Seit 13:05 Uhr Sein und Streit
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 13:05 Uhr Sein und Streit
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.02.2011

Die Grüne Revolution

Halbdokumentarischer Film über die Protestwelle in Iran

Von Wolfgang Martin Hamdorf

Anhänger des Oppositionskandidaten Mir Hossein Mussawi (AP)
Anhänger des Oppositionskandidaten Mir Hossein Mussawi (AP)

Der iranischstämmige Filmemacher Ali Samadi Ahadi lebt in Köln und hat einen ungewöhnlichen Film über sein Heimatland gemacht. Am Donnerstag startet "The Green Wave" in den deutschen Kinos.

"'Mein Vater sagte mir immer: Wir gehören zu einer Nation, die seit 150 Jahren auf der Suche nach ihrer verloren gegangenen Stimme ist' und er sagte: 'Wir sind nicht mehr weit davon entfernt und müssen uns nur danach strecken, dann werden wir es schaffen.' Seine Generation hat das oft versucht und ist immer wieder daran gescheitert. Dann waren wir dran, es zu versuchen, und für wenige Wochen hatten wir das Gefühl, unserem Ziel so nahe zu sein wie noch nie zuvor."

Am Anfang des Films steht Hoffnung, dann Enttäuschung, Protest, Kampf und Niederlage.

"Heute schaue ich mir die blutverschmierten Wände an und fürchte, dass es auch diesmal nicht mehr war als nur eine Fata Morgana..."

"The Green Wave", "die grüne Welle" von Ali Samadi Ahadi erzählt von einer gescheiterten Revolution im Iran und von der brutalen Unterdrückung einer breiten Protestbewegung:

"Ich liebe diese grünen Farben, all diese grünen Schals und Armbänder auf den Straßen, sie bedeuten Gemeinschaft, Einheit, bedeuten, dass die Leute nicht gleichgültig sind. Sie wollen abstimmen und zeigen, wie sie das Resultat von Lug und Trug honorieren. Unabhängig davon, ob sie mit der Wahl etwas verändern oder einfach nur Nein zu Ahmadinedschad sagen."

Ali Samadi Ahadi erzählt halbdokumentarisch von der großen Protestwelle meist junger Iraner gegen den offensichtlichen Wahlbetrug des Regimes im Juni 2009. Dabei arbeitet der 38-jährige Regisseur mit ganz unterschiedlichen Stilelementen: Zeichentrickelemente, die an politische Animationsfilme wie "Waltz with Bashir" oder an "Persepolis" erinnern, Amateuraufnahmen vom Mobiltelefon und Interviews, wie etwa mit Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Schon 2009 sorgte der 1972 im Iran geborene und seit 1985 in Deutschland lebende Regisseur mit der heiteren, spritzigen und politisch unkorrekten Ost-West-Immigranten-Komödie "Salami Aleikum" für Aufsehen. Und auch sein neuer Film besticht, bei einem viel ernsteren Thema, durch die virtuose Montage ganz unterschiedlicher Materialien:

Samadi Ahadi: "Ich glaube schon, dass das ein bisschen mein Markenzeichen geworden ist. Ich habe auch viel von 'Salami Aleikum' gelernt, das ist ja auch ein Stück Neuland gewesen, das wir betreten haben, diese collageartige, zumindest in Deutschland in dieser Form habe ich noch nicht so was erlebt gehabt. Und in 'Green Wave', in der Form von 'Green Wave' habe ich auch noch nicht in dieser Form erlebt. Wir mussten für uns Dinge machen, ohne zu wissen, ob das aufgeht oder nicht. Wir mussten 42 Minuten Animation erstellen in 10 Monaten, was eigentlich mission impossible ist, ohne zu wissen, können wir die wirklich mit realen Bildern verweben oder."

Die realen Bilder kamen dann aus Amateurfilmkameras, Handy und zahlreichen Aufnahmen von Privatpersonen, verwackelt unscharf, aber direkt im Geschehen entstanden, außerhalb der offiziellen Medien:

Samadi Ahadi: "Das war auch sehr, sehr spannend, ich meine, in dem Moment, in dem die ausländischen Journalisten des Landes verwiesen wurden, zu Teil wurden die auch mit ihren iranischen Kollegen verhaftet und die iranischen Kollegen sowieso verhaftet wurden und man eigentlich keine Berichterstattung mehr hatte und die Menschen im Iran wirklich mit ihren einfachsten Mitteln versucht haben, die Ereignisse nach außen und füreinander zu transportieren, da entstand natürlich auch ein ganz neues Phänomen."

Der Film zeigt viel von dieser Vernetzung der Protestbewegung und letztendlich inszeniert er die Texte der Blogger über die Montage der unterschiedlichen Bildelemente. Für den Filmemacher ist seine ästhetische Herangehensweise auch ein Gegenpol zum vermeintlich objektiven Fernsehjournalist. Sein Film bezieht von Anfang an eine klare Position für die Protestbewegung:

Samadi Ahadi: "Ich versuche, so authentisch zu sein wie möglich und ich versuche auch nicht, meine Haltung hinter irgendwelchen scheinhaltigen Objektivitäten zu verstecken, sondern ich versuche klipp und klar zu sagen, das ist meine Haltung. So sehe ich die Dinge und dieses Thema aus meiner Warte."

Der deutsche Staatsbürger Ali Samadi Ahadi reklamiert von seiner Regierung ein stärkeres Engagement für die Menschenrechte im Iran und erinnert an die Menschenrechtsverpflichtung im Grundgesetz:

"Die sagen nicht, nur die Deutschen haben Pressefreiheit, nur die Deutschen haben das Recht der körperlichen, physischen Unversehrtheit, psychischen Unversehrtheit, sondern es geht um Menschen, sondern nicht in den Grenzen Deutschlands, sondern überall. Deutschland ist der größte Wirtschaftspartner Irans innerhalb Europas, innerhalb der EU. Und da frage ich mich, warum wird das nicht konditioniert?"

Der Film berührt und erweckt starke Gefühle und das trotz seiner verschiedenen Ebenen und Darstellungsmittel. Gerade die Zeichentrickelemente, zu Unrecht mit Harmlosigkeit assoziiert, führen zu einer starken Identifizierung des Zuschauers. Dabei verharmlost der Film nicht, die Brutalität der staatlichen Repression gehört zu den stärksten Momenten aus "The Green Wave":

"Plötzlich stürmten die Wächter in Zivil herein, zerschlugen die Lampen und begannen in der absoluten Dunkelheit, uns zusammenzuschlagen. Sie schlugen wahllos auf die Leute ein. Eine halbe Stunde lang schlugen sie uns zusammen, einige fielen ins Koma oder verloren ihr Leben. Ich konnte das alles nicht glauben."

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsWas nun, Großbritannien?
 Fish & Chips (dpa / picture alliance / Phil Noble)

Katzenjammer in den Feuilletons nach dem Brexit-Votum: "We are really, really fucked", heißt es in der "Taz", und die "Welt" kritisiert die Negativkampagne des Remainlagers, das nicht mehr zu bieten hatte, als sich als das kleinere Übel zu präsentieren.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur