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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 17.06.2009

Die Heimkehr der Wildnis

Wölfe streifen wieder durch deutsche Wälder

Von Carola Preuß und Klaus Ruge

In den vergangenen Jahren wurden zunehmend Wölfe in Deutschland gesichtet. (AP)
In den vergangenen Jahren wurden zunehmend Wölfe in Deutschland gesichtet. (AP)

Nachdem sie lange Zeit als ausgestorben galten, sind die Wölfe in der jüngeren Vergangenheit wieder in deutsche Wälder zurückgekehrt. Nach wie vor gelten sie als grimmige Raubtiere - doch die Einstellung ihnen gegenüber beginnt sich langsam zu wandeln, weil sich auch die Einstellung der Menschen zur Wildnis wandelt.

Ein heulender Wolf - und das in Deutschland – muss es uns Angst einjagen oder können wir uns freuen über ein Stück wiedergewonnene Wildnis?

Die Wölfe sind also zurück, nachdem sie über Generationen unerbittlich verfolgt wurden.

"Die Wölfe waren schon Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch ausgerottet bis auf so ein paar wenige, die noch durchs Königreich Württemberg gestreift sind und dieser Wolf stammt aus einem kleinen Rudel, das noch 1845 in Württemberg unterwegs war, dann heiß verfolgt wurde und der Wolf hat es tatsächlich geschafft, trotz Prämie und intensiver Verfolgung zwei Jahre noch durchzuhalten, bis er dann in Cleebronn zur Strecke gebracht wurde. Damit war es aus mit den Wölfen in Württemberg."

Uli Schmid steht im Stuttgarter Rosenstein Museum vor diesem Wolf und erzählt, dass der Wolf, der angeblich vor seinem Tod noch 27 unschuldige Lämmer gerissen hatte,

"hier im Naturalienkabinett präpariert wurde und in einer für diese Zeit sehr typischen Weise aufgestellt wurde. Eigentlich sieht er ja ganz gemütlich aus, wie ’n mittelgroßer Schäferhund. Aber mit diesem typisch starren Blick und dem weit aufgerissenen Fang als Raubtier stilisiert."

Der Gedenkstein für den tapferen Schützen steht in einem schönen Eichen-Buchenwald etwa 20 Kilometer von Heilbronn entfernt. Stromberg heißt das kleine Gebirge, wo im Jahre 1845 der letzte württembergische Wolf erlegt wurde.

Der Wolf war ja nicht nur der Feind der Rehe, der Räuber der Schafe, Wölfe waren Sinnbild für Wildnis und Wildnis war bedrohlich. In den finsteren Wäldern wohnten nicht nur Wolf und Bär, dort hausten auch Räuber. Und noch im Mittelalter gab es undurchdringliche Urwälder. Wenn auch die großen Rodungen am Ende des 14. Jahrhunderts abgeschlossen waren, immer noch gab es sie, die wilden Wälder.

Aus dem 15. Jahrhundert sind aus dem Bereich des heutigen Nordrhein-Westfalen Berichte über die Verfolgung von Wölfen bekannt. Wer ein Tier erlegte, bekam in manchen Gebieten königliche Prämien. Damals war es das Ziel, Wölfe zu vernichten. Bei Schafhaltern waren sie zu Recht gefürchtet. Schafe gab es ja überall.

Nachdem im Hochmittelalter die Dreifelderwirtschaft eingeführt worden war, gab es eine klare Trennung von Ackerfläche und Weidebereich. Schweine und Kühe wurden zur Waldweide getrieben, in den unmittelbaren Lebensraum der wilden Tiere. Wer weichen musste, war der Wolf.

Und die "hohen Herrschaften" verfolgten den Wolf, weil er ihnen Konkurrent war bei der Jagd auf Hirsch und Wildschwein. Bauern wurden zu Frondiensten angehalten, mussten bei Wolfshatzen mitmachen - ohne dafür nur einen roten Heller zu bekommen. Im Gegenteil, sie mussten sogar für Essen und Trinken selbst aufkommen.

Von Waidgerechtigkeit und Tierschutz hat man in jenen Zeiten nichts gehalten. Jedes Mittel, Wölfe zu töten, war recht. Da gab es Fallen, die bestanden aus vier Dornen, die mit Fleisch beködert waren. Biss der Wolf zu, sprangen die Dornen auseinander und bohrten sich in den Rachen. Oder die Verfolger spickten Fleisch an Haken auf. Wenn der Wolf hoch sprang und nach dem Fleisch schnappte, zappelte er wie ein Fisch am Angelhaken.

Richtig erfolgreich wurde die Hatz auf Wölfe als im 18. Jahrhundert die Schusswaffen besser wurden. Strychnin schließlich half, den Wölfen den Garaus zu machen.

Wirklich "wolfsfrei" allerdings war Deutschland nur etwa 50 Jahre. Der Ausrottungsfeldzug begann bereits gegen 1650 und rund 200 Jahre später war die Wolfspopulation so gut wie verschwunden. Uli Schmid erläutert:

"Wir haben hier zwei historische Zeitungsartikel, die zeigen, mit welcher Intensität die Verfolgung stattgefunden hat und wie organisiert und finanziert durch den Staat diese ‚fürchterlichen’ Raubtiere dann in strategischen Jagden zur Strecke gebracht wurden. Und dann wurde nach anderthalb Jahren die Erlegung gemeldet. Da wurde also richtig Geld in die Hand genommen."

Aber bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es immer noch vereinzelt Wölfe. Nahezu jedes dieser Tiere ging als "letzter Wolf" seiner Region in die Geschichte ein. Der "letzte Wolf" Bayerns wurde bereits 1847 erlegt, der letzte des Saarlands 1899. Der vorerst wirklich letzte in Deutschland wurde 1904 in Sachsen geschossen.

Auch als die Wölfe bei uns ausgestorben oder doch fast ausgestorben waren, lebten sie in den Köpfen weiter als grimmige Raubtiere. Arnold Leifert beschreibt das in einem Gedicht, das 1994 in seinem Gedichtband "Damit der Stein wächst" veröffentlicht wurde:

"Nähe Wohlfarth

Wenn der Wolf
Ans Haus kommt
Den ’s hier nicht mehr gibt

Schließen wir alle Fenster
Vor jedweder
Unbill"


Selbst wenn es rational nicht erklärbar sein mag - die Wolfsangst steckt tief in uns Menschen. Überall in Europa ist der Wolf der Böse. In England heißt er "Little Red Riding hood", in Frankreich ist er "Le chaperon rouge" und Italien kennt ihn als "Cappuccetto rosso". Und wir sind sicher alle mit ihm groß geworden:

Aus "Rotkäppchen", Gebrüder Grimm:

"Da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. ‚Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!’ – ‚Dass ich dich besser hören kann!’ – ‚Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!’ – ‚Dass ich dich besser sehen kann!’ – ‚Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!’ – ‚Dass ich dich besser packen kann!’ – ‚Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!’ – ‚Dass ich dich besser fressen kann!’ Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen."

Märchenkenner sehen bei Rotkäppchen nicht nur das böse Raubtier, das Menschen frisst. Das Gefressen- und dann Ins-Leben-Zurückgeholt-Werden ist gleichbedeutend mit einer Neugeburt auf einer höheren geistigen Ebene. Das Märchen transportiert also eine entwicklungspsychologische Botschaft. Dr. Marcel Hunziker von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft:

"Man sieht in der Mythologie, der Wolf war immer schon ein Tier, auf das sehr Vieles projiziert wurde an individuellen und gesellschaftlichen Problemen. Das hat dann Ausdruck gefunden in Werwolfmythen, in Märchen mit dem Rotkäppchen und anderem mehr. Hier geht es meines Erachtens primär darum zu vermitteln, dass diese mythologischen Geschichten nicht in die Realität übertragen werden können, dass also die Wölfe nicht kleine Mädchen fressen, sondern dass die eigentlich eine Bedeutung im übertragenen Sinne haben. Das sollte man wieder mehr vermitteln. Zum Zweiten denke ich, man sollte auch mehr aufzeigen, dass es auch positiv gefärbte Mythen gibt, wo der Wolf eine sehr positive Rolle einnimmt wie zum Beispiel beim Romulus und Remus. Und die sind ein wenig verschüttet gegangen und die könnte man wieder mehr fördern."

Die Verteufelung des Wilden, Unbändigen bezog sich aber nicht nur auf den Wolf.
Wenn man ihn auch los war, die Furcht vor der Wildnis lebte fort, bis in die Sprache. Wie viele "Un"-Worte werden mit Wildnis in Verbindung gebracht, geht man sprachassoziativ vor:

un-berechenbar,
un-produktiv,
un-gepflegt,
un-ordentlich.

Die Zähmung der Wildnis stand an: Für viele Menschen wurde "Wald" der in Reih und Glied gepflanzte Fichtenforst. "Wald" musste ordentlich sein, kultivierte Wildnis. Verwilderte Ecken in Gärten galten als Schlamperei, und wahrscheinlich steckte selbst bei den Flurbereinigungen nach dem Zweiten Weltkrieg in den hintersten Hirnwinkeln der Planer neben den wirtschaftlichen Gründen das Bestreben, die Landschaft von Wildnis zu befreien – was ihnen ja auch gelang. Viele kleine Flächen, die ein Landwirt besaß, wurden damals zu größeren Einheiten zusammengefasst. Die ließen sich leichter, vor allem zeitsparender bewirtschaften. Hecken, Steinriegel, Feuchtbereiche, alles was einer bequemen Bewirtschaftung im Wege stand, wurde beseitigt. Die Flur wurde neu geordnet - nach technischen Vorgaben.

Eine Wende im Bewusstsein der Menschen begann 1970, als das von der EG angeregte Naturschutzjahr ausgerufen wurde. Zu jener Zeit ernannte die Bundesregierung den Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek zum Naturschutzbeauftragten für Westdeutschland.

1970 wurde im Bayrischen Wald auch der erste deutsche Nationalpark eingerichtet mit dem erklärten Ziel, Wildnis zuzulassen. Den Menschen sollte deutlich gemacht werden, dass Wildnis auch schön sein kann, dass der Verlust an Wildnis auch Verlust an tierlicher und pflanzlicher Vielfalt bedeutet, ja dass sogar das Aussterben der großen Säuger - ob Elch, Wolf oder Luchs - ein Verlust, auch ein emotionaler Verlust der Landschaft gewesen ist.

Das Naturschutzjahr 1970 hat lang anhaltende Diskussionen ausgelöst. Sind Menschen überhaupt bereit, neue Wildnis zuzulassen? Gibt es so etwas wie ein "Grundrecht der Natur"? Und nicht nur in Europa wurde der Verlust an Wildnis problematisiert. Der 1989 verstorbene amerikanische Autor Edward Abbey meinte:

"Wildnis ist kein Luxus, sondern ein Bedürfnis des menschlichen Geistes. (...) Die Liebe zur Wildnis ist mehr als ein Hunger nach dem, was außerhalb unseres Einflussbereiches liegt; sie ist Ausdruck der Loyalität zur Erde."

1998 rief Hubert Weinzierl, der damalige Präsident des Deutschen Naturschutzrings, zu mehr ungebändigter Natur auf:

"Wir brauchen wieder einen Hauch von Wildnis in unserem Land, damit wir uns nicht ganz von der Natur entfernen. Das bedeutet einige Korrekturen in unserer Denkweise."

Heute gibt es an manchen Orten - etwa im österreichischen Nationalpark Kalkalpen - Bestrebungen, Menschen an Wildnis heranzuführen, die Schönheit der Wildnis zu zeigen, ihnen bewusst zu machen, dass Wildnis unser Leben bereichert. Zumindest die Biologen haben erkannt, dass mit der Zerstörung der Wildnis auch unsere Lebensgrundlagen zerstört werden - etwa die für unser Klima wichtigen Moore. Da finden wir Schlagworte wie "Wildnis zeigt, wie Natur wirklich ist", "Wildnis ist Teil unserer Heimat" oder "Wildnis schafft Vielfalt".

Die Wildnis ruft. Mit dem Versprechen, Wildnis zu erleben, werden Menschen nach Bulgarien, Polen oder in die Ukraine gelockt.

Wenn wir mehr Wildnis bei uns zulassen, dann werden auch die Vertriebenen wieder kommen: Luchs und Bär, Weißrückenspecht – ja, und auch der Wolf – und der ist ja inzwischen in Deutschland angekommen. Jörg-Andreas Krüger, Referatsleiter für Artenschutz beim NABU auf einer Wolfstagung:

"Wir haben heute schon Wolfshinweise und Wolfsnachweise in fast allen Flächenländern Deutschlands und wir werden uns drauf einrichten müssen, dass in den nächsten Jahren all diese Länder auch mit dauerhaften Wolfsbesuchen rechnen müssen."

Der Wolf, das Symbol für Wildnis. Doch sind wir denn wirklich bereit, wieder mehr Wildnis zuzulassen?

Als im Winter 2007 ein Wolf in der Lüneburger Heide auftauchte, sollen Hunderte Touristen ihre Zimmerbestellung gekündigt haben. Natürlich, nicht alle Menschen begrüßen den Wolf ohne Bedenken. Da gibt es einerseits die berechtigten Sorgen der Tierhalter - andererseits überängstliche Anfragen von Großmüttern: kann mein Enkel denn dann noch allein durch den Wald gehen? Prof. Dr. Willi Xylander, Direktor des Senckenberg Museums für Naturkunde in Görlitz, Mitinitiator der Wanderausstellung "Willkommen Wolf":

"Also zunächst mal zur Gefährlichkeit des Wolfes für den Menschen: es ist ein wildes Tier, es ist ein Raubtier und insofern kein Kuscheltier. Auf der anderen Seite: es gibt aus den letzten Jahrhunderten in Zentraleuropa eine in der Literatur belegte Stelle des Angriffs des Wolfes auf den Menschen. Das ist Rotkäppchen. Die Wölfe sind bei uns in der Regel keine Bedrohung. Nicht aufgrund der Tatsache, wie hoch die Bestände sind. Die sind einfach niedrig, so dass die Konfliktfelder zwischen Mensch und Wolf nicht sehr groß sind. Es sind Tiere, die ausgesprochen menschenscheu sind. Sie greifen den Menschen normalerweise nicht an. Nichtsdestoweniger, ich möchte das nicht verharmlosen, es ist ein wildes Tier und es gehört nicht in den Bereich der Tiere, mit denen man kuscheln sollte und die man darstellen sollte, als wären sie Stallhasen."

Das Land Sachsen hat das Büro Lupus eingerichtet, um das Verhalten der sächsischen Wölfe zu protokollieren. Dort arbeiten die beiden Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhard:

"Das Skurrile so ’n bissel daran ist, dass wir hier schon anderthalb Jahre gearbeitet haben. Wir haben Spuren gesucht, wir haben Losung gesucht, aber wir haben keinen der Wölfe gefunden. Alle Leute haben sich schon so’ n bissel amüsiert und dann hatte Gesa an einem Tag beim Losung-Suchen durch Zufall einfach zwei Wölfe gesehen und kam halt zurück nach Hause und war so begeistert davon, und es war einfach so toll und sie sprühte quasi und ich hab gedacht, das kann nicht sein. Ich hab immer noch keinen Wolf gesehen und das hört sich komisch an, aber das war dann wirklich so, ich hab dann gesagt am nächsten Tag, ich geh jetzt da raus, wo viele Spuren sind und ich setz mich da so lange hin, bis ich ’nen Wolf sehe und du musst mir dann Essen und Trinken rausbringen. Und ich bin morgens um halb fünf rausgefahren, was für mich irre früh ist (ich bin totaler Langschläfer), bin um halb fünf rausgefahren, hab mich auf eine Wegkreuzung gesetzt, wo sehr viele Wolfsspuren waren und hab 15 Minuten gewartet und da kam ein Wolf angelaufen. Und das war so irre, so unwirklich, dass ich immer dachte, Ilka, da is ’n Wolf. Mitten in Deutschland. (...) Andererseits sah das aber auch wieder so natürlich aus, der gehörte einfach in diese Landschaft. Besser ging es gar nicht. Und dass man so gleichzeitig dachte ‚Wahnsinn, ein Wolf’ und andererseits auch das Gefühl hatte, dass es ein Stück Natur ist, was hierher gehört, das war ganz intensiv bei diesem ersten Kontakt."

Die Wölfe in der Lausitz sind sehr scheu. Erschwerend für die Beobachtung ist, dass sie ihre Kinderstuben auf dem riesigen Gebiet des Truppenübungsplatzes haben. Weil dort ein strenges Betretungsverbot herrscht, werden die Tiere allenfalls von Forschern oder Soldaten gesehen. Auch weiß keiner, wo genau ihre Höhlen liegen. Erst wenn im Juni die Welpen an die Sonne kommen, können die Biologen überhaupt erfahren, ob es Nachwuchs gab.

62 bis 64 Tage nach der Paarung kommen die Kleinen zur Welt. Die dunkelbraunen, pummeligen Welpen - 4, 5 oder 6 sind es gewöhnlich, werden blind geboren und sie passen gut in 2 Hände. Anfangs haben sie noch kein Verlangen nach Fleisch, nur Milch trinken sie wie alle Säugetiere. Allmählich aber wird ihr Hunger größer, dann schaffen die Wolfseltern Fleisch heran. Wölfe können das Futter für die Jungen im Magen tragen. So behindert es sie nicht beim Laufen, Jagen oder Schnuppern.

Mögen sie auch scheu sein, mögen sie für uns Menschen keine Gefahr darstellen, für Haustiere sind sie es allemal. Deshalb ist es kein Wunder, dass es in unserer Gesellschaft nicht nur Wolfsschützer gibt. Es gibt auch Tierhalter, die den Wolf fürchten und Jäger, die um ihren Teil der Beute bangen.

Berichte über das Verhalten der Wölfe, ihre Ungefährlichkeit für den Menschen, sind ohne Zweifel wichtig. Dabei helfen Zeitschriften, Radio und das Fernsehen. Weit wichtiger jedoch ist das Gespräch mit den Betroffenen, sagt Marcel Hunziker:

"Hier ist ganz ganz wichtig, dass man sich bewusst ist dessen, dass es nicht einfach nur darum geht, Informationen zu vermitteln, Wissen zu vermitteln, sondern dass man vor allem ein gutes Verhältnis mit den Betroffenen herstellen muss. Ein Vertrauensverhältnis, und das heißt, man muss gegenseitig einander ernst nehmen und sich eigentlich auf der gleichen Ebene sehen, im Sinne von ‚wir beide sind Interessengruppen’. Zum einen die betroffenen Jäger oder Schafhalter oder einfach Bauern und auf der anderen Seite die Naturschützenden und da gilt es dann eigentlich, zusammen eine Lösung auszuhandeln. Mit dieser Einstellung sollte man an das Thema rangehen. Das ist eigentlich das Wichtigste."

Eine Strategie, die auch Prof. Alistair Bath von der Memorial University in Neufundland vertritt. Deshalb hatte ihn der NABU kürzlich zu einer Tagung über den Wolf eingeladen. In Kanada leben mehr als 50.000 Wölfe. In manchen Bereichen des großen Landes sind sie geschützt, in anderen ist Fallenstellen und Jagen erlaubt. Auch in Kanada trifft man auf sehr unterschiedliche Einstellungen dem Wolf gegenüber:

"Meine Arbeit besteht hauptsächlich darin, die Ansichten der Leute zu verstehen, also ich höre den unterschiedlichen Interessengruppen mehr zu, als dass ich auf sie einrede. Bauern zum Beispiel sorgen sich sehr, wenn sie durch Wölfe Verluste erleiden. Also müssen wir Wege finden, sie zu verstehen und mit ihnen zu verhandeln. Wenn Trapper ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von Pelzen etwas aufbessern wollen, müssen wir auch ihnen zuhören. Ich muss wirklich allen zuhören: den Umweltschützern, Biologen, Farmern und Förstern."

Und um das zu können, versammelt Alistair Bath alle unterschiedlichen Interessengruppen im selben Raum. Er hält das bereits für den ersten Schritt zum besseren Verständnis. Aber hat diese Methode denn tatsächlich Erfolge zu verzeichnen? Alistair Bath erzählt vom überzeugendsten Beispiel, das er in Kroatien erlebt hat:

"”Als wir mit dem Treffen begannen, haben sich die Leute nicht mal die Hand gegeben und ganz am Schluss hatten wir T-Shirts, die von allen gemeinsam hergestellt worden waren. Sie haben den Management-Plan mit hundertprozentiger Übereinstimmung hingekriegt. Und Ähnliches haben wir in Bulgarien mit dem Braunbären-Programm geschafft. Also, wenn du wirklich an einer Lösung interessiert bist, dann arbeiten die Leute auch so hart daran, dass sie zu einer kommen.""

Wenn wir uns einig sind, dass wir den Wolf in unserer Landschaft wollen, dann müssen wir also gemeinsam überlegen, unter welchen Bedingungen das möglich ist. Ein wichtiger Schritt, bei uns in Deutschland Schäden zu verhindern, ist die Beratung der Bevölkerung, vor allem der Tierhalter durch das Wolfsbüro in der Lausitz. Die häufigste Frage an Jana Schellenberg: Wie kann der Wolf von Schafen fern gehalten werden?

"Diese 90 Zentimeter hohen Euronetzzäune bieten einen guten Grundschutz. Deswegen nämlich, weil die Wölfe, die versuchen an die Schafe heranzukommen und auf den Stromzaun treffen, sie versuchen, einen Durchschlupf zu graben. Und wenn sie das versuchen, dann erleiden sie einen Stromschlag und lassen in der Regel davon ab. Das funktioniert bei den meisten Wölfen, bietet also einen guten Grundschutz. Herdenschutzhunde ist auch eine sehr gute Möglichkeit. Diese Hunde sind speziell dazu gezüchtet, Schafe vor Wölfen oder auch anderen Raubtieren zu schützen und das ist sehr effektiv und führt in der Regel dazu, dass es keine Verluste mehr gibt, beziehungsweise wenn Wölfe in die Koppel eindringen, dann werden in der Regel nur sehr wenige Schafe gerissen. Der Verlust ist nicht so groß."

Die Wolfsmeldungen in Deutschland häufen sich: Im Jahre 2008 tauchten in mehreren Bereichen Deutschlands Wölfe auf, so etwa in Niedersachsen, Hessen, Mecklenburg, Brandenburg und Bayern. Im Frühjahr 2009 wurde sogar bei Hamburg ein Wolf entdeckt. Der Wolf dringt also gen Westen vor – nur, kann er dort auch leben? Professor Hermann Ansorge, der Wolfsbiologe vom Görlitzer Senckenberg Naturkundemuseum steht vor eine Landkarte, die innerhalb eines Fachkonzepts für das Wolfsmanagement in Deutschland erstellt worden ist:

"Hier sind alle Informationen mit eingeflossen, die einem Wolf es möglich machen, in einem Gebiet zu leben. Das Resultat ist hier: je grüner, desto geeigneter, potentiell geeigneter für eine Wolfsbesiedlung, und je röter, desto weniger geeignet. Nur so können wir das formulieren. Ich kann damit nicht prognostizieren, hier nördlich Düsseldorf wird nie ein Wolf hinkommen, genauso wenig, wie ich sagen kann, hier, südlich Berlin werden die Wölfe demnächst auftauchen. Wir wissen nur, dass alle möglichen Faktoren, die ein Wolfsvorkommen ermöglichen, oder verhindern – hier zum Beispiel in fast ganz Brandenburg, ganz Mecklenburg- Vorpommern - sehr günstig sind."

Aber auch Teile von Bayern, die Eifel und der Schwarzwald erscheinen für Wölfe geeignet. Schwierig ist nur, sie müssen durch Gebiete wandern, die von Städten und Straßen zerschnitten sind. Dennoch, wir müssen uns in ganz Deutschland auf den Wolf vorbereiten, müssen gewärtig sein, dass auch die Menschen in den Ländern, die sich bis jetzt noch nicht mit dem Thema auseinander setzen mussten, mit ihm rechnen können. Markus Bathen, Wolfsbeauftragter des NABU:

"Die entscheidende Frage ist halt, wie wir Menschen uns zu dem Wolf stellen und die 10 Jahre in der Lausitz zeigen auch, es geht nicht ganz ohne Konflikte und Auseinandersetzungen, aber es ist eine Nachbarschaft möglich zwischen Mensch und Wolf und daher glaube ich, der Wolf lebt in unseren Wäldern. Jetzt muss er einfach noch in unsern Köpfen heimisch werden."

Das fällt wohl besonders manchen Jägern schwer. Kürzlich erst wurde ein Rüde geschossen. Er stammt vom Truppenübungsplatz Altengrabow. Dem Schützen wurde der Waffenschein entzogen. Seine Waffe musste er abgeben.

Je mehr wir über die Wölfe wissen, desto besser können wir Vorurteilen entgegen treten. Nach vielen Mühen war es am Ende des Winters 2008/09 gelungen, einem jungen Wolf ein Halsband mit Sender umzuhängen. Auch die in den letzten Wochen besenderten Wölfe werden uns mehr über ihre Wanderwege verraten. Wichtig ist vor allem, zu wissen, wo sich Wölfe aufhalten und wohin junge Wölfe abwandern.

"Wir wissen es von zwei Wölfen über Telemetrierung. Diese Tiere sind besendert worden und wir verfolgen, genauer gesagt das Büro Lupus, die Wanderwege dieser Wölfe - nicht jeden Tag, aber doch immer wieder in unterschiedlichen Abständen, so dass wir ne Vorstellung haben, wo sich die Tiere aufhalten."

"Als die Wölfin Daten geliefert hat zwei Jahre lang, da war das halt so, dass man regelmäßig versucht hat, ihren Schlafplatz tagsüber zu finden und dann gewartet hat in der Nähe, bis sie wach wird, aktiv wird und losläuft."

Was die Tierhalter und Jäger noch mehr interessiert: wovon ernähren sich die Wölfe in der Oberlausitz? Bei diesen Untersuchungen gab es noch ein schönes Nebenergebnis: Tiere – Mufflons in diesem Fall – die in einer Landschaft fremd oder wenig angepasst sind, werden die ersten Opfer. Hausschafe allerdings, so Willi Xylander, waren durch die Zäune so gut geschützt, dass sie in den Nahrungsuntersuchungen nicht gefunden wurden:

"Wir haben sehr eingehende Untersuchungen zum Nahrungsspektrum gemacht und wir wissen, dass ungefähr 95 Prozent der Tiere, die gefressen werden, Huftiere sind. Etwa die Hälfte sind Rehe, ungefähr zu gleichen Teilen sind es Hirsch und Wildschwein. Andere Tiere spielen als Nahrung, als Beute ’ne ganz untergeordnete Rolle. Hasen vielleicht noch in der Größenordnung von 1 Prozent, aber die Nachweise von Haustieren in der Losung, wir machen diese Untersuchungen über Kot, die sind deutlich unter 0,5 Prozent."

Jetzt leben also die ersten Wölfe nach über 50 Jahren wieder mit uns. Werden wir sie als Gäste willkommen heißen oder werden wir sie als Fremde aus dem Land vertreiben?

Wölfe als Zeichen einer veränderten Einstellung zu Wildnis. Eine Übung für unsere Toleranz gegenüber Fremden, meint Markus Bathen:

"Ja das ist ein Stein, der wurde im Jahr 2000 errichtet und der erinnert an die ersten Wölfe, die nach ihrer Ausrottungsgeschichte in Deutschland geboren wurden. Nördlich hiervon, im Truppenübungsplatz, im Dünengelände ist die Wolfshöhle, die wahrscheinlich heute noch genutzt wird und dort wurden im Jahr 2000 die ersten Wolfswelpen geboren. Und das ist ’ne wunderbare Sache, dass man diesen Stein eben errichtet hat. Dass man das gleiche Mittel genommen hat, einen Gedenkstein, aber im positiven Sinne. Das zeigt, finde ich, sehr eindrucksvoll wie sich in unserer Gesellschaft auch die Einstellung gegenüber den Wölfen verändert hat. Vor 100, 150 Jahren wurden Denkmäler den Menschen gesetzt, die die Wölfe erschossen haben und heute setzen wir den Tieren selber ein Denkmal, dass sie zu uns zurückgekehrt sind."

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