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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 24.03.2007

Die Gicht - Sinnbild der Völlerei

Wenn es eine ernährungsbedingte Krankheit par excellence gibt, dann sicher die Gicht. Seit Jahrtausenden gilt sie als Beweis für die schlimmen Folgen der Völlerei und Maßlosigkeit und natürlich gleichermaßen als Strafe für den Konsum von Braten und Wein oder von Fleisch und Alkohol, wie wir heute sagen. Eine typische Wohlstandskrankheit, die vor allem früher die Besitzenden traf. Heute leiden in Europa etwa 3 Prozent der Männer und 0,6 Prozent der Frauen an Gicht.

Ursache ist nach heutiger Auffassung ein Überschuss an Harnsäure, die auskristallisiert und dann in den Gelenken zu erheblichen Schmerzen führt. Da Harnsäure aus bestimmten Lebensmittelbestandteilen, den so genannten Purinen, gebildet wird, liegt ein Zusammenhang mit der Ernährung nahe. Purine liefern beispielsweise Innereien, Alkohol hingegen bremst ihre Ausscheidung durch die Niere. Dass vor allem der große Zeh gichtisch wird, wird damit erklärt, dass die Löslichkeit der Harnsäure in der Kälte geringer als in der Wärme ist. Im kalten Zeh kristallisiert sie eben aus.

Und was ist das Problem? Die Gicht weiß noch nichts von der Theorie. Gichtanfälle sind beispielsweise im kalten Winter viel seltener als im Frühjahr. Man kann schmerzende Stellen recht gut mit Eis behandeln – aber nicht mit Hitze, die angeblich die Kristalle zur Auflösung bringt. Noch schlimmer: Fasten sowie körperliche Arbeit beziehungsweise Sport bewirken einen Anstieg der Harnsäure im Blut, fördert also die Gicht. Also genau das Gegenteil der Theorie. Demnach müsste Bequemlichkeit und Völlerei vor der Krankheit schützen. Zudem ist unter den Nahrungsmitteln nicht so sehr das böse Fleisch Lieferant von Purinen, sondern das gesunde, junge Gemüse und Hülsenfrüchte. Die großen Studien fanden den erhofften Zusammenhang mit Fleisch und Alkohol denn auch nur selten.

Ursachen: Woher kommt dann die jahrhundertealte Behauptung, Alkohol, namentlich Portwein und Whisky begünstigen Gicht? Der Grund ist reichlich simpel. Wein, vor allem Port, enthielt bis ins 19. Jahrhundert Bleizusätze, die auch in schlechten Jahren für eine angenehme Süße sorgten. Blei, das entweder in Form von Bleiacetat ("Bleizucker") zugesetzt wurde oder durch die Benutzung von Bleiapparaturen in den Wein gelangte, schädigt die Nieren. Wer sich Zeit seines Lebens Port leisten konnte, der litt später an Gicht. Gleichermaßen haben auch die hohen Bleigehalte in Whisky durch Schwarzbrennen mit ungeeigneten Materialien oder durch Aufbewahren in Bleikristall-Karaffen ihren Beitrag zur Entstehung der Gicht geliefert. Man spricht deshalb auch von der "Bleigicht". Daher die Vorstellung einer Wohlstandskrankheit, von der die Armen verschont blieben.

Neben Blei können auch Beryllium, Benzoesäure sowie einige Schimmelgifte die Ausscheidung der Harnsäure hemmen. Ähnlich wirken Medikamente, vor allem Diuretika, aber auch Acetylsalicylsäure oder Vitamine wie B12. Ein Missbrauch von Abführmitteln kann Gicht provozieren.

Dabei dürfen wir nicht den wichtigsten Faktor aus den Augen verlieren: die Erbanlagen. Heute weiß man, dass die wichtigste Ursache der Gicht eine erblich bedingte verminderte Ausscheidung der Harnsäure darstellt. Kommen dazu Belastungen wie Blei, Abführmittel oder Acetylsalicylsäure, dann sind erhöhte Harnsäurespiegel die Folge und unter Umständen sogar die Gicht. Wobei die genaue Ursache bis heute unklar ist. So entwickeln nur fünf Prozent der Patienten mit hohen Harnsäurewerten tatsächlich eine Gicht. Andererseits gibt es Gicht auch bei völlig normalen Werten.

Was bringt dann eine Diät? Weil die Krankheit angeblich von der Völlerei kommt, wird den Patienten eine strenge Diät verordnet. Sie ist allerdings nur eingeschränkt wirksam. (So wird in den einschlägigen Fachpublikationen denn auch freimütig eingestanden: "Diet has received attention, though most dietary effects are small".) Seit langem gilt die medikamentöse Behandlung als weitaus wirksamer. Warum sind Gichtdiäten dennoch so populär? Ein einschlägiges medizinisches Lehrbuch, bestätigt zunächst, dass Medikamente wie Allopurinol ausgezeichnet wirken. Daraus folgt "Auf Diätvorschriften könnte demnach theoretisch völlig verzichtet werden, was therapeutisch aber sicher nicht klug ist»!

Wofür ist die Harnsäure gut? Entgegen den ernährungsmedizinischen Warnungen kann ein hoher Harnsäurespiegel auch von Nutzen sein. Es bremst die Entstehung von Multipler Sklerose (MS) und anderen neurodegenerativen Erkrankungen. In Tierversuchen schützte die Harnsäure das Zentrale Nervensystem vor Entzündungen und Virusinfektionen. Nicht zuletzt wirkt Harnsäure bei Rückenmarksverletzungen protektiv. Ferner fand man in einer über neun Jahre laufenden prospektiven Kohortenstudie mit annähernd 8000 Holländern, dass Harnsäure vor Parkinson schützt.

Fazit: Die Gicht wird verursacht durch erbliche Enzymdefekte und durch Nierenschädigung verstärkt. Bei der Nierenschädigung spielen Arzneimittel (Diuretika) und Gifte (Blei) die Hauptrolle. Der Anteil der Ernährung ist gering, die Wirksamkeit von Gicht-Diäten ebenso. Selbst wenn die Fachwelt verbissen gegen die Harnsäure im Blut kämpft, sollte sie nicht vergessen, dass diesem Stoff eine Reihe wichtiger Funktionen obliegt und sogar vor anderen Krankheiten insbesondere neurologischer Art schützen kann.

Quelle:
Krüll J: Gichtdiät: Sinn und Unsinn purinarmer Kost. EU.L.E.nSpiegel 2006 / H.6 / S.7-10

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