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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.10.2011

"Die großen Bewegungen sehe ich nicht"

Thomas Morgenstern von der Ratingagentur PSR über Reaktionen der Märkte auf die Hängepartie in Brüssel

Thomas Morgenstern im Gespräch Jan-Christoph Kitzler

Angesichts der andauernden Eurokrise sind die Märkte nervös.  (AP)
Angesichts der andauernden Eurokrise sind die Märkte nervös. (AP)

Angesichts der Eurokrise sind die Märkte nervös. Thomas Morgenstern erwartet allerdings keine großen Ausschläge im Hinblick auf die Entscheidungen des EU-Gipfels am Mittwoch. Die meisten Fakten seien bereits auf dem Tisch. Er sieht eher mittelfristig Probleme in der Realwirtschaft bei der Finanzierung von Investitionen.

Jan-Christoph Kitzler: Fast zwei Jahre dauert sie nun schon, die Euro-Krise, fast zwei Jahre, in denen Irland vor der Pleite gerettet werden musste und Portugal und Griechenland, aber fast zwei Jahre auch, in denen sich Europa immer herumgedrückt hat vor einer großen Reform, vor einer gemeinsamen europäischen Wirtschaftspolitik, die diesen Namen auch verdient. Und es sind fast zwei Jahre, in denen die Märkte, denen die Politik nicht selten hinterherzuhecheln scheint, immer öfter die Geduld verlieren. Das sieht man auch an den stark schwankenden Kursen an den Börsen. Bis Mittwoch also müssen wir uns mal wieder gedulden, Mittwoch soll die Lösung stehen, dann kommen die Staats- und Regierungschefs der EU noch einmal in Brüssel zusammen. Bis dahin müssen wir warten, aber wie nehmen die Märkte das auf? Darüber spreche ich mit Thomas Morgenstern von der Ratingagentur PSR, schönen guten Morgen!

Thomas Morgenstern: Ja, guten Morgen, Herr Kitzler, guten Morgen!

Kitzler: Die Märkte sind zurzeit hoch nervös und reagieren sehr sensibel auf jedes Signal, das von der Politik kommt. Nun gab es an diesem Wochenende in Brüssel zwar Signale der Einigkeit, aber keine Lösung. Heute beginnt die neue Handelswoche, wie werden denn die Märkte auf diese Hängepartie reagieren?

Morgenstern: Sie haben es richtig beschrieben: Wir haben sicherlich momentan genau die Situation, keine Lösung auf dem Tisch. Wir hatten ja letzte Woche noch sehr gute Signale auch an den Börsen wiedergefunden, eben gerade vor dem Hintergrund Optimismus, es geht in die richtige Richtung, wie Sie es auch beschrieben haben. Es scheint jetzt doch endlich die Starre sich aufzulösen, man möchte die Themen diesmal nicht nur oberflächlich anpacken, sondern auch im Rahmen der tatsächlichen Aufgaben als Gesamteuropa heranziehen. Wenn Sie das alles so im Hintergrund sehen, werden wir heute und morgen sicherlich nicht genau das, was wir erhoffen, an den Börsen sehen, nämlich eine Erholung, sondern wir rechnen sicherlich damit, dass wir an der Stelle noch genau diese Hängepartie auch in den Bewegungen der Märkte wiederfinden.

Kitzler: Es hieß ja immer, wenn es die große Lösung denn geben sollte, dann muss die an einem Wochenende kommen, wenn die Märkte schlafen. Nun wird sie voraussichtlich am Mittwoch präsentiert. Könnte das an dem Tag ein Problem werden?

Morgenstern: Das glaube ich auch nicht, denn auch da muss man feststellen: Es sind ja jetzt die meisten Fakten auch schon auf dem Tisch, es ist bekannt, dass einzelne Länder im Europaraum zum Teil sehr massive Schwierigkeiten haben. Es ist ja zunächst mal eher eine Haushaltskrise, die wir zunächst einmal betrachten müssen, wenn wir jetzt Themen anschauen, die jetzt an die Märkte gehen, nur das die eben natürlich Auswirkung haben auf die Finanzierungsseite unserer Europawirtschaft, und dann natürlich sehr wohl auch Auswirkung auf die Realwirtschaft. Wenn man diesen Bogen spannt, dann kann man davon ausgehen, dass die Erwartungshaltung, die wir alle haben, sowohl institutionelle als auch private Anleger, natürlich jetzt sehr hoch sind. Man möchte jetzt endlich wissen, in welche Richtung wir weiter marschieren werden. Wenn es jetzt am Mittwoch zu dieser Entscheidung kommt, dann werden aber damit nicht völlig neue Ideen auf den Tisch kommen, sondern es wird eben nur eine Entscheidung sein, in welche Richtung man geht bei denen, die man auch schon grundsätzlich avisiert hat. Also, ich gehe nicht davon aus, dass wir am Mittwoch damit eine große Reaktion an den Märkten wiederfinden werden, sondern eher je nachdem, wie man eben auch die Entscheidung dann einschätzen kann und ob wir bis dahin eine Entscheidung haben, dass wir da eben eine gewisse Tendenz erkennen an den Börsen.

Kitzler: Sie haben gesagt, viele Fakten liegen schon auf dem Tisch. Trotzdem gibt es noch Spekulationen darüber, wie hoch der griechische Schuldenschnitt letztendlich ausfällt, wie viel zusätzliches Geld die Banken brauchen und vor allem, wo es herkommt. Sind diese Spekulationen schon eingepreist in die Aktienkurse, oder kommt das noch?

Morgenstern: Ich meine, auch da muss man erkennen: Gerade weil eben der Finanzierungsbereich derjenige ist, der zunächst einmal getroffen wird, und damit natürlich sehr, sehr viele auch realwirtschaftliche Themen mit auf der Agenda stehen, wird man an der Stelle durchaus noch Reaktionen erkennen können. Ist ja auch nachvollziehbar, es ist wichtig, dass der Mittelstand, der gerade in Deutschland beispielsweise ein Schwerpunktthema ist, aber auch die Großunternehmungen in Europa, sich weiterhin vernünftig finanzieren können. Wenn das nicht mehr der Fall ist, weil bestimmte Entscheidungen in die Richtung gehen, dass mehr Eigenkapital beispielsweise bei den Banken hinterlegt werden muss, dann heißt das natürlich schon auch, dass weniger Geld zur Verfügung ist in der Finanzierung, und damit vielleicht die eine oder andere Investition, die notwendig ist, zunächst zurückgestellt wird. Das wiederum hat Auswirkung auf die Entwicklung einzelner Werte an den Börsen, und damit hat man schon das eine oder andere noch zu erwarten, was in den Börsen passiert. Aber die großen Bewegungen, die Sie ja ein bisschen auch ansprechen möchten, die großen Bewegungen, die sehe ich an der Stelle nicht, denn die sind weitestgehend bekannt.

Kitzler: Wir haben ja in den vergangenen Monaten große Ausschläge erlebt nach oben und nach unten.

Morgenstern: Ja.

Kitzler: Und man hatte irgendwie den Eindruck, mit der wirklichen Wirtschaft hatte das alles relativ wenig zu tun, das war eine Mischung aus Psychologie, Herdentrieb und computergesteuerten Automatismen. Stimmt dieser Eindruck, auch für den Analytiker?

Morgenstern: Nur bedingt. Ich darf sagen, wenn man das Ganze auf der kurzfristigen Betrachtungsebene anschaut, da gebe ich Ihnen recht, es ist Psychologie, die da eine Rolle spielt, auch die damit verbundene Unsicherheit, die wir ganz ehrlich gesagt ja alle in gewisser Weise spüren. Aber dieser Bogen zu dem, was dort an dem Computer passiert, wie Sie es beschreiben, und dem, was tatsächlich an den Märkten, an den Arbeitsmärkten, an den Wirtschaftsmärkten geschieht, der ist schon zu sehen. Denn wie ich gerade schon angeführt habe: Natürlich ist die ganze Krise zunächst mal eine Haushaltskrise. Eigentlich, im Nachhinein, ein Problem, das erkannt wurde, dass offensichtlich politisch einige Entscheidungen in einzelnen Ländern getroffen worden sind, die uns alle nicht so gut tun. Dass damit verbunden aber auch die Finanzierung dieser Länder dranhängt, ist nachvollziehbar, und dort kommt dann schon der erste, ja, wirtschaftliche Faktor mit hinein, nämlich die Finanzierungsseite durch Banken und andere Finanzierungsinstitute. Diese wiederum sind aber nicht nur für die Staaten da, sondern selbstverständlich auch für die Unternehmen da. Und vor dem Hintergrund ist eine Korrelation zwischen dem, was dort quasi an der emotionalen Seite, an der psychologischen Seite passiert, und dort, wo es dann vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Problem werden könnte, nämlich in der Realwirtschaft, wenn es darum geht, Themen, die wir in der Wirtschaft haben, zu finanzieren, die vielleicht dann plötzlich nicht mehr so einfach finanziert werden können – nicht, wie die Unternehmen nicht möchten oder weil die Unternehmen nicht können oder die wirtschaftliche Stabilität nicht hätten, sondern weil der Finanzierer eben sagt, nein, ich habe gerade noch ein paar andere Themen zu bewältigen, und vor dem Hintergrund dann finanzielle Möglichkeiten nicht sofort dastehen. Also, darin sehe ich tatsächlich eine Gefahr, die aber nicht kurzfristig ist, sondern die eine gewisse Mittel- und Langfristigkeit darstellt.

Kitzler: Nur noch ganz kurz zum Schluss: Die Politik war ja in der Krise alles andere als entschlossen.

Morgenstern: Richtig.

Kitzler: Wie hoch sind denn die Kosten für uns Steuerzahler durch dieses Zögern?

Morgenstern: Das ist eine Frage, die kann ich Ihnen tatsächlich fundamental nicht beantworten. Es steht aber außer Frage, auch da gibt es direkte und indirekte Kosten, wenn Sie so sagen möchten. Die direkten Kosten erleben wir durch Zahlungen, die die Deutschen, die Franzosen, die alle in Europa bezahlen möchten und die auch schon zu viel Unmut führen, bei uns genau so wie in einem Land wie Slowenien, wo man erst mal alles blockiert beispielsweise. Indirekte Kosten werden aber insofern auf uns zukommen, als dass eben davon auszugehen ist, dass wir mittelfristig sehr wohl die angesprochene Wirkung auf die Realwirtschaft haben werden, die in irgendeiner Form natürlich unsere Gesamtwirtschaft in der Form angreifen wird. Nichtsdestotrotz zeigt sich aber auch durch die jetzt bestehende Entschlossenheit, eine Lösung heranzuführen, dass hier, glaube ich, meiner Ansicht nach, die großen Risiken in der Form nicht bestehen.

Kitzler: Dann schauen wir mal, was Mittwoch dabei herauskommt. Thomas Morgenstern war das von der Ratingagentur PSR, haben Sie vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Tag!

Morgenstern: Selbstverständlich, danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews

Sie können das vollständige Gespräch mindestens bis zum 24.3.2012 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören.

Links bei dradio.de:

Beratungen über Schuldenkrise ziehen sich hin - <br> Entscheidung zum Euro-Rettungsschirm erst am Mittwoch

EU-Finanzminister nehmen Banken stärker in die Pflicht - <br> Treffen in Brüssel: Griechenland braucht mehr Geld, Gläubiger sollen 50 bis 60 Prozent Zahlungsausfall tragen

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