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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.08.2009

Die Grenzen der positiven Diskriminierung

Von Robert B. Goldmann

Barack Obama ist der erste afroamerikanische US-Präsident (AP)
Barack Obama ist der erste afroamerikanische US-Präsident (AP)

Kürzlich entschied der Oberste Gerichtshof in Washington einen Fall, der auch für andere Länder mit ethnischen Minderheiten von Interesse sein könnte. Es ging um die Prüfung einer Gruppe von Feuerwehrleuten und deren Beförderung.

Nur Weiße und ein aus Lateinamerika stammender Kandidat bestanden die Prüfung, aber kein einziger afro-amerikanischer Anwärter kam durch. Daraufhin annullierte die städtische Verwaltung die Prüfung, obwohl die Fragebogen von zuständigen Instanzen anerkannt worden waren.

Die Stadt befürchtete offenbar teure Klagen der Schwarzen. Die Weißen legten Berufung ein, der Oberste Gerichtshof entschied für die Kläger, weil die Annullierung auf rassischer Begründung beruhte, also einen Verstoß gegen die Verfassung darstellt.

Die Politik der "affirmative action", die der Diskriminierung benachteiligter Minderheiten entgegen wirken soll, ist seit ihrer Einführung vor rund einem halben Jahrhundert bei vielen Bürgern und in der öffentlichen Diskussion auf Ablehnung oder zumindest Zweifel gestoßen.

Was bedeutet diese Art politischer Korrektheit für die Gesellschaft? Viele Bürger denken eben nicht "korrekt". Sie fragen sich, wohin Amerika steuert, wenn man bis zum Supreme Court gehen muss, um das zu bekommen, was als verfassungsgemäß, gerecht und fair gilt. Obwohl jetzt mit der Wahl eines afro-amerikanischen Präsidenten bewiesen wurde, dass soziale Gerechtigkeit und politische Moral siegen können, bleibt die Äußerung jener Meinungen degoutant, die nicht mit der quasi-offiziellen übereinstimmen.

Doch es geht um viel mehr als Meinungsfreiheit. Wenn man heute von Minderheiten spricht, meint man damit Afro-Amerikaner und Latinos. Einwanderer aus Europa oder Asien dagegen gelten nicht als Minderheiten, weil sie sich in die aus Einwanderern bestehende amerikanische Gesellschaft integrieren. Sie haben nichts übrig für die "multikulturelle" Gesellschaft, in der man die ethnische Herkunft betont und nicht das Bewusstsein, Bürger im neuen Land zu sein. Und wo offizielle Bekanntmachungen in vier oder fünf Sprachen ausgehängt werden.

Hat sich nun "e pluribus unum" überlebt? Bewegen wir uns auf eine Gesellschaft kultureller Ghettos zu? Angehörige der beiden großen Minderheiten ziehen sich häufig nicht auf äußeren Druck, sondern aus eigenem Antrieb in ihre Parallelgesellschaft zurück. Was dies für die Zukunft bedeutet, zeigen die Schulabschlüsse. Viele der Abiturienten kommen nicht aus diesen beiden Gruppen, sondern aus Asien. Die Redner, die in der Abschlussfeier sprechen, sind oft Inder oder Koreaner, die erst seit kurzer Zeit im Land leben. Sie haben Erfolg, denn ihre Eltern haben sie angehalten, Englisch zu lernen.

Ist nicht dies wahre politische Korrektheit, in der sich die Erfolgsgeschichte von mehr als zwei Jahrhunderten spiegelt? Der Autor dieser Sätze, ein vor siebzig Jahren aus Deutschland eingewanderter Jude, sieht sich als Amerikaner, der die jüdische Religion pflegt, aber von Ghettos und rassischen Vorurteilen mehr als genug hat. So geht es Millionen Einwanderern aus allen Teilen der Welt, die Amerikaner werden wollen und zwei- oder mehrsprachig sind, für die aber Englisch die Umgangssprache ist. Dies sind die Realitäten, auch wenn die "Meinungsmacher" ihrer politischen Mode der "affirmative action" in Kolumnen und auf Cocktail-Partys treu bleiben.



Robert B. Goldmann wurde 1921 als einziger Sohn eines jüdischen Landarztes in einem Odenwalddörfchen geboren. Er machte in Frankfurt am Main Abitur. Kurz darauf verließ die Familie Deutschland und kam 1940 über Großbritannien nach New York. Goldmann schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, um sein Studium zu finanzieren. Er war viele Jahre lang Journalist, bevor er sich sozial- und entwicklungspolitischen Aufgaben in der Dritten Welt widmete und schließlich ein Wegbereiter für die deutsch-jüdische Verständigung wurde. 1996 veröffentlichte er sein vielbeachtetes Buch "Flucht in die Welt", eine Lebens- und Familiengeschichte. Goldmann arbeitete lange für die Anti-Defamation League in New York und publiziert noch immer in amerikanischen und deutschen Medien.

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