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Die Gefühle des Drachenbaums

Vor 40 Jahren schloss Cleve Backster seine Lieblingspflanze an einen Lügendetektor an

Von Xaver Frühbeis

Vor 40 Jahren schloss Cleve Backster seine Lieblingspflanze an einen Lügendetektor an.
Vor 40 Jahren schloss Cleve Backster seine Lieblingspflanze an einen Lügendetektor an. (AP Archiv)

Haben Pflanzen Gefühle? Cleve Backster ist davon überzeugt. Im Februar 1966 schloss der Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes einen Drachenbaum an einen Lügendetektor an und beobachtete Ausschläge, die den Messungen bei einem Menschen ähneln. Für seine These von einem pflanzlichen Empfinden streitet er bis heute - mit mäßigem Erfolg.

Es geschah am 2. Februar 1966. Cleve Backster, der Leiter der Lügendetektor-Schule des amerikanischen Geheimdienstes, hatte eine lange Nacht hinter sich. Nun stand er am Fenster seines Büros und goss den Drachenbaum. Und plötzlich hatte er eine Idee.

"Ich weiß nicht mehr wieso, aber aus irgendeinem Grund wollte ich wissen, wie lange wohl das Wasser brauchen würde, um aus dem Wurzelbereich bis ganz nach oben in die Spitzen der Blätter zu gelangen."

Das herauszufinden, hatte Backster genau die richtigen Geräte im Büro. Lügendetektoren messen elektrische Widerstände, und die sind bei trockenem Material anders als bei feuchtem. Also schloss Backster seinen Drachenbaum an einen Detektor an und wartete auf den Ausschlag. Doch der war anders als Backster gedacht hatte.

"Der Schreiber des Detektors zeigte die Kurve eines Menschen, dem man eine unangenehme Frage gestellt hatte."

Backster war verblüfft. Ob sich das wiederholen ließ? Was konnte man einer Pflanze Unangenehmes antun, damit sie noch einmal ausschlug?

"15 Minuten lang probierte ich alles Mögliche aus. Ich tauchte sogar eines der Drachenbaumblätter in eine Tasse Kaffee. Keine Reaktion. Bei einem Menschen hätte ich gesagt: Dem ist langweilig."

Erfolg hatte Backster erst, als er ins Nebenzimmer ging, um eine Schachtel Streichhölzer zu holen. Er wollte versuchen, die Pflanze ein wenig anzubrennen. Nun schlug der Schreiber aus, allerdings bereits zu einem Zeitpunkt, als Backster erst daran gedacht hatte, den Baum zu versengen.

"Ich dachte: Wow! Das Ding kann ja meine Gedanken lesen."

Nun war Backster neugierig geworden. Ob sein Drachenbaum auch die Gedanken anderer Lebewesen lesen konnte? Backster ließ in dem Büro, in dem der Baum stand, von einer Maschine in zufällig ausgewählten Zeitabständen lebende Shrimps in kochendes Wasser werfen. Der Baum hatte Mitleid mit den Shrimps. Goss Backster das heiße Wasser in einen lange nicht mehr benutzten Waschbeckenausguss, dann wurden dort im Innern ganze Bakterienkolonien weggeschwemmt und gekocht. Der Baum hatte Mitleid mit den Bakterien. Backster fand heraus, dass Hühnereier Schmerz empfinden, wenn sie gekocht werden, und dass sein Baum Mitleid mit den Eiern hatte. Ein mit dem Detektor verbundener Joghurt zuckte zusammen, wenn neben ihm ein anderer Joghurt durch Antibiotika umgebracht wurde. Und Salatblätter fielen in Ohnmacht, bevor sie gegessen wurden.

Es gehörte zu Backsters besten Scherzen, wenn er im Flugzeug seinen Nebenmann mitgucken ließ, wie sein kleiner tragbarer Detektorschreiber in Panik ausschlug, sobald Salat serviert wurde. Während die Fluggäste aßen, trat Totenstille ein. Der Salat war in eine Art schützendes Koma gefallen.

"Ich sagte: Warten Sie, was passiert, wenn das Geschirr abgeräumt wird. Nach 20 Minuten, als alles vorbei war, erwachte mein Salatblatt aus seiner Gefühlslosigkeit wieder zum Leben."

Wir können uns vorstellen, dass der CIA die neuen Versuche seines Experten gar nicht gerne sah. Backster wurde gekündigt und musste sich als Nachtwächter durchschlagen, um künftige Experimente mit Pflanzen, Eiern und Joghurt finanzieren zu können. Mittlerweile ist Cleve Backster 80 geworden, fliegt noch immer in der Welt herum und präsentiert den Leuten die Todesstarre des Salats.

Er hat herausgefunden, dass die Wissenschaftler der westlichen Welt von seiner Entdeckung nichts hören wollen, dass sie versuchen, ihn lächerlich zu machen oder totzuschweigen. Die Leute aber, denen er in Indien begegnet oder in buddhistischen Ländern, die lachen nicht. Sie wundern sich vielmehr, wie ein Mensch so lange brauchen kann, eine derart selbstverständliche Sache herauszufinden. Ich vermute mal, dass Backster dereinst auf der Stelle ins Nirwana eingeht, wogegen es den im Fegefeuer schwitzenden Wissenschaftlern des Westens leid tun wird, dass sie für ihren Kollegen seinerzeit nichts als Spott übrig hatten.

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