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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.06.2012

Die illegale Geheimpolizei der USA

Tim Weiner: "FBI - Die wahre Geschichte einer legendären Organisation", S. Fischer Verlag, 695 Seiten

Wappen des Federal Bureau of Investigation (FBI)
Wappen des Federal Bureau of Investigation (FBI) (dpa / picture alliance / UPI)

FBI ist für die meisten ein Akronym für anrüchige Polizeiarbeit. Aber die wenigsten wissen genau, was wahr ist und was Legende. Tim Weiner zeigt nun die wahre Geschichte der amerikanischen Bundespolizei.

"Das FBI verdankte seine Entstehung der dreisten Missachtung aller rechtlichen und verfassungsmäßigen Gepflogenheiten." So nüchtern eröffnet er seine neue brillante Großreportage, um auf knapp 600 spannenden, faktenberstenden Seiten haarklein zu belegen, dass es sich von diesem Geburtsfehler nie erholt hat. Im Gegenteil: Das FBI hat von Anfang an als de facto illegale Geheimpolizei operiert und "über Jahrzehnte hinweg der nationalen Sicherheit vornehmlich durch Rechtsbeugung und Rechtsbruch gedient."

Ein niederschmetterndes Fazit für einen Staat, der sich weltweit als leuchtendes Vorbild für Demokratie und Freiheit empfiehlt, gern auch mit Gewalt. Den Keim gelegt hatte 1908 USA-Präsident Theodore Roosevelt. Er ordnete den Aufbau einer Ermittlungsabteilung im Justizministerium an. Die musste von Kongress und Senat genehmigt werden, aber der Kongress lehnte strikt ab: Eine zentrale Geheimbehörde, die die eigenen freien Bürger bespitzelt, war schlicht unamerikanisch. Der Justizminister ignorierte das, trickste, lieh und bettelte einen Etat zusammen und gründete ein Bureau of Investigation mit 34 special agents.

Roosevelt hatte vor allem eine frühe Art Umweltschutz im Sinn und Rohstoffkriminalität im Visier, aber - als ehemaliger Polizeichef von New York - auch politisch radikale Aktivitäten. Insbesondere durch alien enemies: Anarchisten, Sozialisten, europäische Einwanderer. Es wurde gestreikt, sabotiert, spioniert. Diverse Behörden sammelten Dossiers, und das Bureau nutzte sie gern: für Massenverhaftungen und Internierungen. Riesenaufwand an Gewalt bei minimalem Erfolg - auch das ein andauerndes Muster, wie Weiner dokumentiert.

Vielleicht hätte das liberale Amerika dem bald ein Ende gesetzt. Wären nicht, historisch zufällig, zwei Arten Paranoia aufeinandergetroffen: die individuelle des jungen Juristen J. Edgar Hoover und die durch den Ersten Weltkrieg und die russische Revolution verschärfte kollektive. Der hochintelligente, fleißige Hoover machte ab April 1917, dem Kriegseintritt der USA, stetig Karriere, wurde 1924 Direktor des - nunmehr - Federal Bureau of Investigation und prägte es bis 1972 durch Hass, Geheimniskrämerei und Konkurrenz gegen jede andere Behörde.

FBI-Direktor J. Edgar Hoover wird am 27.11.1970 in Washington D.C. nach seiner Anhörung vor einem Senatsausschuss von Journalisten befragt.J. Edgar Hoover (picture alliance / dpa / UPI)Sein Image als Schwulenhasser aus verklemmter Homosexualität rückt Weiner dank neuer Quellen zurecht. Er psychologisiert und spekuliert nicht, er bringt auch plausible Argumente für seine These, dass nach 9/11 ein anderer Geist ins FBI eingezogen sei. Ob er recht behält, wird sich zeigen.

Weiners größtes Verdienst aber ist, dass er alle Intrigen und Aktionen sorgfältig in ihren politisch-historischen Kontext einbettet und nie aus den Augen verliert, dass zur Demokratie auch die Spannung zwischen bürgerlicher Freiheit und nationaler Sicherheit gehört. Und es verschlägt einem beim Lesen mancher alten Politikersprüche den Atem, sie klingen wie von heute.

Besprochen von Pieke Biermann

Tim Weiner: FBI - Die wahre Geschichte einer legendären Organisation
Aus dem Amerikanischen von Christa Prummer-Lehmair, Sonja Schuhmacher und Rita Seuß
S. Fischer Verlag. Frankfurt/Main 2012
695 Seiten, 22,99 Euro

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