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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.08.2009

Die Grünen und ihre Wähler

Von Jan Fleischhauer

Die Grünen-Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl,  Jürgen Trittin und Renate Künast
Die Grünen-Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl, Jürgen Trittin und Renate Künast (AP)

Vor ein paar Wochen wurde ich gefragt, welche Partei ich im September auf keinen Fall wählen würde. Eine interessante Frage, wie ich fand, die Antwort darauf verrät mindestens so viel über den politischen Charakter eines Menschen wie die nach seiner Parteipräferenz am Wahltag.

"Die Grünen", sagte ich, "ich würde nicht mehr die Grünen wählen". Das war erkennbar nicht die Antwort, die mein Gegenüber erwartet hatte. Er war sprachlos, ja er wirkte geradezu schockiert. In diesem Moment begriff ich, dass man in den aufgeklärten Kreisen gegen alle möglichen Parteien Vorbehalte bekunden kann – ich kenne viele Leute, die niemals CDU oder FDP wählen würden, und das auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit von sich sagen, unter ehemaligen Anhängern der Sozialdemokratie ist es in diesen Tagen schick geworden, auf die SPD zu schimpfen. Nur die Grünen erfreuen sich in den meinungsbestimmenden Vierteln des Landes schulterklopfender Zustimmung oder zumindest anerkennender Sympathie. Gegen die Grünen zu sein ist in etwa so, als ob man etwas gegen Wale oder Delphine hätte. Nur herzlose Menschen können da Schlechtes sehen. Wer sich spöttisch oder gar unversöhnlich kritisch äußert, mit dem kann etwas nicht ganz stimmen.

Wenn man darüber nachdenkt, dann haben die Grünen eine erstaunliche Karriere hinter sich. Sie sind wie eine dieser Rockbands, die vor Jahren mal einen großen Hit hatten und ihn seitdem immer und immer wieder spielen. Die Grünen leben seit ihrer Gründung in den 70ern ganz komfortabel von der damals originellen Idee, dass es dem Menschen besser bekommt, wenn er nett zu Flora und Fauna ist. Viel Neues ist nicht dazu gekommen, aber das scheint auch niemand zu erwarten. Die Deutschen sind inzwischen Weltmeister im Mülltrennen, der Ausstieg aus der Kernenergie ist beschlossene Sache, und in den deutschen Großstädten ist die Tempoberuhigung so weit fortgeschritten, dass nun schon die Radfahrer aufpassen müssen, dass sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Man könnte also mit gutem Gewissen sagen, dass sich das Hauptanliegen der Grünen erledigt hat, trotzdem erzielen sie bei Wahlen verlässlich ihre zehn oder zwölf Prozent.

Es ist erstaunlich, wie viele Journalisten den Grünen wünschen, dass sie wieder in die Regierung zurückfinden, sei es in der sogenannten Ampel mit FDP und SPD oder dem als Jamaika bezeichneten Bündnis mit FDP und Union. In der "Zeit" fand sich neulich ein langer Artikel, warum eine Koalition aus Grünen und CDU ein Gebot der Stunde sei. Am Wahlprogramm kann es nicht liegen, dass Schwarz-Grün als Zukunftsoption gilt. Tatsächlich lässt sich kaum eine der grünen Forderungen anstandslos in die Wirklichkeit überführen. Kein Mensch, der rechnen kann, wird ernsthaft eine Anhebung der Hartz-IV-Sätze um 100 Euro für realistisch halten, eine Operation, die überschlägig 60 Milliarden pro Jahr kosten würde. Und nur im Forderungskatalog der Grünen lässt sich die viertgrößte Industrienation der Welt mit erneuerbarer Energie betreiben, ohne dass dies gravierende Auswirkungen auf die Produktion hat. Aber gerade das Versponnene, leicht Illusionäre der grünen Politik macht ja ihren Reiz aus, eben darin liegt die Attraktivität des Angebots.

Die Grünen sind die perfekte Partei für alle, die nicht erwachsen werden wollen, die passende Wahl zur "zweiten Pubertät", wie der "Stern" kürzlich die Lebensphase ab 40 genannt hat. Ihre zuverlässigste Wählergruppe haben die Grünen bei dem in die Jahre gekommenen Linksbürgertum, das sich mit der Stimmabgabe trotz – oder eben wegen – Bauch, Glatze und Falten der Alterslosigkeit seiner Ideale und Lebensvorstellungen versichern will, daher die Zwangsjugendlichkeit vieler Grünen-Vertreter, die wie Renate Künast immer wie eine aufgekratzte Gemeinschaftskundelehrerin auftreten, die innerlich ja noch soo jung geblieben ist, daher auch die Unernsthaftigkeit des Programms, das mit seinen Ideen eine herzerwärmende Sorglosigkeit ausstrahlt. Weil die Generation der heute 40- bis 50-Jährigen zahlenmäßig die stärkste ist, die in Deutschland je geboren wurde, müssen sich die Grünen bei Wahlen keine Sorgen machen.

Wer Grün wählt beweist, dass er noch kein Spießer ist – das ist das heimliche Versprechen der Stimmabgabe für die grüne Partei.

Jan Fleischhauer, 47, studierte Literaturgeschichte und Philosophie in Hamburg. Er ist Redakteur beim "Spiegel" und Autor des Bestsellers "Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde". Nach Stationen als Bürochef des "Spiegels" in Leipzig, Berlin und New York lebt er jetzt wieder in Berlin, wo er als Autor für das Nachrichtenmagazin arbeitet.