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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 02.09.2008

Die gewendeten 68er

Von Dimitrios Kisoudis

Studentenführer Rudi Dutschke bei einer Demonstrationin Berlin  im April 1968. (AP Archiv)
Studentenführer Rudi Dutschke bei einer Demonstrationin Berlin im April 1968. (AP Archiv)

Von der Revolution zur Gegenrevolution überzulaufen, hat eine lange Tradition. Vor der Französischen Revolution gab es kaum erklärte Anhänger des "Ancien Regime". Die erbittertsten Revolutionsgegner bezogen ihre Stellung erst unter dem Eindruck der revolutionären Gräuel.

Selbst Joseph de Maistre, der Prototyp des Gegenrevolutionärs, begrüßte die Revolution zunächst. Es überrascht also nicht, wenn auch einige 68er der Kulturrevolution abtrünnig geworden sind. Doch haben sie sich tatsächlich von ihrer Vergangenheit gelöst?

Wenn sich die Kritik an der Revolution auf eine Parole bringen lässt, dann ist es das paradiesische Versprechen der Schlange: "Ihr werdet sein wie Gott!" Diese Parole hielten Revolutionsgegner, vom Schweizer Physiognomen Lavater über den spanischen Diplomaten Donoso Cortés bis zum Strauß-Berater Hans Graf Huyn, den revolutionären Versuchen entgegen, eine politische Ordnung nur auf die Kräfte des Menschen zu gründen.

In diese Tradition hat sich neulich Dutschkes Doktorvater, der Sozialphilosoph Peter Furth eingereiht. In einem Interview mit der FAZ rät er davon ab, Churchills Satz zu folgen: "Wer mit zwanzig nicht links ist, hat kein Herz." Denn links zu sein sei, so Furth, "immer anmaßend".

Während '68 in einer Welle der Nostalgie gefeiert wird, treten die 68er im Büßergewand auf und widerrufen. Selbst ein Götz Aly, des Konservatismus unverdächtig, findet für seine Erinnerungen an damals nur den kokett-anklagenden Titel "Unser Kampf" Inzwischen gibt es mehr Renegaten als bekennende Altachtundsechziger.

Früher konnte Jürgen Habermas den heimgekehrten Kuba-Asylanten Günter Maschke noch als "einzigen echten Renegaten der 68er-Bewegung" bezeichnen. Maschke bekehrte sich bei Carl Schmitt und erschloss viele Werke der konservativen Klassiker für den deutschen Leser. Zusammen mit Horst Mahler und Reinhold Oberlercher, ehemaligen Mitstreitern im SDS, gab er vor zehn Jahren eine "Kanonische Erklärung zur Bewegung von 1968" ab. Darin sollte '68 als nationale Revolution kanonisiert und neben die deutsche Revolution von 1848 gestellt werden.

Zu dieser Zeit wurde Mahler auch von einem angesehenen Konservativen wie Günter Rohrmoser noch als nationaler Christ wahrgenommen. Wie sehr sich Rohrmoser täuschte, sollten erst die nächsten Jahre zeigen. Mahler, einst Gründer der RAF, ließ den revolutionären Nationalismus für immer krudere Formen des Nationalsozialismus hinter sich. Für Mahler ist Adolf Hitler der Erlöser des deutschen Volkes, für seinen früheren Klienten Rainer Langhans ist Hitler der spirituelle Lehrer Deutschlands.

Hier sind keine Renegaten am Werk, sondern Provokateure. Die international-sozialistische Revolution wird als nationale weitergespielt. Wer als 68er nicht widerrufen will, ist gezwungen, sich neu zu kostümieren. Und wie damals das Kommunistenkostüm, wird er mit sicherem Griff die schockierendste Verkleidung für die heutige Zeit finden.

Sollte '68 überhaupt eine politische Erscheinung gewesen sein, dann war es eine Übersteigerung politischer Romantik, eine Selbstbespiegelung in den Ereignissen der Zeit. Frank Böckelmann, Gründungsmitglied der "Subversiven Aktion", hat den Einfluss des "Situationismus" auf die Studentenbewegung betont: Ob Vietnam-Krieg oder Schah-Besuch, der Mord an Benno Ohnesorg oder der Mord-Versuch an Rudi Dutschke - all diese Ereignisse dienten der Bewegung nur zum Anlass, zum Anlass für die Inszenierung von Empörung.

Erkennungsmarke der 68er ist das Missverhältnis zum Politischen, ihre Paradefigur der Langhans. Sein Joke, das Private sei das eigentlich Politische, sollte sich durchsetzen und mit dem Siegeszug der 68er zur Politisierung des Privatlebens führen.

Dagegen war Dutschke in seiner Ernsthaftigkeit und seinem öffentlichen Engagement für Deutschland sicher eine Ausnahmeerscheinung der 68er. Er sah sich in der Nachfolge radikaler Protestanten wie Thomas Müntzer. Bernd Rabehl, Dutschkes Kampfgefährte, pflegt heute das Andenken seines Freundes als das eines Nationalrevolutionärs, wie etwa Ernst Jünger oder Ernst Niekisch es gewesen sind.

Wo stünde Dutschke heute wohl? Müßig, solche Fragen zu stellen. 68 hat ein anmaßendes Gesicht, auch wenn seine Revolution nur eine Gebärde war.

Dimitrios Kisoudis, Publizist (privat)Dimitrios Kisoudis, Publizist (privat)Dimitrios Kisoudis, Publizist, geboren 1981, studierte Historische Anthropologie, Germanistik und Hispanistik in Freiburg. Er arbeitet in der Dokumentarfilmproduktion und beschäftigt sich mit Ideologien in Geschichte und Gegenwart. Letzte Buchveröffentlichung: "Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche".

Politisches Feuilleton

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