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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 24.06.2006

"Die generelle Linie war richtig"

BA-Vorstandsvorsitzender Weise zieht positive Zwischenbilanz seiner Arbeit

Moderation: Jörg Sucker und Ulrich Ziegler

Frank-Jürgen Weise, Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (AP)
Frank-Jürgen Weise, Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (AP)

Nach zwei Jahren als Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit zieht Hans-Jürgen Weise eine positive Zwischenbilanz. Alle alten Arbeitsämter seien zu modernen Agenturen umgebaut worden, sagte Weise. Unsinnige Umschulungen und Maßnahmen seien abgeschafft worden. Bei der Umsetzung des Arbeitsmarktprogramms forderte Weise eine klare Kompetenzaufteilung zwischen Arbeitsagentur und Kommunen.

Deutschlandradio Kultur: Die Bundesagentur meldet im vergangenen Monat einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen um 250.000. Die Bundesregierung ist hoch erfreut. Dann kommt die Meldung, dass dieser Rückgang möglicherweise die Folge einer Softwareumstellung in den neuen Arbeitsagenturen und Jobcentern ist. Gibt es jetzt die Trendwende auf dem Arbeitsmarkt oder müssen wir nur lernen diese Statistik neu zu lesen?

Frank-Jürgen Weise: Die von uns gemeldeten Zahlen sind eindeutig richtig. Bei der Berichterstattung war sicher ein Fehler. Wir haben berichtet, dass die Erfassung von Krankenstand im Arbeitslosengeld I und II etwas unterschiedlich ist. Aber das beeinflusst nicht die Zahlen. Sie sagen Trendwende. Deshalb bin ich ein bisschen vorsichtig. Da haben wir gesagt, die ist natürlich noch nicht erkennbar.

Deutschlandradio Kultur: 250.000 ist die größte Zahl im Jahresvergleich seit Jahren.

Weise: Da haben Sie Recht. Die Frage ist nur, wie das dann in der Zukunft weitergeht. Für dieses Jahr sehen wir eigentlich eine gute Entwicklung. Die wirtschaftliche Entwicklung ist gut, auch durch Sondereffekte Fußball etc. Aber es ist noch nicht ganz so klar, was im Jahr 2007 passiert und deshalb bin ich etwas vorsichtig mit diesem Begriff Trendwende.

Deutschlandradio Kultur: Wir haben Konjunkturphasen gehabt, wo es ein leichtes Wirtschaftswachstum gegeben hat. Danach sah das wieder anders aus. Dann ist auch die Zahl der Arbeitslosen wieder nach oben gegangen. Man hört schon bei Ihnen so ein bisschen Skepsis raus. So eine nachhaltige Trendwende sehen Sie immer noch nicht?

Weise: Es gibt einen neuen Effekt, der bisher noch nicht da war. Im Arbeitslosengeld I, also der normalen Fluktuationsarbeitslosigkeit, geht die Arbeitslosigkeit, geht zum Beispiel das Arbeitslosengeld fast dramatisch zurück. Wir werden immer besser. Im Arbeitslosengeld II, das heißt, bei den Langzeitarbeitslosen, haben wir noch keine Bewegung. Es wird nicht in dem Maße eingestellt. Die Menschen sind auch noch nicht in dem Maße bereit Arbeit anzunehmen. Das ist neu. Deshalb bin ich vorsichtig. Ich kann nur die beiden Entwicklungen beschreiben, jetzt allerdings mit ein bisschen Optimismus, dass es auch im Arbeitslosengeld II, was wir Hartz IV nennen, langsam besser wird.

Deutschlandradio Kultur: Über Hartz IV würden wir gern nachher noch mal ausführlicher reden. Aber es gibt vielleicht eine Trendwende, die man wirklich messen kann. Die Bundesagentur für Arbeit braucht keine Zuschüsse mehr, sondern sie erwirtschaftet Überschüsse. Heißt das in der Konsequenz, dass wir Arbeitnehmer, aber auch Arbeitgeber demnächst mit einer deutlichen Beitragssenkung zur Arbeitslosenversicherung rechnen können?

Weise: Die Bundesregierung hat das angekündigt. Das ist aus meiner Sicht eine gute Meldung für die Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wir sprechen immerhin bei den zwei Prozentpunkten von über 14 Milliarden Euro, die in den Taschen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber bleiben. Eine Voraussetzung hat die BA geschaffen, das ist richtig, dass wir in dem Teil Versicherung, in dem wir also völlig alleine zuständig sind, unseren Wirkungsgrad erhöht haben, wirkungsvoll arbeiten und Geld eingespart haben.

Deutschlandradio Kultur: Sie haben ein Problemfeld bei der Arbeitslosigkeit bereits angesprochen, die Zahl der Langzeitarbeitslosen. Gehen wir zunächst noch auf ein anderes Feld, die Zahl der Ausbildungsplätze, ein. In diesem Jahr sieht es noch etwas schlechter aus als im letzten Jahr. Die letzten Zahlen im Mai lauteten 345.000 junge Leute sind bislang ohne einen Ausbildungsplatz, 15 Prozent mehr als 2005. Reichen hier Appelle an die Wirtschaft aus?

Weise: Ich denke, im Moment Ja. Wir müssen ja immer dabei beachten, dass es zum Beispiel viele junge Menschen gibt, die an mehreren Stellen zusagen. Und es gibt auch die Fälle, dass manche eine ganze Weile sehr unentschlossen sind und sich dann aber kurzfristig entscheiden. Ich würde sagen, im Moment ist noch erkennbar, dass wir vielleicht mit einer etwas größeren Lücke als letztes Jahr, aber immer noch gut ins Jahresende kommen.

Deutschlandradio Kultur: Und was macht man mit der Lücke? Sie wird da sein, wahrscheinlich deutlicher als im letzten Jahr?

Weise: Ja. Die gute Botschaft ist, und ich vertrete ja hier nur die Beitragszahler und die Politik, dass für alle Jugendlichen ein Angebot gemacht wird. Da werden mal außerbetriebliche Programme angeboten, von denen wir wissen, sie sind sehr teuer, sie sind eben dann nicht ganz so effizient, aber für jeden Jugendlichen gibt es ein Angebot. Insofern wird die Lücke real nicht bestehen. Es wird teuer für den Steuer- und Beitragszahler. Wir investieren im Jahr sechs Milliarden Euro für solche Programme. Das ist sicher nicht auf Dauer durchzuhalten.

Deutschlandradio Kultur: Sie haben vor nicht allzu langer Zeit erklärt, dass man überlegen könnte, eventuell auch Gelder der Bundesagentur für Arbeit an die Schulen zu geben, dort Jugendliche zu fördern. Was meinen Sie damit konkret?

Weise: Wir sind konkret in Gesprächen zu solchen Programmen. Wir kriegen von den Fachleuten, wir kriegen von der Politik Zustimmung. Das heißt konkret, dass wir beispielsweise in der Hauptschule erkennen, dass jemand nicht genügend deutsche Sprachkenntnisse hat. Nach heutigem Recht müssen wir warten, bis dieser junge Mensch dann endgültig arbeitslos ist, und dann können wir investieren. Das will ich einfach nicht verstehen und begreifen. Deshalb soll es Pilotprojekte geben, dass wir ein solches Profiling, also, wo ist der Mangel, dass jemand ausbildungs- und arbeitsfähig ist, schon in der Schule machen, investieren, indem wir den Sprachkurs bezahlen und die Schule an dieser Stelle unterstützen. Die Schule muss uns in Zukunft ausbildungs- und arbeitsmarktfähige junge Leute übergeben. Und ich kriege in der heutigen Wirtschaftslage niemanden in Arbeit, der nicht ausreichend deutsch spricht und Umwelt- und Arbeitsschutzrichtlinien lesen kann.

Deutschlandradio Kultur: Lassen Sie uns etwas näher auf Hartz IV eingehen, auf die bisherigen Auswirkungen. Diese Hartz-IV-Reform sollte den großen Durchbruch für den Arbeitsmarkt bringen. Würden Sie als erste Zwischenbilanz sagen, dieses Gesetz war der große Wurf? Oder ist das eine verfehlte Reform, wie viele Kritiker meinen?

Weise: Ich fühle mich natürlich nicht berufen, aus Nürnberg die Politik zu beurteilen. Ich schließe mich aber der Meinung an, dass es strategisch sehr richtig war, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe zusammenzulegen. Denn im Kern haben wir doch Folgendes gemacht: Wir haben Erwerbsfähigkeit, Arbeitsfähigkeit neu definiert und haben die Menschen, die bisher in den Kommunen unter der Sozialhilfe völlig am Rand der Gesellschaft gelebt haben, wieder sichtbar gemacht. Die generelle Linie war richtig. Wir haben Pech gehabt, dass wir eine solche Reform in einer schlechten Wirtschaftslage machen, aus unserer Sicht viel zu spät. Und da sind sicher handwerkliche Fehler gemacht worden, was heute die Frage von Verantwortung, von Zuständigkeit, eben solche Reibereien bringt.

Deutschlandradio Kultur: Jetzt hat die Kanzlerin schon mal angedeutet, dass im Herbst im Zusammenhang mit Hartz IV deutliche Korrekturen stattfinden müssten. Was würden Sie ihr aufgrund Ihrer Erfahrungen empfehlen? Wo muss möglicherweise der Hebel angesetzt werden? Ist es eine Reform an Haupt und Gliedern, wie manche fordern?

Weise: Das geht ja gar nicht. Wer hat denn jetzt noch die Kraft, den Mut, ein solches System wieder umzuwerfen? Man muss mal die Dimension kennen lernen. Wir haben über sieben Millionen Menschen, die monatlich individuell Geld aus dem System kriegen. Wir und die Kommunen haben fast 45.000 Mitarbeiter in dem System. Wir haben tausend Standorte. Also viel Freude, wer da jetzt starke Sprüche macht und sagt, er will das zurückdrehen! Wir beobachten, dass es Fehler gegeben hat. Wir geben unsere Beobachtung an die Politik. Ich habe zum Beispiel die Gewissheit, dass Minister Müntefering sehr interessiert zuhört. Er war zweimal hier. Er hat sich die Dinge angeguckt. Wir haben bei ihm immer Gesprächmöglichkeit. Insofern bin ich mit diesem Entwurf der Politik, das im Herbst zu überarbeiten, aus meiner praktischen Aufgabe sehr einverstanden.

Deutschlandradio Kultur: Wo sehen Sie die Mängel? Können Sie vielleicht zwei Beispiele nennen? Manche sagen, es gäbe Kompetenzgerangel, es gäbe keine klaren Absprachen, wer was macht.

Weise: Klar, jeder Profi sagt, es muss Verantwortung geben, es muss Aufgabe und Kompetenz geben und die muss gleich ausgerichtet sein. Also, entweder ist für die Arbeitsgemeinschaft draußen die Kommune verantwortlich und sagt, sie übernimmt die Umsetzung des Arbeitsmarktsprogramms und muss es dann eben richtig machen, oder die BA übernimmt das. Unter Profis gibt es da überhaupt keine Diskussion. Wir müssen es nur in diese föderale Struktur und in die Politik bringen. Das ist vielleicht sogar nachrangig für die Menschen. Die wollen ja keinen Streit zwischen Behörden haben. Nur ich muss sagen, es ist erfolgsfähig und im Moment ist es nicht ganz erfolgsfähig. Ich muss mit 440 Partnern dezentrale Verträge machen. Ein anderer Mangel ist: In diesem System sind viel mehr Menschen, als man erwartet hat.

Deutschlandradio Kultur: Man spricht dann immer sehr schnell auch von Mitnahmeeffekten. Wie groß ist dieses Spektrum, wo es wirklich Mitnahmeeffekte gibt? Wer muss am ehesten dann vielleicht mit Korrekturen rechnen? Wir haben ja das Bekenntnis der Politik generell: Familienförderung steht ganz oben. Andererseits ist es vielleicht am ehesten bei den Familien so, dass sie durch Hartz IV ganz gut gestellt werden, wenn man das mal in Anführungszeichen setzen kann.

Weise: Gut, man muss fairer Weise sagen, wenn junge Leute zum Beispiel sich von ihren Eltern trennen und eine eigene Wohnung dann staatlich finanziert beziehen können, ist das weder Missbrauch, noch ein Mitnahmeeffekt. Es ist eben vom Gesetz angeboten worden. Man hätte vorher vielleicht mal simulieren, rechnen, schätzen müssen, was ein solches Gesetz bedeutet. Die Leute nehmen das in Anspruch, was da angeboten wird. Ich glaube aber, da ist in der Zeit Korrektur geschaffen und auch Einsicht da, dass es nicht so geht. Die politische Frage, wen will man wie finanziell stellen, das muss die Politik beantworten. Da können wir keinen Rat geben.

Deutschlandradio Kultur: Wenn jemand wie Herr Westerwelle sagt, "Hartz IV ist Murks" und die Menschen würden mit Hartz IV regelrecht zum "Tricksen eingeladen", was sagen Sie dazu?

Weise: Ich würde gerne auf Einladung von Herrn Westerwelle mal berichten, was ich hier übernommen habe. Wie ich weiß, saß doch vorher immer ein FDP-Wirtschaftsminister mit in der Regierung. Dann könnten wir mal beurteilen, was alles Murks war und was wir jetzt in der Zwischenzeit in Ordnung gebracht haben. Soll sich Politik so unterhalten? Ich spreche da als Profi anders.

Deutschlandradio Kultur: Lassen Sie uns auf die Kernaufgaben der Bundesagentur kommen. Sie haben einmal gesagt: "Ich kann die Organisation in ihrer Effektivität und Effizienz verbessern, bin aber kein Berater für die Arbeitsmarktpolitik in Berlin." Das klingt etwas bescheiden, eher nach einer etwas dienender Funktion. Kann, muss man das so deuten?

Weise: Das ist bewusst so gemeint. Ich finde es ein schönes Beispiel, dass jeder an seinem Platz, an den er gestellt ist, einen guten Job macht. Meine Aufgabe, diese Organisation mit einem Etat von 55 Milliarden Euro und 100.000 Mitarbeitern leistungsfähig zu machen, ehrlich gesagt, fordert mich schon ganz. Wenn ich diese Aufgabe gut mache, dann haben mein Verwaltungsrat und die Politik wieder die Möglichkeit ihren Führungswillen umzusetzen. Das finde ich eine sehr, sehr gute Rollenaufteilung und das ist – ehrlich gesagt – auch mein Ehrgeiz, der mich hier hält und treibt. Eine andere Rolle würde ich nicht annehmen. Dass wir daraus natürlich auch Hinweise aus der Praxis geben, dass wir unsere Beobachtungen aus den Agenturen und aus den Jobcentern weitergeben, ist selbstverständlich. Noch eine Anmerkung: Genau das bringt mich auch zu der Stärke, dass ich verwundert bin, dass Politiker, die noch nie eine Organisation geführt haben, die keine großen Etats hatten, die vielleicht als Anwalt zwei Anwaltsgehilfinnen hatten, jetzt über meinen Job reden. Ich fände es besser, die sollen in ihrer Sphäre bleiben und ich in meiner.

Deutschlandradio Kultur: Sie kommen selbst aus der Wirtschaft, Herr Weise, und haben mal gesagt, dass Sie jetzt "als Leiter einer Behörde Arbeitslosigkeit nicht nur verwalten wollen, sondern den Betroffenen so schnell wie möglich den Weg zurück zum Arbeitsmarkt ebnen". Jetzt machen Sie diesen Job schon einige Zeit. Wenn Sie Zwischenbilanz ziehen, wo sind Sie mittlerweile angekommen bezogen auf das Ziel, das Sie sich gesetzt haben?

Weise: Also, da muss ich leider wieder etwas differenzieren, weil uns die Erfolge im Arbeitslosengeld I mehr gelungen sind als im Arbeitslosengeld II. Ich muss auch in gewisser Hinsicht wirklich noch zurückhaltend sein, weil ich von richtigem Erfolg kaum zu sprechen wage, wenn wir weiterhin über vier Millionen Arbeitslose haben. Im Arbeitslosengeld I ist es aber so, dass die Zeit der individuellen Arbeitslosigkeit sehr zurückgegangen ist. Wenn heute jemand gekündigt wird, bekommt er eine schnellere Chance, wenn überhaupt eine Stelle vorhanden ist, diese wieder zu kriegen. Er kriegt eine direktere Betreuung. Er kriegt – das ist zumindest der Führungswille, ich hoffe, es wird auch überall ausgeführt – auch eine freundliche, anständige, fachlich gute Beratung. Viele loben uns wegen der Finanzzahlen, aber es ist die falsche Reihenfolge. Weil wir gut arbeiten, gehen wir in der Zwischenzeit auch effizienter mit Mitteln um. Im Arbeitslosengeld II sind wir eben in dieser etwas komplexeren Struktur noch nicht so aufgestellt, dass ich ein gutes Gefühl habe, dem Bürger an jeder Stelle den Dienst zu erweisen, den er eigentlich verdient.

Deutschlandradio Kultur: Dennoch kritisiert der Bundesrechnungshof, dass im Schnitt drei Monate vergehen, ehe ein Betreuer mit Arbeitslosen ein qualifiziertes Erstgespräch führt, und vier Monate vergehen, ehe eine Eingliederungsvereinbarung abgeschlossen wird. Stimmen diese Zahlen? Können Sie die nachvollziehen? Oder ist das doch etwas an den Tatsachen vorbeigehend?

Weise: Im Arbeitslosengeld I ist der Anspruch, dass nach zehn Tagen, nachdem sich jemand gemeldet hat, die Beratung stattfindet. Ich kann immer nur die Zahlen für den Bund sehen. Dem Einzelfall sage ich gleich Entschuldigung, wenn es mal nicht klappt, wenn ein Wochenende dazwischen liegt oder Krankheit. Im Schnitt erreichen wir das überall. Wir erreichen im Arbeitslosengeld I, dass 70 Prozent der Anliegen, die die Menschen an uns rantragen, fallabschließend bei der ersten Begegnung geklärt werden. Ich glaube fast, dass wir in dieser Qualität der Arbeit heute schon sehr, sehr gut sind. Der Bundesrechnungshof beschreibt Fälle, die er im Arbeitslosengeld II gesehen hat. Er hat uns noch nicht gesagt, wo er die konkret gesehen hat, aber ich befürchte, sie stimmen so. Und genau das ist meine Kritik und der Mangel, den ich feststelle. Ich habe dem Präsidenten des Bayerischen Landkreistages, dem Präsidenten des Bayerischen Städtetages einen Brief geschrieben und gesagt, ich kenne Arbeitsgemeinschaften, die heute in ihrer Leistungsfähigkeit viel schlechter sind als andere. Und ich möchte, dass wir uns nicht gegenseitig Vorwürfe machen, sondern jetzt besser arbeiten. Ich kann nur sagen, es wäre unerträglich, wenn jemand drei Monate warten muss, bis er sein erstes Gespräch bekommt.

Deutschlandradio Kultur: Herr Weise, wir unterstellen Ihnen mal, dass Sie aus dieser früher vielleicht trägen Behörde ein modernes, schnelles Serviceunternehmen machen wollen. Das ist das, womit Sie angetreten sind. Wenn Sie mal in Bezug auf Effektivität sich selbst und die Arbeit der Behörde in einer Skala von 1 bis 10 einschätzen wollen, wo würden Sie sich im Moment hinstellen?

Weise: Wir müssten dann noch sagen, wenn 10 sozusagen der optimale Zustand zum Beispiel im europäischen Vergleich ist, dann würde ich sagen, sind wir heute bei 5,5. Ich würde, um ein bisschen Marketing zu betreiben, im Arbeitslosengeld I sicher eher sagen bei 6, vielleicht sogar 6,5. Das wird mir zum Beispiel von meinen ausländischen Kollegen so beschrieben. Aber jetzt übertreiben wir es mal nicht. Wir sind auf jeden Fall über 50 Prozent der Wegstrecke gegangen. Im Arbeitslosengeld II liegen wir höchsten bei 3. Aber, und das ist auch wichtig, wir haben die Mängel anerkannt, erkannt und sind dran sie abzuarbeiten.

Deutschlandradio Kultur: Wie viel mehr Arbeitsplätze kann eine professionelle Jobvermittlung erreichen?

Weise: Ich habe mir von dem eigenen IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) mal ausrechnen lassen, dass durch Effizienzsteigerung, also gegebene Jobs, gegebene arbeitslose Menschen, ein Prozentpunkt der Arbeitslosigkeit durch die Arbeit wirklich zu beeinflussen ist. Das ist nicht zu unterschätzen. Das wären ja bei uns 400.000, die nicht rechtzeitig einen Job finden, weil wir nicht gut arbeiten. Ich nehme das mal ganz bewusst an. Das ist auch ein Ansporn, das ist auch ein Benchmark. Nun ist diese Rechnung, haben wir die erreicht oder nicht erreicht, schwierig. Da kommt ja immer was dazu und geht was ab. Aber allein, wenn man die Zahlen in der Versicherung nimmt, im Arbeitslosengeld I haben wir das eindeutig schon längst erreicht.

Deutschlandradio Kultur: Wenn man die 400.000 von den im Moment 4,5 Millionen offiziell registrierten Arbeitslosen abzieht, blieben immer noch mehr als vier Millionen übrig. Zeigt das nicht, dass das Hauptproblem und gerade auch das Ihrer Agentur einfach ist: Wenn die Arbeitsplätze nicht da sind, kann ich auch nirgendwohin vermitteln?

Weise: Ganz eindeutig, wobei, wir sollten jetzt auch mal die Dinge auch mal differenzieren und nicht übertreiben. Das, worüber ich mich als Staatsbürger freue, die Wiedervereinigung, ist alleine in diesem Geschäft eine Riesenlast. Es ist eben so, dass wir im Osten teilweise Arbeitslosenquoten von über 25 Prozent haben, währenddessen wir in guten Regionen in Westdeutschland auch in Europa im vorderen Bereich liegen. Das zweite Thema sind Ältere. Noch gibt es die Anreize, dass wir – entgegen jedem Sinn und Verstand – unsere älteren Kollegen aus den Firmen entsorgen und das Ganze staatlich subventionieren. Da ist gewollt. Wenn das abgestellt wird – und jeder Politiker sagt das mit Recht –, dann wird sich da was ändern. Man könnte noch erwähnen, wir haben 350 Milliarden Euro Schwarzarbeit. Wenn ich das in Lohn umrechne, habe ich für drei Millionen Menschen Arbeit.

Deutschlandradio Kultur: Herr Weise, eine gute Vermittlung bedeutet natürlich auch, dass man Arbeitsuchende schnell in Betriebe bringt und dass die nicht wieder schnell zurückkommen, sondern dass man relativ genau weiß, was diese Unternehmen haben möchten. Sie versuchen so was systematisch auch zu erfassen, damit Sie die richtigen Leute an die richtige Stelle bringen. Wie weit sind Sie da schon?

Weise: Sehr weit, weil wir auf Drängen unseres Verwaltungsrats genau dort nachhaken und sagen, es hat ja keinen Sinn jemanden rauszubringen in einen Job, der eben dann doch nicht nachhaltig ist. Deshalb haben wir in unserem Steuerungssystem als Arbeitsbegriff die Integration. Das heißt, jemand geht irgendwo hin, aus Arbeitslosigkeit raus, in Maßnahmen, in Arbeit, in Zeitarbeit, alles, was es gibt. Und nach sechs Monaten messen wir Integration 1: ist er da noch und ist er auch sozialversicherungspflichtig? Da zeigt sich, dass wir zum Beispiel schöne Steigerungen zum vergangenen Jahr haben.

Deutschlandradio Kultur: In einer überregionalen Tageszeitung war zu lesen, Sie wollten den Umbau der Bundesagentur hin zu einem modernen und effizienten Dienstleister bis Ende 2007 abgeschlossen haben. Stimmt dieser Zeitplan noch?

Weise: Ja. Wir haben gesagt, die Phase 1 der Reform ist – die BA transparent machen, zum Beispiel die Finanzströme, die Leistungsfähigkeit der Agenturen gegenüber den Menschen, die auf uns angewiesen sind, die Einschätzung auch der Öffentlichkeit zu uns, wir machen ja anonyme Kundenbefragung bei Arbeitgebern, Arbeitnehmern – im Jahr 2005 abgeschlossen. Wir haben alle, wenn Sie so wollen, plakativ gesagt, alten Arbeitsämter zu modernen Agenturen umgebaut. Bei der Phase 2006 und 2007 geht es um die Inhalte. Wir wissen jetzt, was hilft den Menschen nicht. Diese ganzen unsinnigen Umschulungen und Maßnahmen haben wir abgestellt. Aber wir müssen jetzt auch sagen, was hilft den Menschen: Hohe Qualifikation schützt vor Arbeitslosigkeit. Und dort wollen wir jetzt gezielt auch investieren und mit Unterstützung der Politik die Instrumente überarbeiten.

Deutschlandradio Kultur: Und wenn Sie das alles gelöst haben, sagen wir mal am 31.12.2007, was machen Sie dann?

Weise: Dann kommt die Phase 3 der Reform, denn dann muss ich meinen Mitarbeitern und allen sagen, das hört nie auf. Wir werden sicher mal beurteilen, was bedeutet Demographie für uns. Vielleicht ist dann gar nicht mehr nur das Hauptthema, dass wir Arbeitslosigkeit haben, sondern die Frage: Was brauchen die Unternehmen? Investieren wir auch dann in das richtige Profil? Was bedeutet das für die Berufsberatung junger Menschen? Und natürlich werden wir auch unsere Strukturen weiter anpassen und überlegen, wie entwickelt sich das und was ist unsere Antwort darauf. Das geht dann immer so weiter. Ich hoffe eigentlich, wenn Sie so wollen, dass man später mal sagen kann, eine solche große, so genannte radikale Reform ist gar nicht notwendig, sondern die Mitarbeiter treiben die Entwicklung immer gut weiter.

Deutschlandradio Kultur: Und wenn der Chef der Bundesagentur seine Aufgabe in diesem Sinne erledigt hat, was strebt er dann an? Ein Amt in der Politik?

Weise: Nein, ganz sicher nicht. Ich habe einen riesigen Respekt vor Politik. Ich bin immer ein Mensch, der umsetzen muss, niemals der Politik. Ich bleibe also immer in einer Aufgabe, wo ich Verantwortung haben möchte, auch alleinige Zuständigkeit -- und dann die Freude etwas zu gestalten.

Deutschlandradio Kultur: Herr Weise, herzlichen Dank für das Gespräch.

Tacheles

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