Seit 00:05 Uhr Literatur
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 00:05 Uhr Literatur
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.01.2015

Die getöteten Zeichner von Charlie HebdoSie hinterlassen eine Leere

Von Kathrin Hondl

Georges Wolinski und Bernard Verlhac (picture alliance / dpa / Foto: Vincent Isore und Tim Somerset)
Die ermordeten französischen Zeichner Georges Wolinski und Bernard Verlhac (Tignous) (picture alliance / dpa / Foto: Vincent Isore und Tim Somerset)

Wolinski, Tignous, Charb und Cabu waren mit die beliebtesten Comic-Zeichner Frankreichs. Der Journalist Philippe Val beschreibt ihren Tod mit den Worten, das wäre so, als wenn im 19. Jahrhundert auf einen Schlag Zola, Hugo und Stendhal ermordet worden wären.

Charb, Cabu, Wolinski, Tignous, Honoré – fünf der bekanntesten und beliebtesten Comic-Zeichner Frankreichs sind tot. Fünf, die mit ihren Zeichnungen, Karikaturen und Comics Generationen von Französinnen und Franzosen kritisch und spöttisch begleitet haben. Die über Jahrzehnte Popkultur und politische Meinungsbildung in Frankreich prägten. Fünf Zeichner, über die Philippe Val, der frühere Chefredakteur von Charlie Hebdo, in einem sehr bewegenden Radiointerview sagte:

"Sie hinterlassen ein Loch, eine nicht wieder auszufüllende Leere. Stellen Sie sich vor, man hätte im 19. Jahrhundert auf einen Schlag Zola, Hugo, Stendhal, Flaubert ermordet. Was uns dann heute fehlen würde. Genau das ist jetzt passiert."

Wolinskis letztes Werk im Boulevardmagazin Paris Match

Mit seinen 80 Jahren war Georges Wolinski nicht nur der älteste, sondern auch bekannteste der ermordeten Charlie Hebdo-Zeichner. Die französische Nationalbibliothek widmete ihm vor zwei Jahren eine umfassende Retrospektive, der Staatspräsident verlieh ihm den Orden der Ehrenlegion. Seine oft mit kurvigen Frauenkörpern garnierten Zeichnungen und Karikaturen waren in mehr als 40 Zeitungen zu sehen. Wolinskis letztes Werk erscheint heute im Boulevardmagazin Paris Match: Francois Hollande, wie er Motorrad fahrend mit Angela Merkel am Telefon über Griechenlands Zukunft streitet und auf einen Abgrund zurast.

Georges Wolinski: "Humor bedeutet, dass kein Thema tabu ist. Man darf vor nichts zurückweichen. Außer vor der Boshaftigkeit. Wir sind grausam, aber nicht böse."

Grausam aber nicht böse, dafür ziemlich komisch ist auch eines der letzten Bilder von Cabu – erschienen im Canard enchainé, der anderen großen französischen Satirezeitung: "71 % der Franzosen sind pessimistisch", heißt es da, zu sehen sind Frankreichs Bestsellerautoren Houellebecq und Zemour großartig griesgrämig karikiert mit ihren Erfolgstiteln "Unterwerfung" und "Der französische Selbstmord".

Cabu war nicht nur ein begnadeter Karikaturist, sondern auch der Vater legendärer französischer Comicfiguren: Grand Duduche, ein schluffiger Gymnasiast, den er in den 60er Jahren erfand, oder die "nouveaux beaufs" – die "neuen Spießer" mit Dreitage-Bart und Pferdeschwanz, denen er jede Woche sarkastische Kurzcomics widmete.

Ein Verfechter der Meinungs- und Pressefreiheit

Ein Star unter den Zeichnern war auch Charb alias Stéphane Charbonnier, 47 Jahre alt, Chefredakteur von Charlie Hebdo und ein vehementer Verfechter der Kunst- Meinungs- und Pressefreiheit. Der Hass radikaler Islamisten galt vor allem ihm, der sich von den Anschlägen und Morddrohungen der Vergangenheit nicht beirren ließ und das immer wieder Recht auf satirische Behandlung für alle einforderte – auch für den Islam.

Stéphane Charbonnier und Jean Cabut (picture alliance / dpa / Foto: Yoan Valat und Philippe Pauchet)Die ermordeten französischen Zeichner Stéphane Charbonnier (Charb) und Jean Cabut (Cabu) (picture alliance / dpa / Foto: Yoan Valat und Philippe Pauchet)

Stéphane Charbonnier: "Man kann über den Islam lachen, und Muslime können auch über sich selbst lachen. Wenn man sie aber immer als Humor-Behinderte betrachtet, tut man dem Islam in Frankreich keinen Gefallen, sondern nur den Extremisten. Wenn man meint, dass alle Muslime wie Extremisten reagieren werden."

Selbstbewusst und frech wie Charb waren auch seine Kollegen Tignous und Honoré. Auf einer Zeichnung von Tignous stehen zwei Männer: Ein bärtiger Islamist bereit zum Attentat mit umgegürteten Sprengsätzen und ein harmlos aussehender Kerl, der sich Bleistifte um den Bauch geschnallt hat. "Extremist!" knurrt der Islamist den Zeichner mit der Bleistiftwaffe an.

Am Mittwoch kurz vor halb 12, kurz bevor die Mörder ihr Massaker begannen, veröffentlichte Honoré auf Twitter sein letztes Bild: Zu sehen ist der IS-Terrorchef Al Baghdadi beim Neujahrsgruß mit den Worten "Und vor allem Gesundheit!"

Mehr zum Thema:

Nach Anschlag auf "Charlie Hebdo" - "Islamisierung" bleibt ein polemischer Einwurf
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 09.01.2015)

Anschlag auf Charlie Hebdo - Medien sind Zielscheiben in brüchigen Gesellschaften
(Deutschlandradio Kultur, Kommentar, 08.01.2015)

Nach dem Anschlag gegen "Charlie Hebdo" - "Gegen Irre können Sie sich nicht wehren"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 08.01.2015)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsWeniger lesen ist mehr
Eine Frau sitzt zwischen Säulen und liest ein Buch. (dpa / picture alliance / Paul Zinken)

Der Schweizer Schriftsteller plädiert in der "Neuen Züricher Zeitung" für gründlicheres Lesen. Statt schnell viele Bücher zu konsumieren, sei es sinnvoll, ein gutes Buch lieber doppelt zu lesen. Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Erdbeben in ItalienItalienische Bausünden und die Folgen
Feuerwehrleute untersuchen ein beschädigtes Gebäude in Amatrice. (AFP/ Andreas Solaro)

Durch das Erdbeben rund um den italienischen Ort Amatrice sind Hunderte historischer Bauten beschädigt worden. Das größte Problem beim Wiederaufbau seien die geringen Informationen über die Bausubstanz, sagt Architekturhistoriker Marco de Michelis.Mehr

Visual Lead AwardsMit Fotografien neue Erzählformen finden
Die Deichtorhallen präsentieren vom 27. August bis 30. Oktober 2016 alle Nominierten und Gewinner des Visual Lead Awards. (Tamara Göbel)

Auch in diesem Jahr werden in den Hamburger Deichtorhallen die Nominierten und Gewinner der Visual Lead Awards ausgestellt: Die besten Fotoreportagen, Anzeigen und Websites, die 2015 in Deutschland erschienen sind. Einige findet unsere Autorin herausragend. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur