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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 31.08.2011

Die Jugendlücke bleibt

Anmerkungen zur Demografie in Deutschland

Von Josef Schmid

Wenn Neugeborene zur Seltenheit werden (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Wenn Neugeborene zur Seltenheit werden (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

Seit Ende des Babybooms 1972 vermerken wir ununterbrochen geburtenschwache Jahrgänge. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis aus einem bloßen Geburtenrückgang ein Bevölkerungsrückgang wird, meint der Soziologe Josef Schmid.

Der leichte Anstieg der Geburtenzahlen in Deutschland ist so gering, dass er an der weltbekannten Geburtenschwäche des Landes nichts ändert. Kaum aber meldete das Statistische Bundesamt die neuen Zahlen, wurden Beruhigungspillen gereicht: in einem Teil der Welt könne ruhig Geburtenschwund herrschen, wo doch in einem anderen wie Zentralafrika die Bevölkerungsexplosion unvermindert weitergehe. Man könne also gegensätzliche Bevölkerungstendenzen auf Kontinenten miteinander verrechnen oder gar Regionen je nach Bedarf demografisch entsorgen oder auffüllen.

Bevölkerungen sind das Produkt von Kulturräumen, enthalten eigene Überlebensprogramme und lassen sich nicht willkürlich verpflanzen. Nur in Grenzen kann es Abwanderung und Aufnahme anderswo geben. Bevölkerungen unterliegen eigenen demografischen Gesetzen.

Die Demografie zeigt mit dem Bevölkerungsaufbau das Knochengerüst von Gesellschaften. Es verrät am Einzelmenschen, was er alles im wahrsten Sinne "auf dem Buckel" hat, und so sieht die Demografie den Bevölkerungen an, wie es mit ihnen steht. Die bekannte Alterspyramide zeigt, ob Staaten jung sind, wenn auch nicht gerade wohlhabend, oder ob sie zu den Staaten mit alter Bevölkerung gehören, was von einem großzügigen Gesundheitswesen und sonstiger Wohlfahrtsstaatlichkeit zeugt. So wird unsere "Alte Welt" als beneidenswerter Zustand wahrgenommen, der aber Fragen aufwirft.

Kann er andauern? Sind ein langes Leben in Wohlstand und Gesundheit auch nachhaltig gesichert? Ist die Nachhaltigkeitsfrage, an die Demografie gerichtet, nicht die eigentliche Schlüsselfrage unserer Existenz?

Deutschland gehört zu den Ländern, die am raschesten altern. Der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung wächst unaufhörlich aus zwei Gründen: zum einen steigt die hohe Lebenserwartung, so von 82 Jahren für Frauen, weiter; zum andern lässt der Rückgang der Jugend die Altenanteile nochmals wachsen und – wie manche glauben – auch deren politische Macht. Damit besteht der Alterungsprozess aus einem erfreulichen Teil, nämlich aus einem langen Leben für immer mehr Menschen, und aus einem weniger erfreulichen Teil, dem Jugendschwund, dessen Folgen unbekannt sind. Seit Ende des Babybooms 1972 vermerken wir ununterbrochen geburtenschwache Jahrgänge. Es ist wirklich eine Frage der Zeit, bis aus einem bloßen Geburtenrückgang ein Bevölkerungsrückgang wird.

Man kann europäische Staaten danach einteilen, ob sie dem Jugendschwund familienpolitisch gegensteuern wie Frankreich und die Skandinavier, oder dies nicht tun wie das deutsch sprechende Mitteleuropa, Südeuropa und der europäische Osten.

Um den Bevölkerungsstand von Regionen zu halten, müsste der Nachwuchs in derselben Größenordnung wie die Eltern- und Großelterngeneration in die Welt gesetzt werden. Das ist möglich, wenn jede Frau durchschnittlich zwei Kinder hat, - wenn auf jede Frau durchschnittlich ein Mädchen kommt, das seinerseits Mutter ihrer nächsten, also einer dritten Generation werden kann. Da sind wir aber mit durchschnittlich 1,4 Kindern je Frau deutlich darunter.

Womit und wie die Jugendlücke gefüllt werden soll, ist den betroffenen Ländern, auch Deutschland, nicht völlig klar. Expertenanwerbung ist eine teure Lösung. Sie kommt auch nicht recht in Gang, wie man schon gemerkt hat, und mit Hirtenknaben aus der Sahelzone ist deutschen Manpower-Problemen nicht abzuhelfen. Höchsten Ansprüchen gerecht werden müssen und gleichzeitig einem demografischen Einbruch entgegengehen, ist nicht möglich.

Trotzdem nähert man sich der Geburtenfrage und Immigration nur mit politisch korrekter Verrenkung. Familie wird in veralteter Manier als Konsumeinheit gesehen und nicht als Hervorbringer der Leistungsträger von morgen. Die liberale Gesellschaft hat einen Konstruktionsfehler: sie rechnet zwar in ihrem Bildungsprogramm für Humankapital und Wirtschaftsleistung fest mit Nachwuchs, überlässt seine Hervorbringung aber dem Einzelnen, seinen privaten Lebensplänen, seiner Lust und Laune.

Da müsste eine findige Familienpolitik dagegenhalten - eine Familienpolitik, die sich nicht ausschließlich um Familien kümmert, die schon existieren, sondern den jungen Menschen Anreize zur Gründung noch nicht bestehender Familien bietet. Nicht allein Kindergeld für Kinder, die erfreulicherweise schon da sind, braucht es, sondern eine Familienpolitik, die auf noch nicht Geborene zielt, - die das zur Welt bringen will, was noch in Abrahams Schoß schlummert.

Josef Schmid, Bevölkerungswissenschaftler und Soziologe, zählt zu den profiliertesten Wissenschaftlern auf seinem Gebiet. Geboren 1937 in Linz, Österreich, studierte er Volkswirtschaft, sowie Soziologie, Philosophie und Psychologie und hatte von 1980 bis 2007 den Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft an der Universität Bamberg inne. Hauptarbeitsgebiete sind Bevölkerungsprobleme der modernen Welt und der Entwicklungsländer, kulturelle Evolution und Systemökologie. Veröffentlichungen u. a.: Sozialprognose – Die Belastung der nachwachsenden Generation (2000; mit A. Heigl und R. Mai); Bevölkerungswissenschaft im Werden (2007; mit P. Henssler), über Denkschulen in der deutschen Bevölkerungs- und Industriegeschichte von Friedrich List bis Ludwig Erhard.

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