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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.02.2013

Die Genese eines Selbstmords

Sylvia Plath: "Die Glasglocke", Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 262 Seiten

Die US-Lyrikerin Sylvia Plath auf einem undatierten Foto
Die US-Lyrikerin Sylvia Plath auf einem undatierten Foto (AP)

Dieser Roman ist im Original vor 50 Jahren erschienen, und die Autorin hat sich vor ebenfalls genau 50 Jahren umgebracht. Im Wissen um Sylvia Plaths Schicksal macht die Geschichte um Depressionen, Selbstmordversuche und Ausweglosigkeit auch heute noch frösteln.

Dies ist kein neues Buch. Sogar die Übersetzung ins Deutsche ist nicht neu, sie ist 1997 in der Bibliothek Suhrkamp erschienen. Jetzt gibt der Verlag sie erneut heraus, im Hauptprogramm, gebunden wie eine Originalausgabe, mit einem suggestiven 60er-Jahre-Cover, schwindelerregend schwarz-weiß, in den 60er-Jahren designt vom Verlag Faber&Faber in London. Das lässt aber nicht nur auf konkrete Programm- und Finanzüberlegungen im aktuellen Buchgewerbe schließen, sondern bezieht sich auch auf ein Jubiläum: Der Roman ist im Original vor 50 Jahren erschienen, und die Autorin hat sich vor ebenfalls genau 50 Jahren umgebracht.



Auf Sylvia Plath hat sich der Feminismus der 70er-Jahre programmatisch bezogen, und es ist tatsächlich erschütternd: Sie war 31 Jahre alt, als ihr Roman "Die Glasglocke" erschien, und vier Wochen später brachte sie sich um. Es lag von vornherein nahe, in diesen Roman die Genese dieses Selbstmords hineinzulegen: von Selbstmordversuchen handelt "Die Glasglocke" unter anderem auch.



Esther Greenwood, die Ich-Erzählerin, wirkt auf den ersten Blick wie ein typisches All-American-Girl. Sie steht kurz vor ihrem College-Abschluss und ist wegen ihrer herausragenden Schulleistungen zu einem einmonatigen Aufenthalt in New York eingeladen worden, wo ihr viele berufliche Angebote gemacht werden. Die Beschreibung der zwölf Mädchen bzw. jungen Frauen, die auf derselben Hoteletage untergebracht sind, nimmt ungefähr die Hälfte des Romans ein, und es ist frappierend, wie frisch und lebendig das heute noch wirkt: die Sehnsüchte und das Gelangweiltsein der jungen Damen aus besserem Hause, die Parties und Empfänge, die Verheißungen, die sich in Luft auflösen, die Desillusionierungen des Konsums.



Esther Greenwood, die offenkundig eine autobiografische Spielfigur der Autorin selbst ist, versucht zunächst, die Geschehnisse aus ironischer Distanz zu beschreiben, die falschen und verlogenen Rituale des American Way of Life und der Geschlechterbeziehungen aus einer unabhängigen Beobachterposition auf den Punkt zu bringen – doch zusehends gerät sie immer mehr in diese Strukturen hinein.



Es ist eine pointierte, sezierende Sprache, ohne Gefühligkeit und Pathos. Sehr sprechend ist die Geschichte, wie die jungen Aspirantinnen von einer hochglanzambitionierten Hausfrauen-Zeitschrift eingeladen werden, die eine riesige, klinisch saubere Küchenflucht hat. Die luxuriös wirkenden und strahlend beleuchteten Krabben- und Avocado-Cocktails stellen sich jedoch kurz danach als verdorben heraus, die Mädels erbrechen sich Tag und Nacht. Diese Geschäfts- und Konsumpraktiken gesellen sich zu den Verklemmtheiten und Anmachen der männlichen Wesen mit ihren sportlichen Körpern und ihrem ungelenken Redeverhalten.



Esther verfällt immer mehr in eine Depression, die sie schließlich zu stationären Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken zwingt. Dies macht den zweiten Teil des Buches aus, und wie hier Depression, Selbstmordversuche und die Ausweglosigkeit in einem minuziös vorgezeichneten Leben dargestellt werden, lässt, im Wissen um das Schicksal der Autorin, auch heute noch frösteln. Dieser Roman ist ein frühes Manifest gegen ein Demokratieverständnis, das sich auf Konsum, Geld und die puritanische Pflicht zur Ehe beschränkt.



Besprochen von Helmut Böttiger



Sylvia Plath: Die Glasglocke

Aus dem amerikanischen Englisch von Reinhard Kaiser

Mit einem Vorwort von Alissa Walser

Suhrkamp Verlag, Berlin 2013

262 Seiten, 22,95 Euro

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Ein schmales, aber bedeutendes Werk