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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.07.2013

Die glatten Gesichter der Rechtsextremen

Jünger, moderner und subtiler: Der Front National findet immer mehr Zustimmung bei den Deklassierten

Von Ursula Duplantier

Marion Maréchal-Le Pen, 1989 geborene Politikerin des Front National (dpa / picture alliance / CITYPRESS24)
Marion Maréchal-Le Pen, 1989 geborene Politikerin des Front National (dpa / picture alliance / CITYPRESS24)

Der Front National etabliert sich als drittstärkste politische Kraft in Frankreich. Parteichefin Marine Le Pen hat Erfolg mit einem verschlüsselten Diskurs, der Provokationen meidet. Der neue Stern am rechtsextremen Himmel ist Marion, die Enkelin von FN-Gründer Jean-Marie Le Pen.

Donnerstagabend in Carpentras, eine Kleinstadt im Südosten Frankreichs und seit vergangenem Jahr neue Hochburg des Front National.

In einem großen Saal mit einer Frankreichflagge und Wahlplakaten an den Wänden sitzen gut 20 Männer und einige Frauen um einen runden Tisch. Mehr als zwei Drittel sind mittleren Alters, doch auch ein paar Rentner sind unter ihnen und eine Schülerin.

Auf den Flugblättern ist der Oberkörper eines Mannes zu sehen, der ein Pappschild vor sich hält, auf dem steht: "Hören wir auf mit dem Massaker! Geben wir der Arbeit den Vorrang zurück!" und in fetten Schlagzeilen darüber: "Standortverlagerungen", "französische Industrie im Ruin" und "historische Arbeitslosigkeit".

2000 dieser Flugblätter werden von den Aktivisten des Front National konzentriert und sorgfältig gefaltet. Am Ende des Abends sollen sie in den Briefkästen verteilt werden. Dann ergreift einer der beiden Leiter des Parteibüros das Wort:

Julien Langard ist um die 50 Jahre alt, von Beruf Lehrer für Geschichte und Erkunde an einer Oberschule in Carpentras:

"Der Front National will in allen Gemeinden Frankreichs Listen aufstellen. Im Département Vaucluse könnten wir in allen Städten Listen einreichen, weil wir sehr gute Wahlergebnisse hatten. Im dritten Wahlkreis hat Marion im Durchschnitt 42 Prozent erreicht. Daher wissen wir, dass wir in allen Gemeinden die Fünf-Prozent-Schwelle überschreiten werden."

120 Kilometer weiter südlich, eine trostlose Hochhaussiedlung in Marseille. Weiße Betonblöcke mit bis zu 20 Etagen ragen steil in den dunkelblauen Himmel. Davor ein verwahrloster Sportplatz, mit Müll und einem verbrannten Moped.

Hier wohnen vor allem Familien, die in den 60er- und 70er- Jahren von Afrika kommend nach Marseille eingewandert sind: Maghrebiner, Komoren und Einwohner der Insel Mayotte. Auch die 34-jährige Komorin Noro Issan ist hier groß geworden. Die Frau mit dem bronzefarbenen Teint ist bestürzt darüber, wie sich ihr altes Zuhause in den vergangenen Jahren verändert hat:

"Es gibt hier eine soziale und sich ausweitende Misere. In diesen Hochhausghettos herrscht die größte Arbeitslosigkeit, vor allem unter den Jugendlichen. Es gibt viel Unsicherheit und Kriminalität. So ziehen sich die Bewohner immer mehr auf sich selbst zurück, sie haben Angst vor ihrem Nachbarn, Angst vor dem was passiert, sie haben sogar Angst vor der Jugend im Viertel, weil die sie angreifen könnten."

Gerade hier, wo sich Armut und Arbeitslosigkeit ballen und die verschiedensten Kulturen zusammenleben, verbucht der Front National seine größten Erfolge. Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr erreichte Marine Le Pen in den nördlichen Vierteln von Marseille zwischen 23 und 26 Prozent aller Stimmen. Einwanderer wählen also ausgerechnet die Partei, die Ausländer am liebsten aus der Stadt verbannen möchte, bedauert Noro Issan:

"Viele leiden unter der Ghettoisierung. Man parkt sie in diesen Siedlungen, alle verschiedenen Kulturen miteinander. Sie müssen zusammenleben, kennen sich aber nicht. Wenn es ein Problem gibt, sind die anderen Ausländer schuld. Sie selbst haben vergessen, dass sie Ausländer sind."

Während der Front National mit seinem radikalen Programm gegen Einwanderung, Kriminalität und den Islam, in Marseille und verschiedenen Teilen Südfrankreichs sehr erfolgreich ist, spielen andere rechtsextreme Gruppierungen dort so gut wie keine Rolle.

Ganz im Gegensatz zu Städten wie Lyon und Paris, wo einige rechtsradikale und zum Teil gewalttätige Organisationen wie "Troisième Voie", übersetzt "Dritter Weg", stärker vertreten sind. Generell zählen diese jedoch höchstens einige hundert Mitglieder und verfolgen keine klare politische Linie. Nach der Ermordung eines linksextremen Aktivisten in Paris Mitte Juni, die einer rechtsradikalen Gruppierung zugeordnet wird, hat Premierminister Jean-Marc Ayrault angekündigt, solche rechtsradikalen Organisationen per Dekret zu verbieten, da sie gegen die Werte und Gesetze der Republik verstießen. Der Front National ist dagegen fast schon etabliert und mittlerweile zur drittstärksten Partei in Frankreich aufgestiegen.

Jüngste Abgeordnete im Parlament

In der Kleinstadt Carpentras, in der Parteizentrale des Front National, ist eine zierliche, leger gekleidete Frau mit schulterlangen, blonden Haaren gerade zum Aktionstag der rechtsextremen Partei gestoßen und begrüßt jeden Teilnehmer persönlich. Sie wird herzlich und mit anerkennenden Blicken empfangen.

Es ist Marion, der neue Stern am Himmel der rechtsradikalen Partei. Die Enkelin des ehemaligen Parteiführers Jean-Marie Le Pen ist eine der zwei rechtsextremen Abgeordneten, die bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr in die Nationalversammlung einzogen. Mit nur 23 Jahren ist Marion Maréchal-Le Pen die jüngste Abgeordnete seit Bestehen der französischen Republik.

Seit ihrem 16. Lebensjahr engagiert sie sich für den Front National, auch wenn sie schon mal kurzzeitig für Sarkozy gewesen sei, wie sie zugibt. Ihr Großvater Jean-Marie Le Pen hatte sie dazu überredet, für die Parlamentswahlen zu kandidieren. Ihren ersten Tag in der Nationalversammlung wird sie nicht vergessen.

"Sehr viele Abgeordnete hatten es abgelehnt, mich zu begrüßen, was ich nicht sehr demokratisch fand. Mit der Zeit habe ich mit meinem Kollegen Herrn Collard beschlossen, in einer konstruktiven Opposition zu sein. Wir lehnen es also nicht ab, Texte von der Rechten und der Linken zu wählen, wenn wir meinen, dass sie von allgemeinem Interesse sind. Wir wollen nicht systematisch provozieren und das hat nach und nach Früchte getragen. Anfangs wurden wir nicht beachtet, jetzt kommt es sogar vor, dass manche unsere Änderungsanträge oder sogar Gesetzesentwürfe von uns unterschreiben wollen. Es gibt Abgeordnete der Konservativen, die bei manchen unserer Reden klatschen."

Derweil zieht in Marseille der Spitzenkandidat des Front National, Stéphane Ravier, auf einer belebten Einkaufsstraße von einem Geschäft zum nächsten. Der mit Anzug gekleidete Telekomangestellte ist unterwegs in seinem Wahlkreis, einem Viertel, das von Einwanderern, Hochhaussiedlungen und Kriminalität geprägt ist. Begleitet wird er von einer Handvoll Aktivisten, die den Passanten Flugblätter in die Hand drücken.

Stéphane Ravier fragt eine Obstverkäuferin, ob es Probleme im Viertel gibt und bekommt zur Antwort: "Gewaltige". Der 45-jährige FN-Kandidat deutet auf das Flugblatt in seinen Händen, auf dem in großen Lettern steht "Explosion der Raubüberfälle in unserer Region", und wettert gemeinsam mit der Verkäuferin darüber, dass der Innenminister Manuel Valls wohl mehr im Fernsehen als im wirklichen Leben aktiv sei.

Der Schuster nebenan fragt ihn kurz darauf mit leichtem ausländischem Akzent, wo denn die Polizisten seien. Stéphane Ravier antwortet wieder ironisch mit: "Im Fernsehen".

Der Schuster erzählt, dass sein Sohn und eine Frau in seinem Wohngebäude überfallen worden seien und es eigentlich jeden Tag solche Überfälle geben würde.

"Das Lumpenpack ist nur durch unsere Schwäche stark", entgegnet Ravier. "Sie wissen, dass ihnen nichts passieren wird. Selbst wenn sie festgenommen werden, sind sie zwei Stunden später wieder draußen. Man muss ihnen die Ohren langziehen, sehr lang."

Eine Gruppe von alten Männern beklagt sich bei ihm, dass ihre Rente gekürzt wurde und sie nicht genug zum Leben hätten. Sie geben das Geld den Ausländern, sagt einer der Rentner und ein Freund wirft ein:

""Sie müssen einfach die Einwanderer zu sich nach Hause zurückschicken. Hier gibt es nur Überfälle, man kann keinen Schmuck mehr tragen. Mit meinen 80 Jahren habe ich immer nur gesehen, dass keine Partei etwas verbessern konnte. Jetzt beziehe ich eine miserable Rente."

Während seiner dreistündigen Tour durch kleine Läden und Frisörsalons wird der Spitzenkandidat des Front National durchweg freundlich und sogar manchmal herzlich empfangen. Viele kennen ihn und erzählen ihm bereitwillig ihre Sorgen.

Geschickt greift Stéphane Ravier die Sorgen der Marseiller auf, schimpft mit ihnen auf die Inkompetenz der Politiker und verspricht ihnen ein konsequentes Durchgreifen wie härtere Strafen für Kriminelle, den Ausbau der Gefängnisse und das Zurückschicken von straffälligen Ausländern in ihr Heimatland. Eine "tolérance zéro", "null Toleranz", wie es in fetten Buchstaben auf dem Flugblatt steht.

Diese Parolen treffen auf offene Ohren in einer der ärmsten Städte Frankreichs, die immer wieder mit Überfällen, Morden und Drogenhandel von sich reden macht. Hier lebt jede dritte Familie unter der Armutsschwelle. Für viele Marseiller scheint daher der Front National mit seinem radikalen Programm gegen die Einwanderung, die Kriminalität und die Globalisierung der einzige Ausweg. Hier, in Südfrankreich, kommen seine Wähler vor allem aus der unteren Mittelschicht der kleinen Unternehmer, aber auch sozial höhere Schichten sympatisieren immer mehr mit der rechtsextremen Partei. Sie finden dort einfache Lösungen für die vielen Konflikte in der Stadt, erklärt der Marseiller Soziologe Jean Viard.

"Da ist natürlich die Arbeitslosigkeit, das Gemisch der Kulturen in dieser Stadt und das Problem mit ehemaligen Kolonien wie Algerien. Außerdem gibt es hier Korruption und eine politische Klasse, die veraltet ist und Vetternwirtschaft betreibt. Die Wahl des Front National ist aber auch eine identitätsstiftende Wahl, von denen die sagen möchten: Ich bin Franzose. Vor allem in einer Stadt, die an der Landesgrenze zum Mittelmeer liegt. Besonders Einwanderer, denen man es nicht direkt ansieht, wollen damit beweisen, dass sie zu Frankreich gehören."

Projektion auf den Sündenbock Einwanderer

Armut, Arbeitslosigkeit und die Konkurrenz aus dem Ausland, das sind auch im südöstlichen Département Vaucluse alltägliche Themen.

Weite Gemüse- und Obstplantagen erstrecken sich neben Weinbergen und Lavendelfeldern kilometerweit über das Land. Dazwischen verschlafene provenzalische Dörfer und Einkaufszonen. Die von der Landwirtschaft und dem Export von Obst und Gemüse lebende Region hat besonders unter der Öffnung der europäischen Agrarmärkte gelitten und konnte sich noch keine neuen bedeutenden Einkommensquellen erschließen. In den vergangenen Jahren ist dort die Arbeitslosigkeit stetig gestiegen und liegt heute bei 13 Prozent.

Gerade in solchen wirtschaftlich schwachen Gebieten, wo die sozialen Spannungen besonders hoch sind, sind die Rechtsextremen besonders erfolgreich, hat der Soziologe Joël Gombin in seiner Dissertation über den Front National herausgefunden:

"Die Wahl des Front National antwortet immer auf eine Situation des Unwohlseins, in der man den Eindruck hat, dass die Sachen nicht mehr rund laufen, dass man ungerecht behandelt bedroht wird. Die Wahl der Rechten zeigt dabei vor allem die Unfähigkeit der anderen politischen Parteien, in ihrem Diskurs die schwierigen Lebensumstände der Menschen zu berücksichtigen. Sie schaffen es nicht, die Probleme begreifbar zu machen, ihnen Sinn zu geben und Perspektiven aufzuzeigen. Die Wahl des Front National, mit der die Einwanderung abgelehnt wird, ermöglicht es auf gewisse Weise, mit der Projektion auf den Sündenbock Einwanderer, den Problemen im Alltag Sinn zu geben."

So erklärt sich auch der Erfolg der bis dahin im Vaucluse unbekannten Jurastudentin Marion Maréchal. Sie versteht es, sich an die Menschen zu wenden. Dabei fährt sie, wie ihre 45-jährige Tante Marine Le Pen an der Parteispitze, nicht mehr den harten Konfrontationskurs. Während der ehemalige FN-Chef Jean-Marie Le Pen gerne provozierte, indem er beispielsweise den Holocaust und die Nazivergangenheit herunterspielte, betont die neue Führung unentwegt, nicht rassistisch oder gegen den Islam zu sein, sondern vielmehr gegen die Folgen, die aus der Einwanderung entstünden:

"Marine Le Pen möchte eine Strategie aufbauen, die ihr den Zugang zur Macht verschafft. Das passiert einerseits durch ein Glätten ihrer Rede - bezogen auf den Sprachstil ihres Vaters. Sie hat ihre Rede von allen provozierenden Elementen befreit und von allem, was aus dem politischen, republikanischen Konsens fällt. Daher kommt auch die Strategie des heutigen Front National, einige große Themen aufzugreifen, die zum allgemeinen Erbe der Republik gehören, wie zum Beispiel die Trennung von Staat und Kirche, die Verteidigung der Rechte der Frauen und so weiter."

Es ist ein verschlüsselter, subtiler Diskurs, der für eine neue Generation des Front National steht. Sie ist mit dieser Strategie sehr erfolgreich: denn dadurch werden auch die Sympatisanten gewonnen, die vorher noch zögerten, eine rechtsextreme Partei zu wählen. Dabei hat sich an den Überzeugungen des Front National nicht viel geändert: Sie sind ausländerfeindlich eingestellt, zum Feindbild gehören die Moslems und die Europäische Union mit ihren offenen Grenzen.

Besonders radikal gesinnte Mitglieder sind jedoch aufgrund dieser weichgespülten, offiziellen Orientierung mittlerweile ausgetreten, da ihnen der Front National nun zu angepasst erscheint.

Weltzeit

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