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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.02.2011

Die Frau im Eis

Blutch: "Peplum", Avant-Verlag, Berlin 2010, 160 Seiten

Wer ist die Schöne, die von einem Eisberg umschlossen wird? Das fragen sich die Protagonisten. (AP)
Wer ist die Schöne, die von einem Eisberg umschlossen wird? Das fragen sich die Protagonisten. (AP)

Mit harten, drängenden, surrealen Bildern stürmt der Comic-Autor Blutch hinein in diese Geschichte. Sie spielt an der äußersten Grenze des römischen Imperiums, im Jahr der Ermordung Julius Cäsars.

Dick vermummte Männer, kurz davor, einander an die Gurgel zu gehen, kämpfen sich durch einen Sturm, bis sie eine Höhle erreichen. Dort herrscht Stille, und vor allem wartet SIE dort: eine fantastisch schöne Frau, vielleicht eine Göttin, eingeschlossen in einen anscheinend unzerstörbaren Eisblock.

Die Frau im Eis wird zum Leitmotiv dieses Buches. Die Männer zerren den Eisblock aus der Höhle und durch eine apokalyptische, menschenleere Landschaft. Sie werden krank, ein rätselhafter Ausschlag quält sie, sie fallen übereinander her und töten sich gegenseitig. Einer bleibt übrig, ein junger, bis dahin namenloser Sklave. Er nennt sich von nun an Publius Cimber, so hieß der Mann, den er soeben ermordet hat. In der neuen Identität eines verbannten römischen Adligen zieht er allein weiter, die eisige Frau im Gepäck. Das ganze Buch hindurch wird er diese schweigende Frau immer wieder verlieren und neu finden.

Blutch hat in "Peplum" mit holzschnittartigen, wuchtigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen eine bedrohliche antike Welt erschaffen. Durch alptraumhafte Szenen geistern Männer mit Totenköpfen und Nymphen mit Armstümpfen. Auch die immer wieder abbrechende, sprunghafte Handlung folgt der Logik des Traums, taumelt von Piratenüberfällen und Schiffbrüchen zu Höhlenbewohnern und wilden Halbmenschen. In diese halluzinatorische Erzählung werden Fragmente eines chorischen Kommentars eingestreut, eine Reminiszenz an die antike Theatertradition. Beiläufig nimmt Blutch das "Satyricon" von Petronius auf: Publius Cimber wird genauso wie Petronius' Figur Encolpius von erotischen Niederlagen verfolgt.

Und schon im Titel des Buches steckt ein doppeldeutiger Verweis. "Peplum" ist ein Wort für die im alten Rom gebräuchliche Toga, aber auch der italienische Begriff für den Sandalenfilm. Antike Traditionen und moderne, phantasmagorische Aneignungen stehen im ganzen Buch eng beieinander.

Im Kern erzählt "Peplum" eine Geschichte von unmöglichem Begehren. Wenn Publius Cimber Sex haben will, ist er impotent. Später wird er selbst von einer messerschwingenden Amazone vergewaltigt, von dieser Frau kann er sich nur durch einen weiteren Mord befreien. Ganz am Ende steht eine letzte Begegnung zwischen Publius und seiner tiefgefrorenen Angebeteten. Ihr Eisblock schmilzt nun, und was hervortritt, ist nicht mehr als ein toter, nun in Verwesung übergehender Körper.

Das ist, wie so viele lose Enden dieser Erzählung, ein neues Rätsel. Seine Kraft bezieht dieses wortkarge Buch aus den düsteren, dramatischen, aufwühlenden Bildern. Die gehen einem lange nach, auch wenn sie sich nicht zu einer geschlossenen Geschichte verbinden.

Besprochen von Frank Meyer

Blutch: Peplum
Graphic Novel
Avant-Verlag
Berlin 2010
160 Seiten, 25 Euro