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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.10.2012

"Die internationale Gemeinschaft hat in Syrien komplett versagt"

Journalistin Helberg: Syrer fühlen sich allein gelassen

Moderation: Jan-Christoph Kitzler

Eine syrische Familie in einem jordanischen Flüchtingslager.
Eine syrische Familie in einem jordanischen Flüchtingslager. (picture alliance / dpa / Jamal Nasrallah)

Der Konflikt in Syrien hat nichts mit Religion zu tun, glaubt die Journalistin Kristin Helberg. Das Regime schüre aber mit Absicht Ängste, die Assad-Gegner wollten einen Gottesstaat errichten. Wenn verstärkt Rufe wie "Allahu Akbar" laut werden, bedeute dies lediglich, "dass sie jetzt einfach sich auf Religion zurückziehen wie viele verzweifelte Menschen auf der Welt".

Jan-Christoph Kitzler: Was gibt es noch zu berichten über Syrien? Das Morden dort geht weiter, immer noch kämpfen Aufständische gegen das Assad-Regime, sehr blutig, sehr brutal, immer wieder gibt es Meldungen wie die vom Wochenende, nach denen Teile des berühmten mittelalterlichen Basars in der Altstadt von Aleppo in den Kämpfen zerstört worden sind. Und weiterhin ist sich die internationale Staatengemeinschaft nicht einig in Sachen Syrien.

Kaum Veränderung gibt es; wenn man es zynisch sieht, verändern sich eigentlich nur die Zahlen. Weit über 20.000 Menschen wurden seit Beginn der Aufstände getötet, mindestens 1,2 Millionen Menschen sind auf der Flucht, und für uns bleibt das Problem: Es ist schwer, sich ein Bild zu machen von dem, was dort passiert.

Ich spreche jetzt mit einer, die das versucht. Kristin Helberg hat bis 2008 sieben Jahre lang in Syrien gelebt, war dort in den letzten Jahren die einzige deutsche akkreditierte Journalistin, aber inzwischen darf auch sie nicht mehr einreisen. Jetzt hat sie immerhin ein Buch geschrieben, es heißt "Brennpunkt Syrien: Einblick in ein verschlossenes Land". Guten Morgen, Kristin Helberg.

Kristin Helberg: Guten Morgen, Herr Kitzler.

Kitzler: Sie haben Ihr Buch den Kindern Syriens gewidmet. Warum?

Helberg: Das war natürlich von Anfang an nicht so geplant. Aber je mehr ich voran kam in diesem Buch und eben beobachtete, was sich in Syrien abspielte im vergangenen Jahr, desto mehr drängte sich das für mich auf, weil einfach diese ganzen Videos, in denen Gewalt gegen Kinder gezeigt wird, in denen wir sehen, wie viele Kinder Opfer dieses brutalen Vorgehens des Regimes geworden sind, mir sehr, sehr nahe gegangen sind. Das sind eigentlich die Videos gewesen, die eben für mich am Computer auch immer wieder die Bilder haben verschwimmen lassen und die es eigentlich unmöglich gemacht haben, hinzusehen häufig, und wo ich dann am Ende gedacht habe, so, jetzt musst du aber doch erst recht wieder hinsehen. Wir haben mehr als 2000 getötete Kinder, wir haben eine traumatisierte Generation von kleinen Kindern, von Teenagern, die da gerade groß wird. Deswegen war mir das ein inneres Bedürfnis, das Buch den Kindern Syriens zu widmen.

Kitzler: Sie haben die schlimmen Dinge angesprochen, die wir auf YouTube sehen. Da haben die Journalisten ja das Problem, kann man den Filmen trauen, was zeigen die eigentlich genau, welche Interessen stehen dahinter? Wie versuchen Sie eigentlich, diese Informationen, auf die auch Sie angewiesen sind, einzuordnen?

Helberg: Nun, im Krieg muss man immer sehr vorsichtig sein. Aber es gibt Videos, die einfach nicht zu fälschen sind. Wenn dort Menschen demonstrieren, dann fallen Schüsse und am Ende liegen drei der Leute, die gerade noch marschierten, in ihrem Blut. Dann ist das keine Inszenierung, dann ist das grausame Realität. Genauso wie der Beschuss großer Städte wie Homs oder Aleppo oder Damaskus, das ist dokumentiert, das haben die UN-Beobachter genauso aus ihren Hotels gefilmt wie die Aktivisten selbst. Also es gibt Dinge, die sind nicht in Frage zu stellen.

Es gibt auf der anderen Seite natürlich Bilder von Leichen, von denen wir nicht wissen, wer hat sie getötet. Da muss man genau überlegen, wie sind die Machtverhältnisse an dem Ort, wo das geschah, wer ist dort in der Oberhand, wer hat die Kontrolle, wer filmt dieses Material, was sagen die Angehörigen, wer bestattet die Menschen, gibt es mehrere Quellen für solche Informationen über Massaker?

Also man kann schon, wenn man sich ausgiebig damit beschäftigt und intensiv mit diesem Konflikt beschäftigt, häufig wissen, was dahinter steckt, zumal die Bürgerjournalisten, die ja diese Filme häufig aufnehmen, sehr professionell geworden sind. Es gibt kein Video mehr ohne Orts- und Zeitangabe, also wir wissen zumindest, wo das stattfand und an welchem Tag. Das hilft schon bei der Aufarbeitung.

Und ich denke tatsächlich, dass dieser Konflikt einer der am besten medial festgehaltenen ist, und ich hoffe oder denke, dass auch viele dieser Videos bei der Aufarbeitung der Gewalt eine Rolle spielen können.

Kitzler: Was für ein Konflikt ist das eigentlich inzwischen? Stimmt die Einschätzung, dass da inzwischen nicht mehr nur die Opposition gegen die Getreuen des Assad-Regimes kämpft, sondern dass der Konflikt auch sehr stark religiös aufgeladen wird?

Helberg: Die Fronten in Syrien sind immer noch Assad-Gegner auf der einen Seite und Assad-Befürworter oder, sagen wir, Unterstützer des Regimes, die um ihr Leben kämpfen, und Gegner des Regimes. Das ist immer noch die Frontlinie, wenn wir sehen, wie das Regime mit oppositionellen Christen umgeht, da wird keinerlei Unterschied gemacht zwischen den Konfessionen. Wir haben keinen rein konfessionellen Bürgerkrieg. Dieser Aufstand des syrischen Volkes hat ursprünglich nichts mit Religion zu tun.

Das Problem ist in Syrien aber, dass eben überwiegend die Gewalt zurzeit ausgeht von Aleviten, weil Aleviten an den Schalthebeln der Macht sitzen. Die Spitzen im Militär und in den Geheimdiensten sind von Aleviten besetzt. Zudem spielt das Regime ganz klar dieses konfessionelle Spiel, indem es den Minderheiten Angst einjagt und sagt, wenn wir stürzen, dann habt ihr Aleviten sowieso keine Zukunft mehr im Land und ihr Christen müsst mit einem islamistischen Regime rechnen, dann werdet ihr verfolgt. Das sind die Ängste, die geschürt werden, und das greift zum Teil.

Und wir sehen, dass dieser Konflikt zunehmend konfessionell klingt, dass die Revolution selbst immer islamischer klingt. Das bedeutet aber nicht, dass die Leute, die auf die Straße gehen, und auch selbst die Kämpfer der Freien Syrischen Armee einen Gottesstaat errichten wollen. Wenn die Leute "Allahu Akbar" rufen, dann hat das vielschichtige Gründe: zum einen, dass sie niemanden mehr haben als Gott, um ihn anzurufen, dass sie einfach verzweifelt sind, und zum anderen auch, um sich bewusst abzuheben von diesem pseudosäkularen Diskurs.

Und deswegen müssen wir sehr vorsichtig sein bei der Einordnung wieder dieser Videos, denn wir sehen hier ständig Massen, die "Allahu Akbar" rufen. Das bedeutet nicht, dass die Leute Christen verfolgen wollen; das bedeutet lediglich, dass sie jetzt einfach sich auf Religion zurückziehen wie viele verzweifelte Menschen auf der Welt.

Kitzler: Die Frage ist ja nur: wie geht es jetzt weiter? Ein Eingreifen der Staatengemeinschaft ist ziemlich unwahrscheinlich. Müssen wir also dem Morden weiter zusehen?

Helberg: Das ist das Dramatische. Je länger der Konflikt anhält in Syrien, desto komplizierter wird es und desto schlechter werden die Aussichten auf ein friedliches Miteinander oder überhaupt auf einen friedlichen Übergang. Die internationale Gemeinschaft hat in Syrien komplett versagt, auch humanitär versagt, nicht nur juristisch, nicht nur diplomatisch, nicht nur militärisch, sondern eben auch humanitär bislang, muss man sagen.

Die Menschen fühlen sich komplett allein gelassen und die Syrer haben wirklich den Glauben verloren in die internationale Staatengemeinschaft. Das hat eben auch damit zu tun, dass die internationale Gemeinschaft nicht mit einer Stimme spricht und nicht gemeinsam vorgeht, sondern jetzt jeder für sich die Akteure unterstützt, die den eigenen Interessen dienen.

Kitzler: Kristin Helberg war das, ihr Buch "Brennpunkt Syrien: Einblick in ein verschlossenes Land" ist gerade im Herder-Verlag erschienen. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Helberg: Vielen Dank Ihnen.

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