kindern, wie Nachkriegsfrankreich die Söhne und Töchter deutscher Soldaten nannte, die während der Besatzungszeit von 1940 bis 1944 mit französischen Frauen gezeugt wurden. Dass diese Bedauernswerten neuerdings "ins Gerede" gekommen sind, hängt mit einer Publikation zusammen, die bewusst zu den Versöhnungsfeierlichkeiten im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Unter dem Titel "Die Kinder der Schande" hat der französische Journalist Jean-Paul Picaper ein Buch geschrieben, das in Frankreich eine breite und intensive Diskussion angestoßen hat über die Folgen der engen Kollaboration im allgemeinen und der so genannten "horizontalen Kollaboration", eben den deutsch-französischen Liebesbeziehungen, im besonderen.

Das Drama dieser als "Parasiten" und "Bastarde" und "Quadratköpfe" verhöhnten und beschimpften Kinder beginnt im Oktober 1944. Da erklärt General de Gaulle noch von seinem Londoner Exil aus, "dass Frankreich in seiner Gesamtheit ein Land des Widerstandes" gewesen sei. Und der spätere französische Staatspräsident legt noch nach, indem er behauptet: "Die immense Mehrheit von uns waren und sind gute Franzosen". Daneben gibt es nur noch "eine Handvoll Armselige und Unwürdige, die der Staat aburteilt und aburteilen wird". Mit diesen Bemerkungen schafft de Gaulle einen Mythos, der drei Jahrzehnte die Realität vernebeln wird. Denn von einem "Land des Widerstandes" kann wirklich nicht die Rede sein in einem Frankreich, das zunächst gerne und intensiv mit den als sehr "korrekt" beschriebenen deutschen Besatzern kollaborierte. Und das später einfach nur abgewartet hatte, wer den Krieg am Ende gewinnen würde. Um schließlich nach der Befreiung blutige und grausame Rache zu nehmen an denen, die die Bevölkerungsmehrheit zu Verrätern ernannt und zur "Säuberung" freigegeben hatte. Dazu schreibt Jean-Paul Picaper:

"In den Städten und Dörfern, aus denen die Besatzer abgezogen sind, bricht allgemeiner Jubel aus, der mitunter durchaus auch zu Exzessen führt, wenn alte Rechnungen beglichen werden sollen. Das Land befreit sich und übt Rache für das, was es erdulden musste. Man feiert die Ankunft der Alliierten, aber man macht auch Jagd auf die Mächtigen von gestern: notorische Kollaborateure, Hilfspolizisten, als Denunzianten Verdächtige und all jene, die durch bloßes Gerücht ... suspekt erscheinen". Man inszeniert ganze Rache-Schauspiele, von denen die Bilder schnell um die Welt gehen:
Geschoren, nicht selten nackt und mit ihren Kindern auf dem Arm werden Mädchen und Frauen durch die Straßen getrieben, die man der "horizontalen Kollaboration" bezichtigt, weil sie mit einem Deutschen geschlafen haben. Im besten Fall galten sie als Nutten und Nazihuren, schlimmstenfalls als Kriegsgewinnlerinnen und Verräterinnen.

Was sich de Gaulle und sein Nachkriegsfrankreich nicht eingestehen wollten:
Zwischen mindestens 350.000 französischen Frauen und ihren Liebhabern aus der deutschen Wehrmacht waren "Beziehungen", waren Liebe und Zärtlichkeit entstanden. Doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wurden diese Beziehungen diffamiert als "Eigeninteresse, Käuflichkeit, fehlgeleitete Sinnlichkeit und schlimmste Unmoral". Und die wog um so schwerer, als ja im besetzten Frankreich die rund zwei Millionen Männer als potenzielle Partner fehlten, die im Deutschen Reich als Kriegsgefangene oder zivile Zwangsarbeiter lebten. So haftete an diesen Frauen auch noch der archaische Makel des geplanten Betruges und der nationalen Unwürdigkeit, die sogar zum Gegenstand von Strafprozessen gemacht wurden. Und gleich mitbestraft wurden die Folgen der "Fehltritte" - die unehelichen Kinder. Nochmals Picaper:

"Obwohl die Kinder nichts für die Fehltritte ihrer Eltern konnten, wurden sie doch mitbestraft. Für diese Unschuldigen gab es auch später keine Amnestie. Sie waren nie formell verurteilt worden, aber sie blieben mit einem Makel behaftet...Viele dieser Kinder wurden bis weit ins Erwachsenenalter sehr schlecht behandelt." - Als Picaper im vergangenen Jahr sein Buch über die Besatzungskinder veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, dass er damit eine emotionale Lawine los trat. Die heute über 60-Jährigen ließen sich von den 13 sehr unterschiedlichen, aber auch sehr persönlichen Erfahrungsberichten von Besatzungskindern animieren, sich selbst auf die Suche nach ihrer gespaltenen Identität und nach Rehabilitierung zu machen.

Die in Deutschland immer noch arbeitende Wehrmachtsauskunftsstelle wurde überrollt von Anfragen nach der Identität und dem Verbleib der deutschen Soldaten, die in Frankreich zu unehelichen Vätern geworden waren. Die umfangreiche Such- und Auskunftsarbeit dieser in Berlin tätigen WASt schlug sich darin nieder, dass ihr Mitarbeiter Ludwig Norz sogar als Ko-Autor im Buchtitel erschienen ist.

Jean-Paul Picaper und Ludwig Norz: Die Kinder der Schande. Das tragische Schicksal deutscher Besatzungskinder in Frankreich.
Aus dem Französischen von Michael Bayer
Piper Verlag München und Zürich 2005
463 Seiten
22,90 Euro

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