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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.05.2010

Die Jagd nach altem Filmmaterial

Detlev Blettenberg: "Murnaus Vermächtnis", DuMont, Köln 2010, 576 Seiten

In das Buch eingebettet ist eine knappe Biografie von Friedrich Wilhelm Murnau. (AP)
In das Buch eingebettet ist eine knappe Biografie von Friedrich Wilhelm Murnau. (AP)

"Murnaus Vermächtnis" ist der elfte Roman des dreifachen Deutschen-Krimi-Preis-Trägers Detlev B. Blettenberg. Ein klassischer Kriminalroman ist aber dieses Buch genauso wenig wie seine zehn Vorgänger.

Es spielt hauptsächlich in Ghanas Hauptstadt Accra und in der Overvolta-Region, in Brandenburg, in Tunis, mit Abstechern unter anderem nach Polynesien und Kalifornien. Es geht um Magie und Voodoo, um Okkultismus und Religion, um Realpolitik, Kolonialismus und Geschäftemacherei. Es geht um Liebe und Tod, Inzest und Identität, Gewalt, Verbrechen, Horror und Film. Und es geht um den großen Filmemacher Friedrich Wilhelm Murnau, aus dessen Œuvre uns zumindest "Nosferatu" ein Begriff sein sollte.

Die thematische Bandbreite des Romans um den in Ghana lebenden Ex-Legionär Victor Voss ist beeindruckend, denn alle oben aufgezählten Elemente hängen zusammen, so disparat und beliebig sie sich auf den ersten Blick auch ausnehmen mögen. Fast noch beeindruckender ist die erzählerische Brillanz, mit der Blettenberg diese Stoffmenge zu einem 700-Seiten-Roman in präziser, oft lakonischer und sarkastischer Prosa verarbeitet.

Alles fängt ganz harmlos und thriller-typisch damit an, dass der als Reisebegleiter arbeitende Voss mit einem dubiosen Schatzjäger ins Landesinnere von Ghana aufbricht. Der Schatzjäger, der seltsamerweise keinen Schatten zu haben scheint, ist hinter verschollen geglaubtem Filmmaterial von Murnau her und stirbt eines unschönen Todes. So weit, so konventionell.

Dann aber rückt Blettenberg ein ganzes Figurenensemble in den Mittelpunkt der Handlung, deren Mitglieder wir zunächst für die üblichen Randfiguren eines Thrillers zu halten versucht sind. Diese Figuren und die einzelnen Handlungselemente fügen sich mehr und mehr zu einem Roman über Victor Voss, seine Herkunft, seine Familie, seine Vergangenheit, seine Identität.

Das Geheimnis der Murnau-Filmrollen verwandelt sich Zug um Zug in das Geheimnis der Familie von Victor Voss und deren prekäre und darin sehr deutsche Geschichte. Dass nebenbei noch eine sehr brauchbare, knappe Biografie von Friedrich Wilhelm Murnau entstanden ist, die es trotz Lotte Eisners berühmter Monographie noch nicht gibt, sollte Verleger von Filmbüchern zur Kontaktaufnahme mit Blettenberg motivieren.

Voss ist ein Mischling (wie etliche Figuren aus anderen Romanen Blettenberg, allen voran "Farang"), was charakteristisch für Blettenbergs Literatur ist. Als weit gereister Spezialist für Entwicklungspolitik ist ihm die ganze Welt ein Schauplatz, auf dem sich in keine simplen Kategorien zu pressende Dinge abspielen: Gewalt und Verbrechen sind überall, Menschen sind komplexe Wesen, Rationalität und Irrationales mischen sich stets, und überhaupt sind stets knallharte Interessen im Spiel. Von denen erzählt Blettenberg mit ruhiger Souveränität, spannend und gleichzeitig entspannt. Man könnte seine Romane (politische) Abenteuerromane nennen, wie wir sie aus der angelsächsischen Tradition von Ross Thomas, Graham Greene oder Ernest Hemingway kennen. In einem Atemzug mit diesen Autoren muss man Blettenberg nennen.

Besprochen von Thomas Wörtche


Detlev Blettenberg: "Murnaus Vermächtnis", Roman,
DuMont, Köln 2010, 576 Seiten, 19,95 Euro

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