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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.03.2011

Die Form ist der Garant unserer Freiheit

Was wir von den Japanern lernen können

Von Jörg Baberowski

Japanische Pendler in einem Bahnhof in Tokio. (picture alliance / dpa)
Japanische Pendler in einem Bahnhof in Tokio. (picture alliance / dpa)

Regeln und Konventionen, die hierzulande als Sekundärtugenden und Repräsentationen eines seelenlosen Kollektivismus verspottet wurden, sind in Wahrheit Ausdruck einer tieferen Einsicht: dass die Form die Freiheit schützt.

Nur in einer Ordnung, die von Konventionen und Selbstdisziplin getragen wird, kann der Mensch frei sein. Wenn jeder tun und lassen könnte, was er will, könnte es keine Gesellschaft geben. Wer im Frieden und in Freiheit leben will, darf die Form nicht verachten. Denn sie gibt unserem Leben Stabilität. Aber erst in Zeiten der Krise, zeigt sich, was eine Gesellschaft im Innersten zusammenhält. Kann man noch darauf vertrauen, nicht umgebracht, beraubt oder rücksichtslos behandelt zu werden, wenn das Leben in der Selbstverständlichkeit von Naturkatastrophen, Kriegen und ähnlichem erschüttert wird?

Als Russland-Historiker hätte ich vor einigen Wochen noch diese Antwort gegeben: im Ausnahmezustand muss man mit allem rechnen, weil es immer Menschen geben wird, die die Notlage anderer Menschen zum eigenen Vorteil ausnutzen werden. Ich hätte auf die Bedeutung des staatlichen Gewaltmonopols verwiesen und die Präsenz der Waffen und Polizisten, die dieses Monopol repräsentieren. Auf die Selbstorganisation der Gesellschaft zum Zwecke der Krisenbewältigung hätte ich nicht viel gegeben.

Jetzt gebe ich andere Antworten. Denn ich bin während des gewaltigen Erdbebens in Japan gewesen und habe erlebt, welch beruhigende Kraft und Sicherheit von einer Umgebung ausgestrahlt wird, in der die Form über allem steht. Unmittelbar nach den ersten starken Beben, die ganz Tokio erschütterten, standen alle U-Bahnen still, der Schiffsverkehr wurde eingestellt. Und schon nach wenigen Minuten gab es überall Gewissheit: Japan war vom schlimmsten Erdbeben aller Zeiten heimgesucht worden. In den Cafés und Restaurants, die einen Fernseher besaßen, konnte man die Bilder der Flutwelle sehen, die ganze Ortschaften mit sich gerissen hatte.

Dann geschah Unerwartetes. Obgleich sich die Straßen Tokios mit Menschen füllten, die nicht mehr nach Hause fahren konnten, obgleich die Verkehrssysteme zusammengebrochen und die schrecklichen Bilder schon in den Köpfen waren, wurde es still in der Stadt. Ich sah, wie Menschen in Anzügen geduldig in kilometerlangen Schlangen auf ein Taxi warteten, obwohl sie wissen mussten, dass sie in dieser Nacht nicht mehr nach Hause kommen würden. Ich hörte keine Flüche, kein Schreien und Klagen, auch keine Beschwerden. Niemand drängelte sich in den Vordergrund, niemand beanspruchte für sich mehr als jeder andere. In Konzerthäusern, Museen und Bahnhöfen hatten sich Menschen friedlich niedergelassen, wurden mit Decken und Getränken versorgt. Ich wartete in der Kälte auf einen Bus. Eine junge Japanerin näherte sich mir, sprach mich auf Japanisch an und überreichte mir ein kleines Heizkissen für die Hände. Meine japanische Begleiterin erklärte mir, was es damit auf sich habe. Die junge Frau habe diese kleinen Heizkissen gekauft und verteile sie nun an die Wartenden, weil ihr die Frierenden Leid täten.

Wir fuhren stundenlang mit einem Bus durch die große Stadt, deren Straßen so sehr mit Autos verstopft waren, dass wir nur im Schritttempo vorankamen. Kein Passagier beklagte sich über die Langsamkeit des Vorankommens, der Busfahrer achtete peinlich genau darauf, keine Verkehrsregel zu brechen, obgleich uns diese Rücksichtnahme viel Zeit kostete. Ich habe in dieser Nacht keinen einzigen unhöflichen Menschen getroffen, keinen Randalierer und keinen Dieb gesehen. Ich habe die innere Anspannung bemerkt und die Kraft, die es gekostet haben mag, sie voreinander zu verbergen. Aber ich habe auch bemerkt, dass die Angespannten die Form über ihren Willen stellten.

Indem sie die Form wahrten, entschieden sie sich für die Gesellschaft, und damit entschieden sie sich auch für ihr eigenes Wohlbefinden. Ich war von tiefer Dankbarkeit erfüllt. Man hatte mir meine Vorurteile genommen. Freiheit, sagt Immanuel Kant, muss eine verständige Freiheit sein und "unter der Bedingung der allgemeinen Regelmäßigkeit stehen, sonst ist sie blind und wild". Regeln und Konventionen, die hierzulande als Sekundärtugenden und Repräsentationen eines seelenlosen Kollektivismus verspottet wurden, sind in Wahrheit Ausdruck einer tieferen Einsicht: dass die Form die Freiheit schützt. Man benötigt keinen Polizeiknüppel, wenn jedermann verinnerlicht hat, worauf es im Leben miteinander ankommt. Diese Wahrheit hatte ich nach wenigen Tagen begriffen. Als ich nach Deutschland zurückkehrte, dachte ich: wie schön wäre es, wenn auch mein Land ein wenig wie Japan wäre.

Jörg Baberowski, geboren 1961, seit 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, Autor zahlreicher Bücher, u.a. "Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus"

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