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Buchkritik

FamiliengeschichteZerwürfnisse wie Giftmüll
Wachsfiguren-Kabinett in St. Petersburg: Geheimdienst-Chef Lawrentij Berija (l.) und Stalin, dazwischen der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko.

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Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

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Literatur

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"Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.02.2011

Die große Sinnsuche

Drei Neuerscheinungen zu Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie

Strickender Junge in Waldorf-Schule
Strickender Junge in Waldorf-Schule (AP)

Vor 150 Jahren wurde Rudolf Steiner geboren. Anlässlich des jetzt bevorstehenden Jubiläums sind gleich drei Biografien zu Leben und Werk des aus Österreich stammenden Philosophen erschienen.

Gleich drei Bücher beschäftigen sich anlässlich seines 150. Geburtstages mit Rudolf Steiner, diesem großen Esoteriker des 20. Jahrhunderts, der mit seiner Lehre, der Anthroposophie, bis heute gleichermaßen fasziniert und provoziert. Dabei hat Steiner eine Weltanschauung begründet, die bis heute in viele Lebensbereiche hinein wirkt. Sei es mit den Waldorf-Schulen, der bio-dynamischen Landwirtschaft, dem sozial-ökonomischen Finanzwesen, der alternativen Medizin oder der Naturkosmetik. Umso erstaunlicher ist es, dass eine Biografie, die sein Schaffen historisch-kritisch aufbereitet, bislang allerdings fehlte. Jetzt gibt es gleich drei und sie alle nähern sich Steiner auf unterschiedliche Weise.

Der Historiker Helmut Zander setzt wunderbar Steinchen für Steinchen den Lebenslauf Steiners zusammen, angefangen bei seiner Kindheit im heutigen Kroatien über die vielen Umzüge und Schaffensperioden bis zu seinem Tod im schweizerischen Dornach, bis heute ein Zentrum der anthroposophischen Bewegung. Dadurch kann Zander spannende Bezüge herstellen, etwa wie Steiners eigene Schullaufbahn, gute und schlechte Erfahrungen, später in seine Waldorf-Pädagogik eingeflossen sind. Als Historiker hält sich Zander ganz sachlich an die Fakten, weist auf Brüche hin enthält sich aber jeglicher Wertung. Er hat akribisch recherchiert und verweist auf diese Quellen. Trotzdem: Das Buch liest sich ganz wunderbar, ist keine staubige Anhäufung von Jahreszahlen, sondern so faktenreich, dass es schon heute das Zeug zum Klassiker hat.

Als Journalistin weiß auch die Historikerin Miriam Gebhard, wie man flotte Texte formuliert. Allerdings irritiert in ihrer Biografie der nicht immer stringente Aufbau. So beginnt das Buch mit Steiners Tod und springt dann zurück in die Kindheit. Störend ist auch die Art, wie sie Anthroposophen und deren Glaube an eine geistige Welt, die neben Physik, Chemie und Materie bestehen soll, ironisch zu belächeln scheint. Steiner hat Wege gewiesen, wie man diese geistige Welt erkennen kann. Über Meditation zum Beispiel. Er selber meinte, den Weg zur höchsten Erkenntnis, zur höchsten Stufe der übersinnlichen Wahrnehmung bereits gefunden zu haben und deshalb in einem geheimen immateriellen "Buch des Lebens", der Akasha-Chronik, Wahrheiten lesen zu können. Aus heutiger Sicht mag diese Weltanschauung zuweilen kurios klingen, aber das Urteil sollte man dem Leser überlassen.

Ganz anders Heiner Ullrich. Ihm gelingt es, kritisch und nicht polemisch auf die Ambivalenzen in Steiners Leben einzugehen. Als Professor für Erziehungswissenschaft legt er einen besonderen Akzent auf die Waldorf-Pädagogik. Sein mit 262 Seiten vergleichsweise schmales Buch besticht zudem durch die vielen historischen schwarz-weiß Fotografien und Plakataushänge, die einen gelungen Eindruck der Zeit geben, in der Steiner lebte.

Alle drei Bücher bestechen durch die Schilderung des gesellschaftlichen Kontextes, in dem man Steiners Werk lesen muss. Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert empfanden viele Zeitgenossen als rasant modern. Es gab eine große Sinnsuche gerade unter Künstlern und Intellektuellen. Der Glaube an Esoterik, Wiedergeburt und einen höheren Geist war ganz und gar nicht ungewöhnlich. Bekannte Personen der Zeitgeschichte wie Thomas Alva Edison oder Maria Montessori waren Mitglieder spiritueller Gesellschaften. Steiner bediente insofern die Stimmung seiner Zeit, als er bestehende Reform-Ansätze im Grunde zusammengetragen und zuweilen neu zusammen gesetzt hat. Nicht nur das: denn viele Ideen, die dem damaligen Zeitgeist entsprungen sind, haben bis heute ihre Attraktivität nicht verloren. Von der Waldorf-Pädagogik, über die biologisch-dynamische Landwirtschaft bis hin zur ganzheitliche Medizin oder organische Architektur.

Besprochen von Julia Eikmann

Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biografie
Piper, München 2011
535 Seiten, 24,95 Euro

Miriam Gebhardt: Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011
368 Seiten, 22,99 Euro

Heiner Ullrich: Rudolf Steiner. Leben und Lehre
C. H. Beck, München 2010
266 Seiten, 19,95 Euro

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Gesamtkunstwerk oder Rassist