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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 20.10.2013

Die Geschichte eines Ausbruchsversuchs

Caroline Link über ihren neuen Film "Exit Marrakech"

Moderation: Susanne Burg

Regisseurin Caroline Link (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
Regisseurin Caroline Link (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)

In "Exit Marrakech" beschreibt Caroline Link das Auf und Ab einer Vater-Sohn-Beziehung. Wieder einmal erzählt die Regisseurin eine Familiengeschichte. Für sie sei die Familie "Ursprung aller Komplexe, Traumata und Sehnsüchte", aber auch des Trostes und der Geborgenheit.

Susanne Burg: In dem Film sagt der Vater, Heinrich, an einer Stelle zu seinem Sohn Ben, der Geschichten schreibt: Man muss über das schreiben, was einen interessiert. Frau Link, was interessiert Sie an dieser Vater-Sohn-Geschichte?

Caroline Link: Verschiedene Punkte. Es ist ja nicht nur eine Vater-Sohn-Geschichte, es ist auch die Geschichte einer Reise, eines Ausbruchsversuchs. Mich interessiert dieses Land, diese Welt, mich interessieren Kinder, die in getrennten Verhältnissen aufwachsen. Ich habe in meinem Umfeld unglaublich viele junge Männer, die ich mit Interesse beobachte, die mit ihren Müttern aufgewachsen sind und unter einem starken weiblichen oder von einem starken weiblichen Blick auf die Welt oder Sicht auf die Dinge geprägt sind. Und ich denke mir dann immer: Okay, das sind Jungs, die gefallen mir, die sind sehr emotional, intelligent, die sind sehr sensibel, das sind eigentlich diese jungen Männer, von denen man früher so geträumt hat, auf der anderen Seite tragen die aber auch so eine große Bürde mit sich auf ihren Schultern, denke ich mal, weil sie zu einer bedingungslosen Loyalität ihren Müttern gegenüber fast verdonnert sind und es da keine Möglichkeiten für die gibt, sich auch 'mal zu wehren.

Außerdem wollen die natürlich auch verstehen, wer sie selber sind, und sind so auf der Suche nach ihrer zweiten genetischen Hälfte und haben oft wenig Kontakt oder nicht genug Kontakt zu ihren Vätern. Also was passiert mit diesen jungen Männern, die ohne Väter aufwachsen, ohne männliche Rollenvorbilder sozusagen? Das fand ich irgendwie eine interessante Konstellation. Wie geht man dann miteinander um, wenn man dann Zeit verbringen muss mit diesem Vater, den man eigentlich überhaupt nicht kennt? Aber eben auch das Land Marokko, was mir viel bedeutet hat durch eine Reise, die ich vor langer Zeit mal dahin gemacht habe, und diese sehr fremde Welt, in die man eintaucht und die einen in so einen Ausnahmezustand versetzt.

Burg: Bleiben wir mal noch einen Augenblick bei dieser Vater-Sohn-Konstellation: Die gehen dann da auf diese Reise gemeinsam, müssen sich wirklich erst mal kennenlernen, und Ben ist ja nun schon fast volljährig, als er eigentlich so das erste Mal seit ganz, ganz langer Zeit wieder Zeit mit seinem Vater verbringt.

Link: Ja.

""Eine große Gabe und Kraft, wenn man als Mensch verzeihen kann.""

Burg:
Kann man denn guter Vater sein, wenn man sich erst mit der Volljährigkeit eigentlich in die Erziehung einschaltet?

Link: Na ja, gut, also dann ist ein Trauma wahrscheinlich schon vorprogrammiert, weil man als Kind natürlich auch wissen möchte: Warum interessiert sich dieser abwesende Vater nicht für mich? Bin ich so uninteressant, liegt es an mir? Oder: Kinder beziehen das ja oft dann auf sich selber. Und da hat man dann natürlich schon einiges ziemlich falsch gemacht, würde ich 'mal sagen. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine große Gabe und Kraft, wenn man als Mensch verzeihen kann, und ich glaube, wenn der Ben die menschliche Größe hätte, zu sehen, dass sein Vater es jetzt wirklich anders machen will, dann wäre das natürlich schön. Aber es ist natürlich nicht so einfach.

Also ich weiß auch nicht, ob es mir gelingen würde, wenn mich jemand - wie ich das dann empfinden würde - 17 Jahre im Stich gelassen hätte. Interessant ist dann, fand ich, auch noch: Wie geht es der Mutter damit? Ich sehe jetzt, wenn ich den Film zeige, dass dann manchmal die Leute sagen: "Ach, warum ist die denn dann am Ende noch so zickig, und die könnte sich doch jetzt freuen, dass er jetzt mal da ist, der Vater." Und da kann ich nur sagen, also als Mutter selber: Ich würde sehr gut verstehen können, wenn diese Frau sagt: "Du, für mich ist das jetzt zu spät, du warst 16 Jahre nicht, 17 Jahre nicht da, jetzt brauchst du auch nicht mehr kommen." Also dass die hart ist im Herzen, das kann ich sehr gut verstehen. Bei dem Jungen wünscht man sich sehr, dass er seinen Vater irgendwie noch in sein Leben reinlässt.

Burg: Bei Ihnen sind ja in den Filmen Vaterfiguren sehr wichtig. Es geht viel um die Anerkennung durch die väterliche Instanz. In "Jenseits der Stille" will die Klarinettistin Lara unbedingt wieder Nähe herstellen zu ihrem Vater, "Im Winter ein Jahr" gibt es eine ähnliche Annäherung zwischen der jungen Lilli und dem Portraitmaler Max. Über Heinrich und Ben haben wir jetzt schon gesprochen. Warum diese Faszination mit Vaterfiguren?

Link: Hm, wenn man das immer so wüsste. Da müsste ich jetzt wahrscheinlich 'mal zu einem Therapeuten gehen, der mir das erklärt, was bei mir das Thema ist. Ich hatte einen sehr dominanten Vater, der leider gestorben ist vor einigen Jahren, zu dem ich eine große Nähe hatte, aber auch immer in extremer Reibung war, der mich schon immer auch sehr provoziert hat, beziehungsweise: ich ihn, wahrscheinlich. Trotzdem habe ich in keinem Moment daran gezweifelt, dass er mich und meine Schwester sehr liebt und dass er uns sehr verbunden ist. Ich weiß nicht, es ist vielleicht nicht unbedingt nur das Thema Vater, sondern diese Familienkonstellationen an sich, die mich interessieren, weil es einfach die Menschen sind, die einem am wehesten tun können und die einem aber auch trotzdem am nächsten sind und in dem Wunsch sozusagen, nicht alleine zu sein auf der Welt, ist Familie immer das, was mir zuerst einfällt, als Ursprung aller Komplexe, Traumata, Sehnsüchte und auch des Trostes, der Nähe und der Geborgenheit. Das ist einfach das Thema, was mich anscheinend beschäftigt.

Burg: Die Regisseurin Caroline Link ist zu Gast im Deutschlandradio Kultur und wir sprechen über ihren neuen Film "Exit Marrakech". Frau Link, wir haben ja jetzt noch gar nicht über den Ort gesprochen, an dem dieser Film spielt, nämlich in Marrakech in Marokko. Eingangs sieht man sehr viele Bilder von Marrakech, einen Basar, sehr trubelig, man sieht Hühner. Was für ein Bild der arabischen Welt wollten Sie schaffen?

Link: Ich wollte vor allem einfach 'mal gucken, was da ist. Ich bin nicht nach Marokko gefahren, auch nicht in der Recherchezeit und auch nicht in der Drehbuchphase, um da irgendwelche Ideen oder Vorurteile bestätigt zu finden. Ich habe mich gar nicht primär für die politische Situation interessiert. Ich wollte gerne und habe mich sehr gefreut zu entdecken, dass das Weltbild der Menschen dort tatsächlich anders ist als unser Weltbild. Also sie denken wesentlich weniger individualistisch, sie denken viel mehr in ihrer Community, also in ihrer Familie, in ihrem Clan, in ihrer Dorfgemeinschaft, in ihrer Gruppe. Das finde ich sehr auffällig. Die Menschen sind extrem zugewandt und hilfsbereit, fassen sich ständig an, sind sehr nah sich, es ist ein großer Wert, die Beziehung zu dem Nächsten, zu den Nächsten. Es gab ganz viel, was mich da ganz positiv überrascht und beeindruckt hat, und das wollte ich dann auch so wiedergeben und erzählen. Ich habe nicht irgendeine Message, die ich vor mir hergetragen habe. Eigentlich.

""Es ist ja nicht so, dass man Marokko irgendwie beschützen muss.""

Burg: Da gibt es eine Szene, in der der Sohn mit seiner Kamera loszieht durch Marrakech, will Fotos machen, und er gerät dann in eine Gruppe von Straßenjungs, die ihn so umkreisen. Er gibt ihnen dann das T-Shirt von sich und auch eine Jacke. Und da ist so ein bisschen so ein Moment der Gefahr - was machen die Jungs jetzt? Aber sie geben ihm am Ende dann die Kamera zurück. Wäre auch denkbar gewesen, dass die ihm die einfach geklaut hätten. Es gibt mehrere solcher Szenen, wo die Marokkaner dann eigentlich nichts Böses im Schilde führen, sondern ehrlich sind. Warum haben Sie dieses Bild von Marokko gezeigt? Hatten Sie Sorge, dass Marokko zu schlecht wegkommen könnte?

Link: Nein, da habe ich überhaupt keine Sorge. Es ist ja nicht so, dass man Marokko irgendwie beschützen muss. In den allermeisten Fällen gehen ja solche Geschichten auch tatsächlich gut aus. Als ich vor 22 Jahren mit dem Dominik diese Reise, mit meinem Mann, damals frisch verliebten neuen Freund sozusagen durch Marokko gemacht habe, haben wir uns in unserem Liebesrausch auch in Situationen begeben, die zum Teil naiv waren, so wie der Ben in diese Gruppe von Jungs da reinläuft, Straßenjungs, und dem einen, der nun wirklich aussieht wie ein kleiner Gauner, seinen Fotoapparat in die Hand drückt.

Also - denkt man als Zuschauer - ganz schön blöd! Wir haben diese gleichen Sachen gemacht, die gleichen Fehler gemacht, wir sind mit irgendwelchen dubiosen Gestalten zu irgendwelchen Lagerfeuer-Festen an den Strand gefahren, und da hätten die uns auch um die Ecke bringen können oder uns zumindest die Brieftasche klauen können, ist aber nie passiert. Wir haben geredet, wir haben mit denen gegessen und hatten eine unglaubliche Zeit, und es waren Erlebnisse, die ich wirklich nie vergessen werde. Wenn man jung ist und wenn man ein Stück weit naiv ist, passieren einem solche Dinge, die man dann später ... Jetzt, ich mit fast 50 würde das alles nicht mehr machen, dadurch entgehen mir aber vielleicht auch besondere Begebenheiten. Ich habe mir keine Gedanken um die Darstellung der Marokkaner an sich gemacht, ich denke mir, wenn man sich so, mit so einer Offenheit in das Leben hineinwirft, dann geht es 99 Mal gut und einmal geht es vielleicht daneben. Aber ich freue mich immer, wenn ich junge Leute sehe, die es mal drauf ankommen lassen, die sich trauen, offen zu sein. Und meistens geht's, wie gesagt, ja auch gut.

Burg: Wie fremd bleibt dann aber trotzdem die arabische Welt? Da ist eine Szene auch, wo Ruf des Muezzin ist, ein betender Gläubiger, Tauben fliegen hoch, und irgendwie schwebt immer so ein bisschen was Bedrohliches in der Luft.

Link: Na, wenn der Ruf des Muezzin ... Das finde ich immer ganz interessant: Die Hälfte unseres deutschen Teams in Marokko fand das ganz befremdlich und negativ und komisch. Mich hat das irgendwie nie erschreckt, ich fand das immer interessant, ich fand das wunderschön, auf dem Dach, auf dem Markt in Marrakech, wenn aus fünf verschiedenen Minaretten da dieser Muezzin ruft - das ist ja unglaublich beeindruckend. Ich habe da jedes Mal Gänsehaut bekommen. Ich will wirklich manchmal auch diesen offenen, naiven, unverstellten Blick darauf, auf diese Fremdheit haben. Ich begreife es nicht, ich habe nicht wirklich Zugang zu dieser Welt, ich maße mir nicht an, zu glauben, dass ich da jetzt wirklich das Wesentliche begriffen habe. Was ich verstanden habe, ist aber wirklich die Wut, die die Menschen haben, wenn wir da hinkommen mit dem Gefühl der überlegenen Geste, also wenn wir ihnen erzählen wollen, was sie verändern sollten, welche Form der Demokratie sie wollen sollten und wie sie ihr Leben leben wollen sollten. Sie wollen das zum Teil überhaupt nicht, und das müssen wir ja auch 'mal anerkennen und akzeptieren. Das kann ich nicht immer gleich abwerten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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