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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.04.2006

Die Filmstarts der Woche

"Good night, and good luck", "Geh und lebe"

Moderation: Holger Hettinger

Filmszene aus "Good night, and good luck" unterhält sich der Fernsehmoderator Edward R. Murrow (r.) mit dem Produzenten Fred Friendly (l.), gespielt von George Clooney. (AP)
Filmszene aus "Good night, and good luck" unterhält sich der Fernsehmoderator Edward R. Murrow (r.) mit dem Produzenten Fred Friendly (l.), gespielt von George Clooney. (AP)

Bereits zum zweiten Mal steht Hollywoodstar George Clooney in "Good night, and good luck" nicht nur vor, sondern als Regisseur auch hinter der Kamera. Sein in schwarz-weiß gedrehter Film spielt in der McCarthy-Ära der fünfziger Jahre und ist ein Plädoyer für Meinungs- und Pressefreiheit. "Geh und lebe" erzählt von einem äthiopischen Jungen, der in einer jüdischen Familie in Israel aufwächst.

Hettinger: Anke Leweke ist hier im Studio und sie hat die Filme der Woche für uns gesehen. Clooney-Alarm sozusagen, tja, was gibt es Schöneres, wenn the sexiest man alive in einem Film mitspielt. "Good night, and good luck" ist diese Produktion, wie war es?

Leweke: Ja, George Clooney sieht ja nicht nur gut aus, sondern er steht ja auch für die Politisierung des gegenwärtigen Hollywood-Kinos, er ist der Mann, der die Politik sozusagen in Amerika zurück auf die Leinwand gebracht hat. Deshalb ist es natürlich ein sehr spannender Film, es ist ein politisches Statement und zwar für die Meinungsfreiheit und für die Pressefreiheit. Und der Film spielt ja in den Fünfzigerjahren während der McCarthy-Ära, als der Senator damals die Hetzjagd gegen die Kommunisten gemacht hat, gegen alles, was auch nur im weitesten Sinne unamerikanisch ist. Und es geht in diesem Film um einen Nachrichtenredakteur und einen Nachrichtensprecher, und zwar Edward Murrow, und der hat immer Stellung bezogen gegen diese Politik von McCarthy, aber nicht, indem er gesagt hat, die Politik ist schlecht, sondern indem er diese Politik auseinander genommen hat, also die Widersprüchlichkeiten aufgezeigt hat in der Argumentation von McCarthy. Und das macht diesen Film so interessant, weil er einfach zeigt, welche Wege die Politik geht und wie man daran anknüpfen kann als Journalist und so vielleicht viel mehr über die Politik erzählen kann, als wenn man direkt gegen diese Politik vorgeht. Und das macht diesen Film nicht zu einer Polemik, sondern es ist wirklich eine ernsthafte Auseinandersetzung, die natürlich auch sehr aktuelle Bezüge hat, weil man muss ja nur sich anschauen, was in der Presselandschaft in den Staaten jetzt wieder seit 9/11, also seit dem 9. September 2001 passiert ist. Da gibt es ja auch wieder Einschneidungen. Also insofern hat sich die Geschichte ein bisschen wiederholt. Und deshalb ist dieser Rückgriff auch ganz interessant auf die Fünfzigerjahre, um zu sehen was damals und was heute ist. Und der Zuschauer ist sozusagen aufgefordert, da auch mitzudenken.

Hettinger: Klingt ja nach einem hochdiffizilen Konstrukt, der Kommunistenfresser McCarthy und die doch sehr restriktive Ära dieser Fünfzigerjahre und das wird dann in irgendeiner Form mit Bezügen auf das Heute ausgestaltet, klingt sehr subtil, sehr kompliziert. Ist so was im amerikanischen Kino, welchen Stellenwert hat solch ein Film? Ist das was für Spezialisten?

Leweke: Naja, es ist kein Mainstream-Kino, und das sieht man ja auch an den Zuschauerzahlen, ich meine, natürlich hat der Film das Vielfache eingespielt was er gekostet hat, aber er hat jetzt nicht die großen Zahlen geschrieben. Also man muss sich schon so ein bisschen auf den Film einlassen. Allerdings sieht er, er ist schwarz-weiß fotografiert, und er ist unglaublich elegant gefilmt. Also man sieht den Leuten auch sehr, sehr gerne zu. Und was ich wirklich sehr gut finde, dass George Clooney sich dafür entschieden hat wirklich bei der Politik, bei den, immer in diesen Nachrichtenräumen zu bleiben, also es ist jetzt kein Biopicture über Edward Murrow, also man kriegt keine Backstory erzählt oder keine Liebesgeschichte, sondern man sieht die Leute immer bei der Arbeit, wie sie reagieren, wie sie einfach auch für ihr Berufethos kämpfen. Und das ist das Schöne an diesem Film, dass es eigentlich um den Journalisten geht, der auch so eine Vorreiterposition natürlich hat in Sachen Zivilcourage und wie wichtig eben auch investigativer Journalismus ist, und dass eben Journalismus und Nachrichten eben nicht nur Entertainment sein können. Also da geht der Film eben auch noch einen Schritt weiter und das ist ganz schön. George Clooney s Vater hat ja selbst bei den Nachrichten gearbeitet und irgendwann aufgehört, weil er gesagt hat, in Amerika sind die Nachrichten nur noch Entertainment das möchte ich nicht mehr. Dann hat er aufgehört. Insofern kann man den Film eben auch als Hommage an den Vater lesen und gleichzeitig für Nachrichten, die wirklich noch aufklären und nicht alles in diese kleinen Appetithäppchen verpacken.

Hettinger: In schwarz-weiß gedreht, ist die gesamte Ästhetik auch bis hin zum Erzähltempo so diesen behäbigen Fünfzigern angepasst?

Leweke: Nein, ich finde doch da geht er, arbeitet er sehr viel mit Dreischwenks, ist immer ganz nah bei diesen Gesichtern, es wird unglaublich viel geraucht, das macht auch richtig Spaß zu sehen, wie die Kamera dann immer diesen Rauch verfolgt. Also er hat dadurch auch was Dokumentarisches. Also einerseits ist es wirklich sehr stilisiert und dann doch sehr nah an den Gesichtern, dass man wirklich das Gefühl hat von so einer Unmittelbarkeit, dass man wirklich den Leuten zusieht, wie sie ihre Entscheidungen treffen. Also es gibt nichts, ah, wir wissen jetzt, es geht da und da hin, er wird das machen, sondern der Film hat wirklich eine sehr große Gegenwärtigkeit und Unmittelbarkeit.

Hettinger: "Geh und lebe" ist der zweite Film, den Sie gesehen haben, vom Regisseur Radu Mihaileanu, ein rumänischer Regisseur. Worum geht es in diesem Film?

Leweke: Und zwar geht es, es ist ein ganz interessantes Thema auch, und eine Geschichte, die man eigentlich so noch nie auf der Leinwand gesehen hat. Es geht um einen Jungen, der überlebt, weil er sich als Jude ausgibt. Und zwar fängt der Film an in Äthiopien, in einem Auffanglager und wir sehen, da haben ja auch viele Juden gelebt und die Israelis haben ja versucht, genau diese Juden rauszuholen eben nach Israel zu holen, und wir sehen eine Jüdin und deren Sohn stirbt. Sie darf natürlich rüber und sie nimmt den Sohn einer Christin mit. Die beiden kommen dann in Israel an, aber vor Erschöpfung stirbt auch diese Frau und der Junge wird jetzt adoptiert von einer jüdischen Familie und gibt sich natürlich auch die ganz Zeit so aus. Und dessen Werdegang erzählt eben dieser Film. Also es geht sozusagen vom 5-Jährigen bis zum 25-Jährigen, vom kleinen Jungen bis zum jungen Mann.

Hettinger: Hochemotionale Geschichte eigentlich.

Leweke: Ja, auch genauso erzählt. Also dieser Regisseur verlässt sich wirklich auf eine ganz klassische, sehr emotionalisierende Erzählweise, also der Zuschauer wird richtig mit an die Hand genommen, was am Anfang noch sehr, sehr schön ist, also wenn dieser Junge aus Äthiopien auf einmal fließendes Wasser sieht und der Wasserhahn tropft und er kriegt ihn nicht zu, da wird er wirklich wahnsinnig, weil er natürlich denkt, Wasser ist was ganz Wertvolles und hat nicht die Selbstverständlichkeit, dass ist ein Bild, wo man direkt drin ist, in der Perspektive des Jungen. Aber später in der Pubertät, also seine Eltern, wo er groß wird, das sind keine orthodoxen Juden, sondern eher sehr Liberale und er möchte gerne der Vorzeigejude werden. Und diese Pole, das hat dann auch was leicht Verfälschendes oder Einengendes, was so ein bisschen schade ist, da hätte man vielleicht mehr in die Breite gehen können.

Hettinger: Die Filme der Woche, "Geh und lebe" von Radu Mihaileanu und "Good night, and good luck".

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