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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.07.2012

Die guten Zeiten sind vorbei

Das "Festival di Spoleto 2012" bietet viel und findet trotzdem nicht zu seinem alten Glanz

Von Thomas Migge

Festivalbühne in Spoleto
Festivalbühne in Spoleto (picture alliance / dpa / Fotoreport)

Italiens kreativstes Sommerfestival lockte in diesem Jahr mit Neuinszenierungen von Benjamin Brittens "The Turn of the Screw” oder Jean Cocteau "La voce umana”. Doch die Ausstrahlung der alten Tage hat das völlig neuorganisierte Festival nicht mehr.

Benjamins Brittens Meisterwerk "The Turn of the Screw" aus dem Jahr 1954, basierend auf einer Erzählung von Henry James handelt von dunklen Mächten, von unausgesprochenen Schandtaten an Minderjährigen und vermittelt eine Atmosphäre, die sich klaustrophobisch auf den Zuschauer auswirkt: Man fühlt sich unwohl bei dieser Thematik und bei einer Musik, die eine Stimmung erzeugt, die düster, melancholisch, erschreckend ist.

Dies ist nicht unbedingt eine Oper für ein Sommerfestival, aber besser als gar nichts. Vor allem bei einem Festival, das früher einmal für seine hochklassige Musik berühmt war und wo es heute nur eine einzige Oper und einige wenige Konzerte zu hören gibt, die gute, aber auch nur gute Qualität bieten. Brittens Oper wurde von Giorgio Ferrara allerdings meisterhaft in Szene gesetzt. Der Deutsche Johannes Debus dirigierte Musiker des ausgezeichneten "Orchestra Sinfonica Giuseppe Verdi" aus Mailand. Eine Aufführung, für die es sich lohnte selbst aus Rom ins rund eineinhalb Stunden entfernte Spoleto anzureisen.

Die Reise lohnte auch Frank Wedekinds "Lulu" in der vorjährigen Inszenierung von Robert Wilson am Berliner Ensemble, mit einer umwerfenden Angelika Winkler in der Hauptrolle.

Das "Festival di Spoleto 2012" bot viel Schauspiel, Lesungen, unter anderem mit Charlotte Rampling, Filme und zweit- bis drittklassige zeitgenössische Kunst, Tanz und Workshops. Zwei Wochen lang volles Programm, von vormittags bis spätabends. Seit fünf Jahren ist Regisseur Giorgio Ferrara Direktor des Festivals:

"Es ist ein wichtiges Festival, mit einem sehr reichen Programm. Ein Festival, das in der Tradition seines Gründers steht. 1957 rief der italo-amerikanische Komponist Gian Carlo Menotti dieses Festival ins Leben und leitete es 46 Jahre lang. Auf ihn folgte sein Sohn Francis und dann kam ich. Ich liebe besonders das Sprechtheater, wie auch Menotti"."

Vor fünf Jahren entmachtete das italienische Kulturministerium Francis Menotti, den Sohn des Gründers. Ihm wurde vorgeworfen, mit staatlichen Geldern Vetternwirtschaft betrieben zu haben. Aus dem "Festival der zwei Welten", eine Anspielung auf Menottis musikalischen Werdegang zwischen Amerika und Europa, wurde das "Festival di Spoleto". Damit endete die Geschichte eines kosmopolitisch ausgerichteten Sommerspektakels, zu dem mehrere Jahrzehnte lang internationaler Jet Set sowie Stars aus Musik, Schauspiel und Tanz in das kleine umbrische Städtchen kamen. Gian Carlo Menottis Gespür für neue Talente garantierte erstklassige musikalische Qualität.

Nach fünf Jahren Direktion von Giorgio Ferrara kann und sollte man Bilanz ziehen, meint die Kulturjournalistin Antonella Manni, die seit Jahren über dieses wichtige Festival berichtet:

""Der neue Direktor hat dem Festival eine neue, seine Identität verliehen. Das ist ja auch ganz natürlich und gut so. Unter ihm gibt es wenig Musik, dafür aber viel Sprechtheater und vieles aus Frankreich, wo er lange Zeit lebte. Doch was unter seiner Direktion fehlt: ein roter Faden, das besondere Etwas, das Spoleto einst so einmalig machte."

Unter Menotti, Vater und Sohn, kamen Künstler eigens für ihre Auftritte angereist. Viele blieben anschließend noch als Gäste der Menottis in deren Palazzo. Man traf Sängerinnen wie Renèe Fleming, Schriftstellerinnen wie Donna Leon, Pianisten wie Yean-Ives-Thibaudet und viele andere Stars auf den Straßen, auf den Piazzen, in Bars und Restaurants. Während des Menotti-Festivals wurde aus dem sonst verschlafenen Spoleto eine Art mondäner Ferienort mit Kultur. Sicherlich ging es dabei finanziell und logistisch nicht immer ganz mit rechten Dingen zu - und es war richtig, dass der Staat als Hauptgeldgeber mal richtig aufräumte - doch ohne die Menottis mit ihren auserlesenen Festen und Empfängen, fehlt das gewisse Etwas, dass dieses Festival von allen übrigen in Italien unterschied. Das geflügelte Wort "Vado a Spoleto", ich fahre nach Spoleto, bedeutete nicht, dass man dort zu einer Aufführung hinfuhr, sondern dass man dort gleich mehrere Tage mit Kultur und elegantem Drumherum verbringen wollte. Dazu Ute Klusemann, Österreicherin, Journalistin mit Wohnung in Spoleto und Festivalbesucherin seit 40 Jahren:

"Für mich sind das keine Festspiele. Festspiele müssen ein besonderes Flair haben, abgesehen von den Vorstellungen und Veranstaltungen, und das fehlt hier total."

Das berühmte Spoleto-Festival, es zieht inzwischen ein anderes Publikum an. Man kommt für eine Nacht, und dann geht's wieder retour. Flair kommt so nicht auf. Das einst legendäre "Festival di Spoleto" ist heute eine Aneinanderreihung mehr oder weniger interessanter "spettacoli" geworden. Und damit ein Festival wie alle anderen. "Tempi passati" sagen die Italiener, die guten Zeiten sind vorbei.

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Meister des Gruselfilmklangs <br> Vor 100 Jahren wurde der Komponist Gian Carlo Menotti geboren

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