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Thema / Archiv | Beitrag vom 09.05.2011

"Die Katastrophe ist omnipräsent"

Schweizer Autor berichtet aus einem zerstörten Land und vom Zorn vieler Japaner

Adolf Muschg im Gespräch mit Katrin Heise

Der Schweizer Autor Adolf Muschg (Deutschlandradio)
Der Schweizer Autor Adolf Muschg (Deutschlandradio)

Der Schriftsteller Adolf Muschg ist seit Jahrzehnten eng mit Japan verbunden. Seine Frau stammt aus Japan, sein Sohn lebt in Tokio. Muschg ist mit seiner Frau in den von Tsunami und Reaktorkatastrophe betroffenen Norden Japans gereist und berichtet von seinen Eindrücken.

Katrin Heise: Vor seiner Reise sagte Adolf Muschg hier im Deutschlandradio Kultur, es sei ein so einschneidender Augenblick, dass er nicht nur Fernsehzuschauer bleiben wolle. Er bereist nun den Norden Japans und ist zurzeit wieder in Tokio. Und da hatte ich vor der Sendung die Gelegenheit, ihn anzurufen. Da Adolf Muschg Japan und die Japaner ja seit Jahrzehnten sehr gut kennt, fragte ich ihn, was für ein Land er nun angetroffen habe.

Adolf Muschg: Ein oberflächlich sehr gefasstes Land, unter dessen Oberfläche sich aber jetzt immer mehr tut und vielleicht auf eine sehr japanische Art, nämlich für unser westliches Gehör ganz ohne Grundsatzdiskussionen, sondern so, dass man sozusagen von Fall zu Fall sein Bild dessen, was passiert ist, revidiert. Das ist eine ganz frische Information. Heute hat der Premierminister die Abschaltung eines Atommeilers in Hamaoka befohlen, der mit allergrößter Wahrscheinlichkeit, nämlich 90 Prozent, in den nächsten 30 Jahren von einem Erdbeben derselben Größenordnung betroffen sein würde wie jetzt Fukushima. Und die ganze Küste ist natürlich besetzt mit Atommeilern. Es ist ein erster Schritt gewissermaßen, um an denselben Punkt zu kommen, an dem die Diskussion in Deutschland und auch die Fakten, die geschaffen werden, hinstrebt. Man hat aber bisher nie von Überbrückungsenergie gesprochen, sondern der Glaube an die Atomkraft war vordergründig und ungebrochen. Das ändert sich, aber es ändert sich sehr langsam und sozusagen durch Fakten und nicht durch Diskussionen.

Heise: Und nicht von Hysterie geprägt. Die Beherrschung des Atoms hat für Japan ja eine ganz besondere Rolle gespielt nach Hiroshima, nach Nagasaki. Was macht denn eigentlich das Erkennen, dass diese Beherrschung, ja, eingebildet war, mit den Japanern?

Muschg: Das ist sehr merkwürdig, denn wo immer sich dieses Subzentrum Hiroshima im japanischen Unbewussten befindet, es ist in der ganzen Zeit der Katastrophe nie zum Vorschein gekommen. Ich habe nicht ein einziges Mal die Referenz Hiroshima im Fernsehen gehört. Es ist gewissermaßen eine Tabuzone, die sich auch so ausgewirkt hat, dass das ganze Volk und seine Industrie und natürlich sein Wachstum sich von dieser Energie abhängig gemacht hat. Das war eine ungemeine kulturelle Leistung, die als solche beschwiegen war. Und die sogenannten Atombombenopfer, die gibt es zwar für die internationale Diskussion, aber sie haben für die tägliche Selbstreflexion der Japaner keine Rolle gespielt – soweit ich das erkennen kann. Es ist etwas ganz anderes als etwa die geschichtlichen Diskussionen Deutschlands, wo das Trauma gewissermaßen immer weiter wirkt – das Trauma des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen und dessen, was diesen Weltkrieg ausgelöst hat. Es hat wohl damit zu tun in Japan, dass die Technologiegläubigkeit, die natürlich die Bedingung war für den sprunghaften Erfolg des Nachkriegsjapans, der Glaube, darin gewissermaßen kindlich bleiben wollte. Und ich habe erst vor drei Tagen jetzt ein für mich befreiendes Wort eines japanischen Nobelpreisträgers gehört. Er heißt Ryōji Noyori, und er hat sinngemäß geäußert, man müsse deutlich trennen zwischen Science, Wissenschaft, und Technologie, und die wissenschaftliche Haltung verlange jetzt den Japanern ab, anzuerkennen, dass die Atomkraft nicht beherrschbar sei.

Heise: Und darin eben, vernünftig zu reagieren. Die Reaktoren in Fukushima, die strahlen ja noch, es wurden gerade Zeitpläne auch von der Betreiberfirma veröffentlicht, dass man so in sechs bis neun Monaten davon ausgeht, dass eine gewisse Stabilisierung erreicht ist, dass man dann weitersehen kann, wie zu verfahren ist. Auf was für Reaktionen in der Bevölkerung sind Sie eigentlich gestoßen gegenüber der Regierung und ihrer Politik und auch vor allem Reaktionen gegenüber dem Energiekonzern Tepco?

Muschg: Ja, also ich bin ganz überzeugt, auch wenn das nicht laut wird, dass längst niemand mehr an diese Prognose glaubt, auch wenn man sich daran klammert. Denn das ist ja eine optimale Schätzung, und sie bedeutet keineswegs, dass die Gegend entgiftet oder bewohnbar ist, sondern es bedeutet einfach, dass man das Allernötigste zur Kühlung der Atommeiler hingekriegt hat. Und auch das ist ja durchaus offen. Jeden Tag – das ist nicht mehr in unseren Nachrichten, aber in den japanischen natürlich – wird gehorsam und auch mit gutem Grund immer darüber berichtet, jeden Tag zeigt sich eigentlich deutlicher, dass das ein Fass ohne Boden ist, im wahrsten Sinne des Wortes, wie das Sieb der Danaiden, wo man oben reingießt und unten kommt es radioaktiv wieder raus. Den rein technischen Vollzug als Erfolg zu verkaufen oder als Entspannung der Lage, gelingt bei den Japanern immer weniger. Ich glaube, der Hauptgrund, warum man das nicht wirklich ausspricht, ist – und das ist auch sehr wichtig für die hiesige Kultur – ist die Teilnahme für die Betroffenen. Das sind soundso viel Leute, die man immer als Einzelschicksale im Fernsehen erlebt, deren zweites Wort ist, sie möchten so bald wie möglich zurückkehren. Und ich nehme einfach an, dass auch die Betroffenen mit jedem Tag und mit jeder Woche und mit jedem Monat, die vergehen, wissen, dass es ihnen ähnlich ergehen wird wie den Umbewohnern von Tschernobyl, auch wenn man die Gleichheit der Katastrophen bestreitet. Die Größenordnung ist bekanntlich dieselbe und als solche anerkannt. Und das bedeutet, ein Teil Japans wird unbewohnbar. Und das beginnt nun allen zu dämmern, und ich glaube den Betroffenen selber auch – so wie der Kaiser von Ort zu Ort reist, Kaiser und Kaiserin, einfach um zu sagen, wir sind da. Dieses Signal ist den Japanern wichtiger als das Signal, es ist alles verloren.

Heise: Haben Sie auch so was wie Wut schon mal mitbekommen?

Muschg: Ja, natürlich. Das Fernsehen würde sie nie auf der Ebene Kommentar oder Mitteilung artikulieren, aber sehr wohl auf der Ebene der Betroffenen. Also für japanische Verhältnisse kann man ausgesprochen starke emotionale Ausbrüche dieses Zorns, der Enttäuschung und so weiter erleben. Was die Betreiber darauf zu erwidern haben, ist eigentlich nichts weiter als eine bodenlose Entschuldigung – aber die wird verlangt. Die ist nicht gleichzusetzen sozusagen mit der Anerkennung von Haftung, denn im Grunde weiß die Nation, dass sie insgesamt haftet für das, was passiert ist, auch die Regierung, das hat sie auch anerkannt.

Heise: Der Schriftsteller Adolf Muschg reist durch Japan, dem er seit Jahrzehnten verbunden ist. Im Deutschlandradio Kultur erzählt er von seinen Eindrücken. Herr Muschg, Sie waren ja gerade auch in Nordjapan, die Bilder der Zerstörung durch den Tsunami, die wir im Fernsehen sehen, die sind unfassbar. Wie war Ihnen, als Sie dort reisten und das direkt sahen?

Muschg: Ich muss einschränkend zu meiner Ehre oder Unehre sagen: Wir sind keine Katastrophentouristen gewesen. Wir waren im Norden, aber im weiteren Norden, in Hokkaido, wir waren nicht in der betroffenen Provinz Fukushima. Die Fernsehbilder … Ich meine, dorthin zu gehen, ohne Hand anzulegen, widerstrebt einfach dem Anstand. Es gibt soundso viele wirklich riesige Ströme von Freiwilligen, es fehlt nicht an der Hilfe, die möglich ist, und es fehlt noch viel weniger an der Erkenntnis, wie wenig davon rasch möglich ist, aber was die Leute nicht brauchen, sind Zuschauer vor Ort, denn das Fernsehen ist in dieser Hinsicht nicht zu toppen. Das liefert jeden Tag Einzelschicksale, die einem einfach das Herz rausreißen.

Heise: Sie haben sehr private Kontakte in Japan. Wie sieht der Alltag der von Ihnen Besuchten aus, wie sehr ist er beeinflusst, verändert durch das, was passiert ist?

Muschg: Nicht sichtbar. Das ist besonders in der Gegend, wo wir uns hauptsächlich aufhalten. Also um Kyoto, wo meine Frau her ist, könnte man sagen, herrscht Normalität. Aber die Normalität ist geprägt von einer, ich möchte fast sagen gedämpften, Grundstimmung. Die Katastrophe ist omnipräsent, aber wie in Japan oft redet man nicht darüber. Wie man über eine Familienschande nicht redet, redet man nicht über die Atomkatastrophe und Fukushima. Aber die Bereitschaft, zum Beispiel auch Steuererhöhungen hinzunehmen, die Bereitschaft, Strom zu sparen, also im Grunde sich zu verhalten, wie man sich sonst nur in Notständen und in Belagerungszuständen, also im Krieg verhält, die ist überall zu spüren. Die Leute wissen, was es geschlagen hat. Es ist sozusagen taktlos, noch darüber zu reden.

Heise: Sie haben die Katastrophe eine kollektive Zäsur genannt vor einigen Wochen, einen Kulturschock der besonderen Art, wie hat dieser Schock den Umgang miteinander, untereinander beeinflusst?

Muschg: Wiederum an der Oberfläche gar nicht, denn die Höflichkeit der Japaner ist ja unter allen Umständen nicht zu übertreffen. Und wenn Ihnen ein Mensch den Tod seines Vaters mitteilt, tut er es auch heute noch lächelnd, weil er damit sagen will, bitte, es ist mein Kummer, lass es nicht deinen Kummer werden, ich habe kein Recht, mich aufzudrängen. Die Japaner werden schon, wenn jetzt auch die Folgen der Katastrophe für andere bei ihnen selbst deutlicher werden, also in der unmittelbaren Nachbarschaft – China und Korea haben bereits mit Einfuhrrestriktionen reagiert, es wird nicht ausbleiben, dass man auch an der Küste in Kalifornien anfängt, die Radioaktivität zu messen, also es ist kein insulares Ereignis. Es wird einstweilen noch für meine Begriffe sehr insular behandelt, es ist immer noch die Katastrophe Japans und nicht eine globale Katastrophe. Und natürlich gibt es in allen Ländern auch Kräfte genug, die die Japaner in dieser Sicht der Dinge bestärken, denn die Japaner sind nicht die Einzigen, die von der Atomenergie abhängen.

Heise: Herr Muschg, was macht diese Reise mit Ihnen?

Muschg: Ich weiß es noch nicht. Ich bin ja hergefahren, lange vor dem Tsunami und vor der nuklearen Katastrophe, um ein persönliches Buchprojekt zu fördern, und das wird auf merkwürdige Weise affiziert – nicht an der Oberfläche, aber ein paar Etagen tiefer. Sie müssen mir noch ein bisschen Zeit lassen – das ist wichtig für meine Arbeit –, bis ich damit zu Potte komme und fertig werden wird man damit nicht.

Heise: Gedanken und Erfahrungen des Schriftstellers Adolf Muschg auf seiner Japanreise. Herr Muschg, vielen Dank für dieses Gespräch und Ihnen und Ihrer Familie alles Gute!

Muschg: Ich danke Ihnen, Frau Heise!


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